Paulina Fröhlich, Leiterin des Programmbereichs Zukunft der Demokratie des Progressiven Zentrums © Alissar Najjar

Paulina Fröhlich: "Die Kirche ist für mich Impulsgeberin"

Stand: 02.06.2022 12:30 Uhr

Paulina Fröhlich ist Leiterin des Programmbereichs Zukunft der Demokratie im Thinktank im "Progressiven Zentrum" in Berlin. In dieser Denkfabrik wird politisch vor- und nachgedacht sowie parteilich unabhängig an neuen Strategien gearbeitet.

Sie glaubt, "dass einige Parteien und politische Akteure Fortschrittlichkeit mit Innovation gleichsetzen, also die Idee das technische Neuerfindungen oder auch gesellschaftlich neue Erfindungen per se gut und richtig sind - und das würden wir nicht behaupten." Es gehe stattdessen um eine Abwägung, was von dem neu erdachten oder eingesetzten tatsächlich Verbesserung für den Menschen bringe.

Und um welche Inhalte geht es da?

Paulina Fröhlich: Es geht um Demokratie und Demokratiepolitik, um Strukturwandel oder was auch häufig jetzt als Transformationen beschrieben wird - das Streben nach Klimaneutralität. Wir kümmern uns außerdem um den internationalen Dialog und fokussieren uns hierbei auf Europa und das transatlantische Verhältnis.

Unter dieser großen Bandbreite von gesellschaftlichen Playern - wo und wie ordnen Sie da die Kirche ein?

Fröhlich: Für mich ist die Kirche eine Advokatin für bestimmte gesellschaftliche Vorstellungen; für Werte beim Thema Umwelt und Klimaschutz. Hier gibt es viele Beispiele einer engen Absprache und Zusammenarbeit zwischen Kirche und "Fridays for Future", der Kinder und Jugendbewegung, ebenso bei der Seenotrettung. Da ist für mich die Kirche eine Impulsgeberin einer Anspielperson und ja, eine starke Allianz-Kraft.

Spielen christliche Werte für Sie persönlich eine Rolle, also für Sie und Ihr Engagement?

Fröhlich: Ich bin in Hamburg groß geworden, und ich bin unter anderem geprägt durch Werte, die sich christlich nennen. Ich habe selber auch am Konfirmationsunterricht teilgenommen, ich habe mich viel mit Religion und religiösen Fragen auseinandergesetzt. Deswegen würde ich sagen, spielt es für mich schon eine Rolle im Nachdenken und im Wertekompass. Es ist manchmal nicht so offensichtlich oder greifbar, aber manchmal sind es ja sogar die unsichtbaren Dinge, die wir noch nicht ganz begriffen haben und die uns am stärksten lenken

An was denken Sie dabei? Also an welche Werte? Fällt Ihnen da einer ein?

Fröhlich: Die Religionen tragen für mich Friedensbotschaften in sich, und den Anspruch, eine sehr große Gruppe an Menschen so zu organisieren, dass sie friedlich koexistieren können. Im Sinne der Auseinandersetzung, wer sind wir als Menschen, was fühlen wir, was denken wir - das ist für mich etwas, ja nicht nur Christliches, sondern auch Religiöses, was mich beeindruckt.

Sie sind mit dem Projekt "Kleiner Fünf - radikale Höflichkeit gegen Rechts" bekannt geworden. Was ist die Zielsetzung dieses Projektes gewesen?

Fröhlich: "Kleiner Fünf" hat seinen Ursprung darin genommen, dass mehrere Menschen die Erfahrung machen mussten, dass sich der Diskurs geändert hat. Ich meine ich konkret, dass die Gespräche am Frühstückstisch, sich um die Geflüchteten, die 2015 vermehrt ankamen, rauer wurden. Und, dass populistische Botschaften häufig wiederholt wurden. Das hat einige von uns sehr erschüttert und vor die Frage gestellt, wie wir eigentlich mit diesen Situationen umgehen. Was mache ich, wenn bei so einer harmlosen Familienfeier ein Onkel auf mich zukommt und plötzlich über Geflüchtete herzieht. Wie stehe ich dazu, wie reagiere ich? Da haben viele von uns die Erfahrung gemacht, dass sie entweder ausflippen, einen Streit anzetteln und dann nicht wieder rauskommen oder aber das Gegenteil tun, und zwar schweigen, es in sich reinfressen, sehr unglücklich nach Hause gehen - mit unausgesprochenen Gedanken im Kopf. "Kleiner Fünf" erhebt den Anspruch, diesen Menschen zu helfen, indem Gesprächsleitfäden bereitgestellt werden, Reaktionsmuster erklärt werden und der Versuch unternommen wird, uns eine Sprache zu geben in Situationen, wo politische Gespräche hitzig werden.

Es hat zum Projekt Kleiner Fünf auch einen Dokumentarfilm gegeben: "Egal - gibt es nicht". Würden Sie sagen, das ist ein Motto was immer noch für sie passt?

Fröhlich: Ja, ich denke schon. Das "Egal - gibt es nicht" bedeutet für mich, dass bestimmte Dinge einfach verteidigt gehören. Die gehen uns alle etwas an. Die können wir nicht einfach auslagern, an etwas Technokratisches wie eine Behörde oder etwas Abstraktes wie das Grundgesetz. Sondern das geht uns einfach alle etwas an und das beginnt mit der Würde des Menschen.

Paulina Fröhlich, Leiterin des Programmbereichs Zukunft der Demokratie des Progressiven Zentrums © Capital Headshots Berlin
AUDIO: Gott und die Welt mit Paulina Fröhlich (10 Min)

Woher nehmen sie ihre Kraft?

Fröhlich: Die Überzeugung, dass es das Richtige ist, was wir tun, hat sehr viel Kraft gegeben. Wenn man Erfolge sieht, also, wenn man sich mit einem Menschen unterhält, der oder die wirklich in einer verzwickten Lage ist, weil beide Elternteile zu Rechtspopulistinnen geworden sind, ja und man hilft diesen Menschen tatsächlich darin, mit dieser Situation klarzukommen, sie für sich einzuordnen und doch noch einen Gesprächsstrang mit den Eltern offenzuhalten. Das ist unheimlich motivierend.

Kleiner Fünf ist dann ja 2017 auch auf dem "Markt der Möglichkeiten" beim Kirchentag vertreten gewesen. Warum?

Paulina Fröhlich, Leiterin des Programmbereichs Zukunft der Demokratie des Progressiven Zentrums © Capital Headshots Berlin
Auf Kirchentagen tauscht sich Paulina Fröhlich mit anderen wichtigen Netzwerken zum Themenschwerpunkt Demokratie aus.

Fröhlich: Das ist richtig und wir haben es sogar fortgesetzt in den Kirchentagen danach und haben noch Stände dort gehabt. Das war für uns eine großartige Möglichkeit, mit vielen vielen sehr unterschiedlichen Menschen in Kontakt zu kommen. Ich erinnere mich an einen Tag beim Kirchentag, ich glaube es war 2017, da hatten wir einen Stand unweit vom Recherchenetzwerk "Correctiv", das in dem Jahr ein "Schwarzbuch" über die AFD und ihre Netzwerke im Hintergrund herausgegeben hatte. Wir konnten uns während des Kirchentages kennenlernen und austauschen - das hat sehr geholfen.

Jetzt beim Ukraine Krieg, da erleben wir ja einen Rückfall in ganz alte Strategien von Geopolitik. Würden Sie sagen, dass Menschen langfristig zu Fortschritt überhaupt fähig sind oder müssen wir immer wieder in alte Machtstrukturen zurückfallen?

Fröhlich: Ich denke, dass der Mensch auf jeden Fall fähig ist für Fortschritt, dafür gibt es zu viele Beispiele, als dass man das widerlegen wollen würde und dennoch das Bestreben nach Macht und auch Gewalt und Einfluss scheint einer der größten Fallstricke der Menschen zu sein und das ist ein trauriges Beispiel dafür, was wir gerade erleben.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Fröhlich: Ich bin gewillt so etwas wie Liebe zu sagen. Darin steckt wahnsinnig viel Kraft und Hoffnung, für die kaum eine Begründung notwendig ist. Aber über die Liebe hinaus sind es häufig auch Menschen. Menschen, die ich als sehr beeindruckend erlebe, weil sie aus widrigen Situationen, die das Leben ihnen beschert hat, dennoch hervorgehen und für das Gute und für Andere eintreten. Diese Geschichten faszinieren mich sehr und treiben mich an - und geben mir Hoffnung.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Gott und die Welt - der Podcast | 04.06.2022 | 07:40 Uhr

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