Stand: 25.02.2019 16:27 Uhr

Trainerin Wübbenhorst: Geht nicht, gibt's nicht

von Hanno Bode, NDR.de

Ihre Rettungsmission ist eigentlich zum Scheitern verurteilt - das Team zu schwach. Doch für Imke Wübbenhorst ist ihre Aufgabe beim BV Cloppenburg ein Traumjob. Sie ist die erste Fußball-Trainerin in einer der fünf höchsten deutschen Männer-Ligen.

Wäre alles so gekommen, wie es einige Male vor dem inneren Auge von Imke Wübbenhorst abgelaufen ist, hätte die frühere Bundesliga-Fußballerin am Montagmorgen vielleicht den Versicherungsmakler ihres Vertrauens kontaktieren müssen - der Haftpflichtpolice wegen. Die 30-Jährige hatte vor ihrem Pflichtspiel-Debüt als Trainerin des Männer-Oberligisten BV Cloppenburg so ihre Bedenken, dass sie im Falle einer hohen Pleite ihren Frust am Arbeitsgerät des anwesenden Teams des NDR Sportclubs auslassen könnte.

"Ich hatte mich auf das Schlimmste eingestellt, das wir mit einer 8:0-Klatsche nach Hause fahren. Einfach innerlich, um euch dann vielleicht nicht die Kamera in Einzelteilen zurückgeben zu müssen", sagte Wübbenhorst. Sie lachte dabei herzlich. Denn Grund, sich an der teuren Technik abzureagieren, hatte sie nicht: Ihr medial viel beachteter Einstand als BVC-Übungsleiterin endete mit einem geradezu sensationellen 2:2 des Schlusslichts beim Tabellenzweiten HSC Hannover.

Großes mediales Echo

Drei Kamerateams, diverse Vertreter von lokalen und überregionalen Medien sowie 200 Zuschauer waren Zeugen des ersten Pflichtspiels einer Fußball-Trainerin in einer der fünf höchsten deutschen Männer-Ligen. Bereits ihre Beförderung zur Übungsleiterin des Oberliga-Letzten kurz vor dem Jahreswechsel - zuvor betreute Wübbenhorst die Cloppenburger Frauen - hatte für ein großes Rauschen im Blätterwald und unzählige Reaktionen in den sozialen Netzwerken gesorgt. Und das in einem Land, das seit 14 Jahren von einer Bundeskanzlerin regiert wird und in dem Frauen in den Chefetagen von Großunternehmen längst Normalität sind. Die weltweit populärste Sportart ist hingegen auch zwölf Jahre nach der Aussage von Ex-FIFA-Präsident Joseph Blatter: "Die Zukunft des Fußballs ist weiblich", eine Männerdomäne.

Wübbenhorst sieht BVC als Sprungbrett

Weitere Informationen

"Wübbenhorst schreibt Fußballgeschichte"

Erstmalig wird in Deutschland im Fußball ein Oberliga-Herrenteam von einer Frau betreut. Trainerin Imke Wübbenhorst will den BV Cloppenburg vor dem Abstieg bewahren. mehr

Die aus Aurich stammende Wübbenhorst bringt dafür kein Verständnis auf. "Ich wüsste nicht, was ein anderer Trainer anderes mitbringt, außer, dass er männlich ist. Das ist wirklich auch eine Frage der Trainerqualität, was man so als Trainerpersönlichkeit mitbringt. Und dass man sich darüber auf Dauer den Respekt der Spieler erarbeitet", erklärte die 30-Jährige. Mit viel Zeiteinsatz und Akribie hat sich die frühere HSV-Kickerin ans Werk gemacht, nachdem sie vom BVC als Nachfolgerin für Olaf Blancke (wechselte zu Atlas Delmenhorst) bestimmt worden war. Die Sport- und Biologielehrerin lässt nun vier- statt wie unter ihrem Vorgänger üblich dreimal trainieren. Zudem ist die Videoanalyse jetzt ein wichtiger Baustein der Vor- und Nachbereitung der Partien.

Mit hochmoderner Trainingsmethodik möchte sich Wübbenhorst für andere Clubs interessant machen. Beispielsweise für Regionalligisten, bei denen sie sich bis dato erfolglos beworben hatte. "Die Jungs müssen mein Sprachrohr sein. Wenn die zu anderen Vereinen wechseln oder mit anderen Leuten sprechen, das dann eben von ihnen gesagt wird: "'Ey, holt doch die, die war richtig gut'", erklärte die Ostfriesin.

Rettungsmission ohne große Erfolgschance

Um sich ihren Traum zu verwirklichen ("Ich wollte immer schon Trainerin sein und werden"), ist Wübbenhorst ein hohes Risiko eingegangen. Denn bei nüchterner Betrachtung ist ihre Rettungsmission an der Friesoyter Straße eigentlich zum Scheitern verurteilt. Das Team ist blutjung und dementsprechend unerfahren. Elf Akteure sind jünger als 20 Jahre, vier noch für die U19 spielberechtigt. In der Winterpause gab es zudem Abgänge, die nicht aufgefangen werden konnten. Denn der Verein kämpft im 100. Jahr seines Bestehens ums finanzielle Überleben. Wie dramatisch die Lage beim Ex-Regionalligisten ist, verdeutlicht die Antwort von Vorstandsboss Dr. Jürgen Vortmann auf die Frage der "Nordwest-Zeitung", was er sich zum Geburstag des Clubs wünschen würde: "Den 101. Geburtstag. Wenn wir dies schaffen können, hätten wir schon viel erreicht."

"Ich bin keine Feministin"

Genau diese diffizile Gemengelage war Wübbenhorsts Glück. Denn dem Oberligisten fehlte nach Blanckes Abgang schlichtweg das Geld, einen gestandenen externen Coach zu verpflichten. "Es war ein bisschen aus der Not heraus geboren", gibt die A-Lizenzinhaberin offen zu. Ihr Einstieg verlief problemlos. Auf Vorbehalte sei sie bei den Cloppenburger Kickern nicht gestoßen, erklärt die 30-Jährige: "Ich kenne die Jungs ja schon länger, da ich schon acht Jahre im Verein bin. Ich meine, es ist Fußball. Die Jungs lieben Fußball, ich liebe Fußball. Wir haben eine Basis, wir können gut zusammenarbeiten."

So einfach ist das also. Wobei dann doch nicht alles. "Mit die erste Frage, die die Jungs hatten, war, wie sie mich denn ansprechen sollen", berichtete Wübbenhorst. Sie bat darum, geduzt zu werden oder gerne auch als Trainer gerufen zu werden. Auf das "Trainerin" als Anrede besteht sie nicht: "Ich bin ja keine Feministin."

Dem Team schnell eine Handschrift gegeben

Bild vergrößern
Imke Wübbenhorst trainierte zuvor die Cloppenburger Zweitliga-Fußballerinnen.

Eine Aussage, die sie zuvor bereits untermauert hatte. Als sie kürzlich gefragt wurde, ob sie eine Sirene auf dem Kopf trage, damit die Männer noch schnell die Hosen anziehen können, bevor sie in die Kabine kommt, entgegnete Wübbenhorst: "Natürlich nicht. Ich bin Profi - ich stelle nach Schwanzlänge auf." Der Ausspruch hatte ein riesiges mediales Echo. Selbst aus Brasilien erhielt die Ostfriesin daraufhin Interview-Anfragen. Mit ihrer taffen Art setzte sich die Lehrerin allerdings auch unter Druck. Die Vorbereitungsergebnisse sprachen noch nicht für ihre Arbeit, sodass die von ihr befürchtete "Klatsche" beim Debüt ein reales Szenario war. Dann aber sahen alle Anwesenden ein überaus engagiert und diszipliniert auftretendes Cloppenburger Team, das eine Handschrift hatte. Die Handschrift von Imke Wübbenhorst.

Spieler: "Es kommt nicht aufs Geschlecht an"

"Es kommt ja nicht auf das Geschlecht drauf an, sondern, dass sie Fußball-Sachverstand hat", lobte Mittelfeldakteur Michael Lohe seine neue "Chefin". Die hatte übrigens 90 Minuten lang lautstark gecoacht und war nach dem Abpfiff etwas heiser. Nur gut, dass sie nicht mehr zum Hörer greifen musste, um ihren Versicherungsmakler von einem "Unfall" zu berichten...

Weitere Informationen

Ergebnisse und Tabelle Fußball-Oberliga Niedersachsen

Die Resultate und Tabelle der Saison 2018/2019 der Fußball-Oberliga Niedersachsen. mehr

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 24.02.2019 | 22:50 Uhr