Ein Porträtbild von Dr. Eckart von Hirschhausen. © Julian Engels Foto: Julian Engels

Von Hirschhausen: "Wir haben wirklich nur noch wenige Jahre"

Stand: 20.05.2021 14:30 Uhr

"Mensch Erde. Wir könnten es so schön haben" - so heißt das neue Buch von Eckart von Hirschhausen. Eine Gesamtschau auf die Schöpfung und ihre Krise.

Der Mediziner sagt: "Es gibt nicht die Umwelt. Wir sind Teil von ihr, verbunden, wie in dem Bibelvers: 'Wie im Himmel so auf Erden'." (Mt 6,10)

Was mögen Sie an dem Bibelvers?

Der betont die Verbindung, Gemeinsamkeiten. Und auch den Ursprung von Religion, das heißt ja "verbunden sein" und dafür sehe ich eben auch im christlichen Glauben sehr brauchbare Ansätze. Zum Beispiel diese Idee von Nächstenliebe, es kann uns nicht egal sein, wie es jemand anderen geht. Die Nächstenliebe bräuchte jetzt, wo das Überleben von uns allen gefährdet ist und auch den nächsten Generationen wir unglaubliche Lasten überlassen, eigentlich eine Ergänzung. Ich nenne das etwas scherzhaft, aber auch ernst die "Übernächstenliebe".

Sie schreiben, dass wir als Menschen das Maß verloren haben, dass es um eine Krise des Verhältnisses von Endlichkeit, Zeit und Ressourcen geht. Wie hat sich ihr Menschenbild jetzt durch ihre Forschungen zum Buch verändert? 

Ich bin bis ins Mark erschüttert. Über das Ausmaß, was mir vor meiner Recherche, und ich habe jetzt wirklich drei Jahre an diesem Thema gearbeitet, so nicht klar war. Also wir haben wirklich nur noch wenige Jahre. Manche sagen weniger als zehn Jahre, um diesen Planeten für Menschen bewohnbar zu erhalten. Und das war mir in dieser Dramatik nicht klar. Diese Fragilität des Lebens, die habe ich tiefer inhaliert als vorher. Und die hat uns ja auch die Corona-Krise gezeigt.

Also es geht letztlich um Verantwortung und um diese Frage nicht nur, was wollen wir vom Leben, sondern was will das Leben von mir. Gibt es in ihrer Vorstellung etwas wie eine große Abrechnung, die dann kommt?

Die Abrechnung haben wir jetzt schon. Also wir machen uns gerade das Leben auf der Erde zur Hölle. Und das ist wirklich ein Erschrecken, wo wir erstmal, glaube ich, dies Trauer zulassen müssen. Darüber, was schon kaputt und für immer weg ist. Und dieses Erschrecken hat einen Namen. Und darüber schreibe ich auch in meinem Buch: Was macht es eigentlich mit unserer Seele, wenn wir merken, dass die Heimat, die wir in uns und auch als Kinder inhaliert haben, schlichtweg weg ist. 

Ist es Ihnen auch so gegangen, als Sie für das Buch geforscht haben, dass es Sie erstmal in so eine persönliche Krise gestoßen hat?  

Ja, ich bin ja bekannt geworden als Komiker und als Kabarettist. Und es ist schon schwierig bei dem Thema nicht den Humor zu verlieren. Auf der anderen Seite glaube ich, dass Veränderung nur mit guter Laune, gehobener Gestimmtheit gelingt beim Menschen.  

Der Autor Eckart von Hirschhausen © Dominik Butzmann Foto: Dominik Butzmann
AUDIO: Im Anfang war das Wort mit Eckart von Hirschhausen (10 Min)

Würden Sie sagen, wir haben wirklich eine Krise des Menschseins?

Der Autor Eckart von Hirschhausen © Dominik Butzmann Foto: Dominik Butzmann
Corona als Einsichtsmoment: Den Menschen fehlt nicht der Konsum, meint Eckart von Hirschhausen.

Ja, wir sind die erste Generation, die kapiert, wie schlimm es ist und die letzte, die es drehen kann - dass, überhaupt diese Erde bewohnbar bleibt für Menschen. Bakterien können bei über hundert Grad existieren. Wir Menschen haben ein biologisches Limit. Und das haben wir vergessen. Wir haben in unserer Hybris gedacht, wir können uns aus allem rauskaufen. Wir haben so ein tolles Gesundheitswesen, das repariert alles. Wir haben einen Körper, wir haben eine Biologie. Wir haben auch eine Spiritualität und deshalb versuche ich in dem Buch auch immer wieder zu zeigen: Wir verbrauchen ja auch so unheimlich viel, weil wir nicht wissen, was wir wirklich brauchen. Und wir brauchen mehr nichts, mehr Dinge, die uns wirklich glücklich machen … Es auch eine Krise unseres Selbstverständnisses und unserer seelischen Gesundheit, unserer Spiritualität. 

Ich schreibe auch darüber, was Konsum antreibt. Das ist eigentlich auch ein Mangel an Selbstwertgefühl … Und da kam Corona auch als Einsichtsmoment. Denn wenn man sich fragt, was fehlt uns jetzt im Lockdown am meisten: Ist es wirklich das Shoppingerlebnis, oder ist es Menschen in den Arm zu nehmen nah zu sein, miteinander zu lachen, zu beten, zu singen. 

Wie sieht ihre eigene spirituelle Praxis aus?

Für mich ist Singen ganz wichtig. Und es tut mir wirklich in der Seele weh, dass man es gerade weder im Chor, noch öffentlich oder in den Gottesdiensten darf. Aber im privaten Rahmen ist das ein Weg, den ich weiter pflege. 

Sie haben jetzt ganz oft nicht über Umwelt gesprochen, sondern über Schöpfung. Also von Gott geschaffen. Welche Beziehung haben Sie zu dieser Vorstellung? 

Ich mag das Wort "Umwelt" nicht, weil es suggeriert, dass der Mensch in der Mitte steht und der Rest ist um ihn herum, die ist nur für ihn da. Darum mag ich das Wort „Mitwelt“. Kein Mensch würde sagen, ich habe "Umbewohner", sondern man hat "Mitbewohner" und aus dem Weltall betrachtet oder aus einer göttlichen Perspektive heraus sind wir alle Wohngemeinschaft. Wir sind alle in einem Homeoffice, denn wir haben nur das eine Home. Das ist unsere Mutter Erde. Für mich ist das gar nicht wichtig, wie die Erde entstanden ist. Und ich akzeptiere gerne, dass es Dinge gibt, die größer sind als ich. Da muss man auch gar nicht christlich oder religiös sein, weil in allen spirituellen Weisheitslehren der ganzen Erde kommt dieser Kerngedanke vor nämlich: Die Erde ist ein Geschenk.

Welche Rolle spielt Glauben für Ihr Engagement?

Der Glauben spielt eine Rolle, weil ich erstens immer noch hoffe, dass wir das Ding irgendwie gedreht kriegen. Dafür braucht es eine Vision, eine Idee, dass es mit einem immateriellen Weltbild auch schöner sein könnte. Und da gibt es in der Bibel viel inspirierende Geschichten, die letztlich immer das sagen, was auch die psychologische Forschung in den letzten zwanzig Jahren immer wieder belegt: Das Besitz allein nicht glücklich macht. Dass Ungleichheit unglücklich macht. Dass eben wie in meinem Bibelvers "Wie im Himmel so auf Erden" wenn wir den Himmel zumüllen, dann fällt uns das auf die Füße.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 22.05.2021 | 07:40 Uhr

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