Zwei Frauen sitzen vor dem Mikrofon. © NDR Foto: Kathrin Weigel

Kinder vor Gericht: Wer hilft den Jüngsten im Justiz-Dschungel?

Stand: 10.12.2021 04:53 Uhr

Wenn Kinder und Jugendliche vor Gericht aussagen müssen oder befragt werden sollen, wissen sie oft nicht, was sie erwartet. Sie sind unsicher und das schränkt ihre Aussagefähigkeit ein. Seit 2017 gibt es einen rechtlichen Anspruch auf eine psychosoziale Prozessbegleitung. Doch der wird nur wenig genutzt.

von Kathrin Weigel, NDR 1 Radio MV

Bei der psychosozialen Prozessbegleitung werden Mädchen oder Jungen und ihre Familien vorbereitet, wenn Sie als Opfer oder Zeugen im Detail vor Gericht aussagen müssen. "Für viele ist das eine Ausnahmesituation, da vor Gericht viele fremde Augen auf einen schauen", schildert Maria Dahlke von der Kontaktstelle Kinderschutz in Schwerin. Auch die Angehörigen seien aufgeregt und bräuchten eine Betreuung. "Die psychosoziale Prozessbegleitung übernimmt allerdings keine therapeutische Begleitung. Es geht darum, Wegweiser und Anker zu sein", meint Josefine Guth vom Kindertreff Blauer Elefant in Schwerin.

Die große Herausforderung ist die Finanzierung

Bis 2017 Jahren hat das Land Mecklenburg-Vorpommern feste Stellen finanziert. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren in den Landgerichtsbezirken für psychosoziale Prozessbegleitung zuständig. Vor vier Jahren kommt eine bundesweite Gesetzesänderung. Zum ersten Mal wird festgeschrieben, dass Kinder und Jugendliche einen rechtlichen Anspruch auf dieses Hilfsangebot haben. Damit änderte sich auch die Finanzierung. Die Stellen aus dem Modellprojekt fielen weg, die Fallpauschale kam. Das bedeutet, egal wie lange eine Verhandlung dauert oder wie umfangreich ein Kind betreut werden muss, die Vergütung ist immer gleich.        

Seit 2017 ist die Anzahl der Anträge rapide gesunken

Die Betreuung wird in drei Phasen eingeteilt und unterschieden nach Ermittlung, Hauptverhandlung und Nachbetreuung. Für jede Phase muss ein neuer Antrag eingereicht und bewilligt werden. Auf Grund der komplizierten Beantragungen, ist die Zahl der Betroffenen, die diese Hilfe in Anspruch genommen haben, deutlich gesunken. Im Jahr 2017, in dem das Modellprojekt der stellenbezogenen Förderung auslief, gab es 242 Anträge auf eine solche Unterstützung. Im Jahr 2019 waren es nur noch 31 Anträge.

Diese veränderte Finanzierung macht es vor allem freien Trägern wie dem Kinderschutzbund schwer, eine Stelle für eine Prozessbegleiterin vorzuhalten. Denn das Gehalt muss gezahlt werden. Dabei ist noch nicht klar, wieviel am Ende für die Prozessbegleitung erstattet wird. Gut zwei Jahre hat der Kinderschutzbund Schwerin jemanden gesucht, der diese Form der Betreuung wieder übernimmt.

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Wie der Schweriner Kinderschutzbund diese wichtige Arbeit künftig organisieren möchte und warum dafür Spenden erforderlich sind, das besprechen Maria Dahlke und Josefine Guth mit Thomas Naedler: in der aktuellen Podcast-Folge Dorf -Stadt Kreis : Kinder vor Gericht – Wer hilft den Jüngsten im Justiz-Dschungel?

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Dorf Stadt Kreis – starke Geschichten aus dem Norden | 09.12.2021 | 15:00 Uhr