Stand: 04.10.2018 16:55 Uhr

Handwerkermangel: Hör mal, wer da nicht hämmert

Die Bundesregierung hat gerade ein Gesetz auf den Weg gebracht, das Versicherten rascher einen Termin beim Facharzt verschaffen soll. Mancher wünscht sich vielleicht, dass es ein solches Gesetz auch fürs Handwerk gibt. Auf einen Maler wartet man nämlich inzwischen ebenso lange wie auf eine Untersuchung beim Orthopäden. Das liegt nicht am mangelnden Fleiß der Handwerker. Es fehlen bei Klempnern, Glasern, Bäckern und Co. schlichtweg rund 150.000 Fachkräfte, um alle Aufträge erfüllen zu können. Am Thementag Handwerk beleuchten wir am Donnerstag auf NDR Info die Herausforderungen für die Branche.

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Handwerksbetriebe müssen die Ausbildung attraktiver gestalten, meint Ulrich Czisla in seinem Kommentar.

Bei den Kindern ist noch alles klar: Eine aktuelle Befragung von 10.000 Schülern im Alter bis 14 Jahren hat ergeben, die meisten Jungen wollen Handwerker werden. Maurer, Schreiner und Kfz-Mechaniker stehen bei ihnen hoch im Kurs, die Mädchen wollen am liebsten etwas - so wörtlich - "mit Tieren machen". Wenn die Jugendlichen aber ein paar Jahre später die Schule beendet haben, hat sich das Blatt gedreht. Rund 60 Prozent von ihnen beginnen ein Studium.

Sich einen Ausbildungsplatz zu suchen, ist für die meisten jungen Leute nur die B-Lösung. Die Ursachen dafür sind vielschichtig, liegen aber zu einem guten Teil auch im Handwerk selbst. Früher war die Situation für die Betriebe komfortabel. Sie wurden mit Bewerbungen fast überschüttet. "Vielen Dank für das Gespräch, wir melden uns bei Ihnen", stand meist am Ende des Kennenlern-Termins beim Arbeitgeber. Genommen wurden dann aber nur zwei oder drei Kandidaten aus einem Bewerberfeld, das aus Dutzenden von Interessenten bestand. Für viele Ausbildungsplätze galt Abitur als Mindestvoraussetzung.

27.000 Lehrstellen blieben unbesetzt

Heute hat sich die Lage gedreht. Aus einem Angebotsmarkt, wo junge Menschen fast jede Lehrstelle nehmen mussten, die sie ergattern konnten, ist ein Nachfragemarkt geworden. So mancher potenzieller Auszubildender steht heute nach dem Bewerbungsgespräch auf, nickt dem Chef des Handwerksbetriebs freundlich zu und verschwindet mit einem "Ich melde mich dann bei Ihnen". 27.000 Lehrstellen sind zum Start des neuen Ausbildungsjahres Ende August bundesweit unbesetzt geblieben.

Handwerk muss attraktiver werden

Doch eingestellt haben sich viele Betriebe auf die neue Lage noch nicht. Das Handwerk muss mehr bieten, um mit der Freiheit des Studentenlebens und den höheren Einstiegsgehältern nach einem Studium mithalten zu können. Was nicht mehr funktioniert, ist den Lehrling als billige Hilfskraft zu nutzen, der in den ersten Monaten überwiegend die Werkstatt fegt. Auch bei kleineren Betrieben müssen strukturierte Ausbildungskonzepte her, Auslandsaufenthalte und Karriere-Chancen, dazu sicherlich höhere Azubi-Vergütungen. Wo Klein- und Kleinstbetriebe das nicht leisten können, sind die Kammern aufgerufen zu helfen.

Lage wird sich weiter verschlechtern

Mindestens 150.000 Fachkräfte, sagen Experten, fehlen jetzt schon bundesweit im Handwerk. Noch schlimmer wird es in zehn Jahren, wenn etwa 200.000 Inhaber von Meister-Betrieben in Rente gehen. In den Griff zu bekommen ist das Problem nur, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Wenn die Politik etwa die Meister-Schule ähnlich fördert wie ein akademisches Studium, wenn jungen Zuwanderern - egal ob Flüchtling, ob aus der EU oder aus Drittstaaten - ein unkomplizierter Zugang zu unserem dualen Ausbildungssystem eröffnet wird. Und wenn die Kammern und Betriebe für einen Imagewechsel sorgen, der deutlich macht, dass eine Ausbildung für viele durchaus nicht nur die B-Lösung sein muss.

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NDR Info | Kommentar | 04.10.2018 | 17:08 Uhr