Eine Senioren sitzt an einem Tisch auf dem eine ausgebreitete Zeitung liegt © photocase Foto: poly picture

Freude im Alter trotz eingeschränkter Mobilität

Stand: 29.06.2022 10:26 Uhr

Das Alter kann sehr lebenswert sein, auch wenn man auf Hilfe anderer angewiesen ist. Davon erzählen ältere Menschen, die sich das selbst früher nicht hätten vorstellen können.

von Pastorin Claudia Tietz

"Nein, so alt will ich nicht werden!" "Das ist ja kein Leben mehr!" "Nur nicht abhängig sein von den Kindern!" Solche Sätze höre ich oft. An Demenz erkranken, auf die Hilfe von anderen angewiesen sein, die eigene Wohnung verlassen müssen, nicht mehr alles selbst tun können... Das scheint für viele Menschen eine schreckliche Vorstellung zu sein. Wie eine Bedrohung. Manche möchten lieber sterben, als ihre Selbstständigkeit aufgeben. Jedenfalls sagen sie das, solange sie noch unabhängig leben können.

Ich weiß, dass es bedrückende Situationen für alte und kranke Menschen gibt. Ich weiß auch, dass die Abhängigkeit von anderen manchmal entwürdigend sein kann. Aber ich kenne auch viele Menschen, die trotzdem sehr gerne leben. Obwohl sie krank sind oder angewiesen auf andere. Die in einem Seniorenheim wohnen oder in ihrer Mobilität stark eingeschränkt sind. Und manche von ihnen geben zu, dass sie sich das früher gar nicht hätten vorstellen können.

Zeit haben für Dinge, die vor dem Ruhestand zu kurz kamen

Eine von ihnen ist Frau Leubinger. Sie hat starkes Rheuma und kann schon seit einigen Jahren nicht mehr alleine laufen. Tagsüber sitzt sie im Rollstuhl. Und zwar an dem großen Tisch, den sie in der Mitte ihres Zimmers im Seniorenheim hat aufstellen lassen. Vor sich hat sie eine Wochenzeitung ausgebreitet. Am Tischrand liegen in ordentlicher Reihe ein roter Kuli, ein blauer Kuli und ein Lineal. Sie war Lehrerin, bevor sie vor 30 Jahren pensioniert wurde. Jetzt studiert sie in Ruhe die Zeitung. "Das ist herrlich, wissen Sie? Mein Leben lang hatte ich nicht genügend Zeit, um in Ruhe die Zeitung zu lesen. Jetzt studiere ich sie Woche für Woche. Ein Genuss ist das! Rot markiere ich das, was ich anderen unbedingt sagen will, mit denen ich telefoniere oder die mich besuchen kommen. Blau unterstreiche ich nur das, was ich mir selbst merken will. Naja…" Sie zwinkert mir zu: "Das Unterstreichen hilft auch nicht immer. Aber es ist eine Freude, glauben Sie mir!" Eine Freude, die manche sich in jungen Jahren gar nicht vorstellen können.

Dieses Thema im Programm:

Kirche im NDR | 29.06.2022 | 09:40 Uhr

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