Stand: 15.10.2018 13:25 Uhr

Trotz Drohungen: Fischer kämpft gegen Homophobie

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VfL-Kapitänin Nilla Fischer setzt mit der Regenbogen-Binde ein sichtbares Zeichen gegen Homophobie.

"Menschen wie Du haben es nicht verdient zu leben." Geschrieben stand dieser Satz, der durchaus als Morddrohung zu interpretieren ist, in einem an die lesbische Fußballspielerin Nilla Fischer adressierten Brief. Die Weltklasse-Innenverteidigerin erhielt ihn vor einigen Jahren, als sie noch in ihrer Heimat Schweden wohnte. Kurz zuvor hatte sie in einem Interview mit einer Tageszeitung erstmals öffentlich darüber gesprochen, Frauen zu lieben. Seit ihrem Outing wird die Kapitänin des Double-Gewinners VfL Wolfsburg immer wieder wegen ihrer sexuellen Orientierung angefeindet - auf postalischem Weg und in den sozialen Medien. Diesen Hass zu verschweigen oder gar zu tolerieren - das kommt für die 34-Jährige nicht infrage. Die Feindseligkeiten haben Fischer nur darin bestärkt, sich gegen Homophobie und Intoleranz zu engagieren.

"Nachdem ich erzählt hatte, dass ich mit einer Frau zusammenlebe, gab es viele Reaktionen. Da habe ich gemerkt, dass es nicht als normal angesehen wird. Das war für mich das Zeichen, mich zu engagieren", erklärte die 171-malige Nationalspielerin am Sonntagabend im NDR Sportclub. Dass sie wegen ihres Einsatzes zuweilen beleidigt und bedroht wird, kann sie nicht in ihrem Tatendrang stoppen: "Meine Familie macht mich stark. Es ist viel wichtiger, dass ich anderen Menschen helfen kann."

Kellermann: "Froh, dass wir so entschieden haben"

Fischer spricht nicht nur über die Diskriminierung von Homosexuellen, sie setzt auch jedes Mal mit der Regenbogen-Kapitänsbinde ein sichtbares Zeichen dagegen, wenn sie für den VfL aufläuft. Vor rund einem Jahr war die Verteidigerin mit der Idee, die Farben der schwul-lesbischen Bewegung bei Spielen am Arm zu tragen, auf Ralf Kellermann zugekommen. Der Sportliche Leiter der VfL-Frauen reagierte "spontan positiv", wie er dem Sportclub erzählte: "Ich musste natürlich noch ein paar Gespräche im Verein führen. Aber überall, wo ich gefragt habe, gab es ein positives Signal. Und wir sind froh, dass wir so entschieden haben."

Fischer-Idee trifft nicht überall auf Gegenliebe

Fischers Idee wurde von der Chefetage des Werksclubs gar so wohlwollend aufgenommen, dass sie beschloss, die Mannschaftsführer aller Teams mit der Regenbogen-Binde auflaufen zu lassen. "Für so etwas steht ein Verein. Das ist einfach eine gute Sache. Lass es einen ersten Schritt sein, damit vielleicht noch andere Vereine das Signal übernehmen, dass alle die gleichen Chancen haben", lobte Koen Casteels die Entscheidung des VfL. Der Schlussmann der Wolfsburger Bundesliga-Fußballer vertritt derzeit den verletzten Josuha Guilavogui als "Wölfe"-Kapitän. Allerdings stößt die Regenbogen-Binde nicht bei allen seinen Mitspielern auf Gegenliebe. "Ich muss sagen, dass ich nicht vollständig hinter dieser Aktion stehen kann, denn es widerspricht meiner christlichen Überzeugung. Wenn jemand eine Art zu leben bevorzugt, dann ist das okay für mich, weil das seine Sache ist. Aber ein spezielles Symbol für die Einstellung anderer Leute muss und möchte ich nicht tragen", sagte der kroatische Linksaußen Josip Brekalo.

"Es wird immer ein Kampf bleiben"

Fischer gibt sich keinen Illusionen hin, dass ihr Einsatz gegen Homopobie und für mehr Vielfalt weiter von vielen Ressentiments begleitet sein wird. "Wir dürfen nicht vergessen, dass es immer ein Kampf bleiben wird. Ein erster Schritt ist jetzt da, dass alle VfL-Mannschaften mit der Regenbogen-Binde spielen und der Club da auch viel tut. Aber wenn wir jetzt sagen, wir haben etwas geschafft und jetzt ist alles locker - das können wir vergessen", erklärte die Verteidigerin, die Wolfsburg am Saisonende nach dann sechs Jahren gemeinsam mit ihrer Ehefrau Maria Michaela und dem gemeinsamen Söhnchen Neo in Richtung schwedischer Heimat verlassen wird.

SG-Handballer Karlsson von der EHF gebremst

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Flensburgs Abwehrchef Tobias Karlsson durfte bei der EM 2016 nicht die Regenbogen-Binde tragen.

In ihrem Landsmann Tobias Karlsson hat Fischer einen prominenten männlichen Profisportler im Kampf gegen Homophobie an ihrer Seite. Der Abwehrchef des Handball-Bundesligisten SG Flensburg-Handewitt wollte bereits bei der EM 2016 in Polen mit einer Regenbogen-Binde für sein Nationalteam auflaufen. Doch in letzter Sekunde wurde es ihm von der Europäischen Handballföderation (EHF) untersagt. "Wenn wir nur eine Art von politischer Meinungsäußerung akzeptieren, müssen wir alle akzeptieren", erklärte der damalige EHF-Präsident Jean Brihault. Es war wohl auch die Angst des Verbandes vor einer Konfrontation mit der erzkonservativen polnischen Regierung, die zu diesem Verbot führte. Karlsson bringt bis heute kein Verständnis dafür auf: "Ich finde, die Entscheidung ist völlig falsch und die Leute damals haben ein Zeichen in die ganz falsche Richtung gesetzt. Ich setzte mich dafür ein, dass alle akzeptiert werden - unabhängig von ihrer Sexualität, Ethnizität oder wie auch immer."

HBL erlaubt jetzt Regenbogen-Binde

Der heterosexuelle Handballer meint, dass es dringend notwendig sei, für mehr Toleranz zu werben. "Ich habe selber mit Leuten zusammengespielt, die gemeint haben, dass Homosexualität eine Krankheit ist. Das ist leider immer noch so. Und ich finde, daran müssen wir arbeiten", sagte Flensburgs Kapitän. Jüngst hat der Defensivspezialist eine frohe Botschaft von der Handball-Bundesliga (HBL) erhalten. Sie gestattet es dem Schweden jetzt, künftig mit der Regenbogen-Binde aufzulaufen.

Outing im Männer-Profifußball? Schwer vorstellbar

Karlsson hofft darauf, dass sich schwule Handball-Profis outen, um ein Zeichen zu setzen. Dies ist in der HBL noch nicht vorgekommen. Und auch ein aktiver deutscher Bundesliga-Fußballer hat diesen Schritt noch nicht gewagt. Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger hatte erst nach seinem Karriere-Ende den Mut, sich zu outen. Die Angst vor möglicher Isolierung im eigenen Team sowie den Reaktionen der Fans überwiegt offenbar noch immer. "Bei uns hier am Millerntor würde derjenige ein Denkmal bekommen. Aber man hat eben nicht nur Heimspiele. Da sind sexistische Spruchbänder, da werden Leute als schwul oder Schwuchtel beschimpft", sagt Jan-Philipp Kalla, langjähriger Profi des Zweitligisten FC St. Pauli.

Und auch Fischer hat wenig Hoffnung, dass sich bald ein männlicher Kollege outen wird. "Im Frauenfußball hat das mehr Akzeptanz, da kannst du sein, wie du bist. Im Männerfußball oder im Männersport musst du ein typischer Mann sein, also stark. Du kannst vielleicht nicht zeigen, was du fühlst. Und das macht es sehr schwer, sich zu outen", erklärte die Wahl-Wolfsburgerin.

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