Stand: 28.05.2020 09:00 Uhr

Lübecks Aufstieg: "Wir lechzen nach der 3. Liga"

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Geschäftsstellenleiter Florian Möller ist seit 2013 Vorstandsmitglied beim VfB Lübeck.

Florian Möller hat mit dem VfB Lübeck alles erlebt. Schon mit zwölf Jahren stand der heutige Vereinsvorstand im Stadion an der Lohmühle auf der Tribüne. Seit 2003 engagiert sich der 39-Jährige bei den Hansestädtern - erst ehrenamtlich, seit 2005 beruflich. In der schwersten Stunde des VfB, als bei der zweiten Insolvenz im Jahr 2013 die Lichter auszugehen drohten, fassten der Geschäftsstellenleiter und seine Mitstreiter den tollkühnen Plan, Lübeck wieder auf die bundesweite Fußball-Landkarte zu bringen. Nun ist die Rückkehr geschafft. Im Interview mit NDR.de spricht Möller über Aufstiegsgefühle in der Corona-Krise, die Drittliga-Pläne des VfB und das "i-Tüpfelchen" auf dem Erfolg.

Herr Möller, der VfB hat im August seinen 100. Geburtstag gefeiert. Welchen Stellenwert hat der Aufstieg in der Club-Historie?

Florian Möller: Auf jeden Fall einen enorm großen. Meine erste Fahrt als VfB-Mitarbeiter war damals zur Infoveranstaltung des DFB zur Dritten Liga. Wir haben uns dann nicht qualifiziert - und hatten unsere erste Insolvenz. Aber seit damals lechzen wir nach dieser Liga. Mittlerweile ist sie mit Clubs wie 1860 München, Kaiserslautern oder Braunschweig sogar attraktiver als die Zweite Liga, aus der wir 2004 abgestiegen sind. Das ist der Hammer!

Eigentlich wäre jetzt der Zeitpunkt, um durchzustarten. Sie hatten auch schon alles durchgeplant. Was bedeutet die Corona-Krise für Sie?

Möller: Also bisher - toi, toi, toi - sind wir stabil durch die Zeit gekommen. Hoffentlich bleibt das so - auch bei unseren Sponsoren. Wir haben vernünftig gewirtschaftet. Bei einem Aufstiegsrennen bis zum Ende hätten wir sicher Zuschauereinnahmen im deutlich sechstelligen Bereich gehabt. Die fehlen uns jetzt. Auf der anderen Seite hatten wir aber auch weniger Ausgaben. Wir planen für die Drittliga-Saison mit einem Etat von 4,5 Millionen Euro und einem Zuschauerschnitt von 5.000. Aber da sind wir wieder bei der Corona-Krise, so richtig zu planen ist das alles noch nicht.

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Fest steht aber, dass die in die Jahre gekommene Lohmühle Drittliga-tauglich gemacht werden muss. Was sind die größten Baustellen?

Möller: Wir brauchen Arbeitsplätze für die Medien, aktuell haben wir auch keinen Pressekonferenzraum. Wahrscheinlich werden wir ein "Container-Dorf" errichten. Da wäre dann auch Platz für einen DRK-Behandlungsraum und weitere Kassen. Die Kosten sind noch zu ermitteln. Die Ertüchtigung der Lautsprecheranlage und des Flutlichts kostet rund 40.000 Euro. Eine ähnliche Summe werden wir für diverse kleine und große Sanierungen rund um unser Stadion aufbringen müssen. Mittlerweile rechnen wir insgesamt mit rund 200.000 Euro.

Nach dem Aufstieg hieß es gleich, dass viele Spieler gehalten werden sollen. Gleichzeitig dürften die Erfolge auch Begehrlichkeiten geweckt haben. Wie weit sind Sie mit der Kaderplanung?

Möller: Wir haben in der Pause schon viele Gespräche geführt. Daran knüpfen wir jetzt an. Aber es ist noch vieles in der Schwebe.

Die Verträge von Torschützenkönig Ahmet Arslan, Patrick Hobsch (Anm.d.Red.: Sohn von Ex-Bundesliga-Profi Bernd Hobsch) und Yannick Deichmann, die zusammen 36 Tore geschossen haben, sowie Kapitän Daniel Halke laufen aus. Wie ist da der Stand?

Möller: Die Verhandlungen laufen natürlich - aber es gibt noch nichts zu vermelden. Bei Halke ist die Situation besonders, er ist unser einziger Spieler, der berufstätig ist. Wie und ob sich das noch verbinden lässt, werden die nächsten Wochen zeigen.

Zu 100 Prozent perfekt ist der Aufstieg ja noch immer nicht. Die Statuten sehen vor, dass der NFV-Verbandstag Ende Juni final entscheidet...

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Möller: Wir haben da aber keine Zweifel mehr - ich denke, das ist im Promillebereich. Alle Verbandsvertreter, mit denen wir gesprochen haben, haben uns versichert, dass das eine reine Formalie ist. Dass auch schon Glückwünsche vom Tabellenzweiten aus Wolfsburg gekommen sind, gibt ein gutes Gefühl. Wir haben immer gedacht, dass wir wegen der Saisonunterbrechung besonders lange warten müssten. Und auf einmal sind wir der erste Drittligist! (lacht)

Sie sind seit 15 Jahren dabei, haben den Zweitliga-Abstieg erlebt, zwei Insolvenzen und den Gang in die Fünfte Liga. Und dann fällt der schönste Moment ausgerechnet in diese sehr spezielle Corona-Zeit.

Möller: Stimmt, das ist schon komisch. Wir haben auf eine große Party an der Lohmühle gehofft, bei der sich alle in den Armen liegen und die Fans den Rasen fluten. Aber dann bekommen wir nur einen Anruf: "Herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg." Ich gehe mit der Situation sehr nüchtern um. Wahrscheinlich kommt die Freude noch - spätestens wenn wir den Spielplan bekommen und ich sehe, gegen was für Clubs wir in der neuen Saison spielen.

Ist denn trotzdem schon das Gefühl entstanden, dass sich die ganze harte Arbeit gelohnt hat?

Möller: Doch, das auf jeden Fall. Als wir 2013 mit unserem Vorstandsteam angefangen haben, gab es zwei Möglichkeiten: Entweder wir schließen nach der zweiten Insolvenz den Laden ab, und es war damals wirklich kurz vor knapp. Oder wir machen es richtig. Wir hatten die Rückkehr in den Profifußball eigentlich schon zum 100. Geburtstag angepeilt, aber dass es jetzt fast punktgenau geklappt hat, lässt schon den einen oder anderen Stein vom Herzen fallen.

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Das Stadion an der Lohmühle ist in die Jahre gekommen.

Wie war es für Sie als Lübecker Jungen, am Sonnabend die VfB-Fahne vor dem Rathaus zu hissen?

Möller: Das war das i-Tüpfelchen. Wir hatten keine Aufstiegsfeier, aber das war für mich schon so etwas wie ein feierlicher Moment. Das ist auch eine besondere Wertschätzung von Seiten der Stadt. Das gab es selbst bei den Zweitliga-Aufstiegen 1995 und 2002 nicht.

Und dann reißen irgendwelche Chaoten die Fahnen nach wenigen Stunden schon wieder runter...

Möller: Ich konnte es zuerst gar nicht glauben, als ich davon gehört habe. Zumal die Flaggen sowieso nur bis Montag hängen sollten. So traurig das ist, aber damit muss man in der heutigen Zeit wohl rechnen. Vielleicht sollte man sie beim nächsten Mal nicht über Nacht hängen lassen oder so.

Beim nächsten Mal? Schon Ihr erster Neuzugang, der Bundesliga-erfahrene Mirko Boland, sagte, der VfB sei ein "geiler Traditionsclub mit viel Potenzial". Wird in Lübeck etwa schon vom nächsten Aufstieg geträumt?

Möller (lacht): Nein, nein. Erst mal sicher nicht. Als wir 1995 und 2002 die letzten Male in eine bundesweite Liga aufgestiegen sind, ging es jeweils nach zwei Jahren schon wieder runter. Diesmal soll es länger Profifußball beim VfB geben, wir wollen uns etablieren.

Das Interview führte Florian Neuhauss, NDR Sport

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