Stand: 05.12.2019 07:10 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Leben mit Fatigue: "Jeder Tag ist ein Kampf"

von Birte Steuer, NDR 1 Welle Nord

Gaby Bönig aus Flintbek leidet seit Jahren am Fatigue-Syndrom. Mittlerweile kann sie trotz schwerer Krankheit wieder Lachen.

Gaby Bönig ist Anfang 50 und eine Kämpferin. Eine Frau, die sich ihren Lebenswillen jeden Tag aufs Neue hart erarbeiten muss. Seit ihrem 18. Lebensjahr gab es keinen Tag, an dem sie wirklich "richtig gesund" war. Eine schlimme Darmerkrankung hat schon seit ihrer Jugend ihr ganzes Leben bestimmt. Ihr Studium zur Bauingenieurin war in der Zeit ihr Anker, um nicht zu verzweifeln. Es gab ihr Kraft. Leider konnte Bönig aufgrund ihrer Erkrankung niemals in ihrem erlernten Beruf arbeiten.

2011 kam dann der nächste Schock: Bei einer Darmspiegelung wird Darmkrebs diagnostiziert. Es folgten eine Operation und eine harte Chemotherapie. In der Zeit der Therapie war sie ständig krank. Ihre Nieren arbeiten heute nur noch zu 50 Prozent, sie hat einen künstlichen Darmausgang und leidet seit fast acht Jahren an einer schweren Form von Fatigue.

Leben mit andauernder Erschöpfung

Eine Frau reibt sich die Augen © colourbox

Gaby Bönig - ein Leben mit Erschöpfung

NDR 1 Welle Nord - Horst und Mandy am Morgen -

Gaby Bönig aus Flintbek leidet seit einigen Jahren an der Erkrankung Fatigue. NDR 1 Welle Nord Reporterin Birte Steuer hat sich mit ihr über ihren oft harten Alltag unterhalten.

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Beim Fatigue-Syndrom handelt es sich um eine belastende Erschöpfung infolge von Krebs oder einer chronischen Erkrankung. Sie ist oftmals so stark, dass die Lebensqualität der Betroffenen massiv eingeschränkt ist. Die Erschöpfung ist durch Ausruhen und Schlaf nicht zu beheben und wirkt sich bei jedem unterschiedlich aus. Die Erkrankung kann nicht mit Medikamenten behandelt werden, es besteht aber die Möglichkeit, dass sie wieder von alleine verschwindet. Fatigue betrifft Körper, Geist und Seele.

Alltag ohne Energie

Ihren Alltag muss Gaby Bönig minutiös planen, ihre Kraft regelrecht einteilen, damit sie ihre Aufgaben überhaupt bewältigen kann. Die meiste Energie hat sie noch am Morgen - bis zum Mittag. Danach geht oft nichts mehr. "Da falle ich nur noch auf das Sofa, auf den Sessel oder sogar ins Bett." Inzwischen schlafe sie oftmals tagsüber zwei, drei Stunden. "Wenn ich dann wieder wach werde, ist da nichts mehr an Energie, dann schaffe ich es vielleicht gerade noch, mir was zum Abendbrot oder mich zum Schlafen zurecht zu machen", so Bönig. "Aber dann geht nichts mehr."

Es gibt sogar Tage, an denen sie es kaum schafft, sich anzuziehen, die Zähne zu putzen oder etwas zu lesen. Arbeiten kann sie auch nur eingeschränkt. Sie arbeitet auf Stundenbasis im Betrieb ihres Bruders und übernimmt dort den Papierkram. Sie lebt zusammen mit ihrer Mutter in einer Doppelhaushälfte in Flintbek (Kreis Rendsburg-Eckernförde) . Beide stützen sich und geben einander Kraft.

Erkrankung hat auch psychische Folgen

Neben den körperlichen Einschränkungen leidet Bönig auch psychisch unter der Erkrankung. Am schlimmsten ist für sie, dass sie immer bereit ist und etwas machen möchte, der Körper aber zu schwach ist. Diese Diskrepanz nagt schwer an ihr. Deswegen ist sie seit einiger Zeit bei einem Psychotherapeuten. Vor einigen Jahren ging es ihr so schlecht, dass sie nicht mehr weitermachen wollte. "Da habe ich im Auto gesessen und gesagt: Was hält dich eigentlich davon ab, vor den nächsten Baum zu fahren?" Nach diesem Erlebnis sei sie unter Tränen und Schock nach Hause gekommen, habe sich ins Bett gelegt und die Decke über den Kopf gezogen. "Ich habe einfach nur gedacht: Wozu noch alles? Es ist ein Kampf, jeder Tag ist ein Kampf."

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Krebsgesellschaft Schleswig-Holstein macht Mut

Auftrieb und Mut geben ihr seit einigen Jahren die Angebote der Schleswig-Holsteinischen Krebsgesellschaft in der Kieler Geschäftsstelle. Dort trifft Bönig auf Gleichgesinnte. Ein großes Glück für sie, denn dort kann sie offen reden. "Die verstehen mich, ich muss mich nicht erklären." Neben einem Fatigue-Kurs besucht sie auch regelmäßig den Kaffee-Stammtisch der Krebsgesellschaft. Eine Zeit, in der sie für ein paar Stunden ihre Krankheit vergessen kann.

Wenn ein Tag sie mal wieder an ihre absolute Belastungsgrenze bringt, ist einer immer für sie da: ihr Kater. Er gibt Gaby Bönig den Halt, den sie braucht, um weiterzumachen. "Wenn ich den auf dem Arm habe, zieht der mich immer ein bisschen wieder hoch. Das ist für mich so mein Ruhepol, gerade wenn er schnurrt und dann dieses Brummen auch auf mich übergeht - da komme ich runter, da finde ich Ruhe und gleichzeitig Energie."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Horst und Mandy am Morgen | 05.12.2019 | 07:10 Uhr

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