Sendedatum: 10.09.2020 19:05 Uhr

Beten in der Badewanne

von Vikar Jaan Thiesen

Mann, das war anstrengend heute. Meine Arbeit macht mich manchmal echt fertig. Und dann muss der Haushalt ja auch noch gemacht werden. Es hört gar nicht auf.

Junger Mann in der Badewanne © Fotolia.com Foto: Yanik Chauvin
In der Badewanne können Körper und Seele entspannen.

Aber ich mache da jetzt nicht mehr mit. Ich habe mir ein Bad eingelassen, mit ordentlich Schaum, und liege in der Wanne. Im ersten Moment war es etwas zu heiß, aber wenn man sich daran gewöhnt hat, ist es perfekt. Ich liege bis zum Kinn im Wasser. Der Schaum knistert an meinen Ohren. Eine wohlige Wärme durchdringt mich und ich fühle mich frei und schwerelos wie lange nicht mehr.

Warum mache ich das nicht öfter? Es tut doch so gut. Ich rutsche noch etwas tiefer rein, bis mir das Wasser in die Ohren fließt. Nun höre ich nur noch ein Rauschen. Ich mache die Augen zu und die Welt um mich verschwindet. So vergehen ein paar Minuten.

Gebetszeit füllt auch innerlich mit Wärme

Ich weiß, dass ich so nicht lange im Wasser liegen kann. Irgendwann würde mir kalt werden. Ich sollte also die Wanne verlassen, solange mir noch warm ist. Mir einen Bademantel anziehen und die Wärme, die ich gewonnen habe, noch ein bisschen an mir halten. Aber die Wärme und die Ruhe sind flüchtig. Wie so viele gute Gefühle. Liebe, Hoffnung, Glaube: So schnell, wie sie kommen, können sie vergehen. Da ist es gut zu wissen, wo man wieder auftanken kann. Wo man eintauchen kann. Für meinen Glauben ist dieser Ort das Gebet. Eine tiefe Zeit mit Gott - hier fühle ich mich ihm ganz nahe. Sogar wenn ich zweifle. Oder wenn ich schlechte Laune habe.

Sonnenaufgang über Hanshagen © NDR Foto: Uwe Kantz aus Hinrichshagen

AUDIO: Gesegneten Abend (2 Min)

Genauso wenig wie in der Wanne kann ich, auch nicht ewig im Gebet bleiben. Ich muss zurück in die Welt. Aber aus meiner Gebetszeit kann ich manchmal den ganzen Tag zehren. Es beruhigt mich. Und auf eine gewisse Weise füllt es mich auch innerlich mit Wärme. Es tut gut Gott zu sagen, wie es mir geht - egal ob mein Tag ruhig oder anstrengend war. Heute verbinde ich mein Bad mit dem Gebet. Im Rauschen unter dem Schaum bete ich nur kurz: "Danke."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 10.09.2020 | 19:05 Uhr

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