Stand: 10.02.2020 12:40 Uhr  - Sportclub

Ittrich: "Alle müssen ihre Vorbildfunktion ausüben"

Mit konsequenter Regelauslegung will der Deutsche Fußball-Bund in der Bundesliga das Meckern, Protestieren und respektlose Verhalten eindämmen. Dies soll sich auch positiv auf den Amateur-Fußball auswirken. Der Hamburger Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich sprach im NDR Sportclub über seine Erfahrungen und Einschätzungen.

Wild gestikulierende und schimpfende Spieler, meckernde Trainer und Betreuer: Alltag im Profi-Fußball. Doch muss das eigentlich so sein? Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) will mit konsequenter Regelauslegung die Spieler disziplinieren und so für ein respektvolleres Miteinander sorgen. Dabei hat der DFB nicht nur die Profi-Schiedsrichter im Blick. Angesichts zunehmender Gewalt gegen Unparteiische im Jugend- und Amateurfußball soll bei den Profis eine neue Kultur entstehen, die Strahlkraft für den gesamten Fußball hat, so die Hoffnung.

Ittrich: "Emotionen sind kein Freifahrtschein"

Sportclub -

Respektlose Gesten, Pöbeleien, Rudelbildung - der DFB hat seine Schiedsrichter angewiesen, energischer gegen diese Auswüchse vorzugehen. Bundesliga-Referee Patrick Ittrich mit Hintergründen.

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Ittrich: Gefordert, die Vorbildfunktion auszuüben

Deshalb gibt es seit Beginn der Rückrunde die Anweisung an die Schiedsrichter, respektloses Verhalten (Meckern, abwinken, Ball wegschlagen, den Schiedsrichter bedrängen) konsequent mit Gelben oder Roten Karten zu ahnden. "Eigentlich ist das schon immer ein Thema. Aber wir haben so viele Übergriffe auf Kollegen in den Amateurligen. Deshalb müssen wir da ran, das tun wir jetzt konsequent", sagte der Hamburger Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich am Sonntag im NDR Sportclub. Vor allem die "Rudelbildung" um den Schiedsrichter strahle negativ in den Amateur-Fußball ab. "Alle Beteiligten in der Bundesliga - Spieler, Trainer, Schiedsrichter - sind gefordert, ihre Vorbildfunktion auszuüben", bekräftigte der 41-Jährige.

Kritik von Schalke-Coach Wagner

Die von Ittrich und dem DFB betonte Kausalität zwischen respektlosem Verhalten bei den Profis und Gewalt bei den Amateuren sehen allerdings einige Protagonisten kritisch: "Ich blicke den Zusammenhang nicht zwischen dem, was im Amateur-Fußball passiert und dem, wie sich Spieler in der Bundesliga verhalten. Das ist für mich konstruiert, weil wir keine Jagdszenen haben in der Bundesliga und irgendeiner Vorbildfunktion gerecht werden müssen", sagte beispielsweise Schalkes Coach David Wagner im "kicker".

Bundesliga-Schiedsrichter Deniz Aytekin versucht, beide Positionen zusammenzubringen: "Natürlich trägt kein Bundesligatrainer oder -spieler die Verantwortung für Gewalt im Amateurfußball. Aber es ist doch ein erstrebenswertes Ziel, gerade in der Bundesliga einen vorbildlich fairen und respektvollen Umgang miteinander vorzuleben. Das wird dann auch einen Effekt auf die Basis haben."

Im Rugby spricht nur der Kapitän mit dem Schiedsrichter

Unzweifelhaft ist, dass im Fußball eine Mecker- und Beschwerdekultur herrscht, die es so in keiner anderen Sportart gibt. Beim körperlich viel anspruchsvolleren und nicht minder emotionalen Rugby gibt es keine Diskussionen mit dem Schiedsrichter - weder bei den Amateuren noch auf Weltklasseniveau. Allenfalls fragt der Mannschaftskapitän untertänig an, ob er kurz mit dem Referee sprechen dürfe. Im Basketball, Eishockey, Football und anderen Mannschaftssportarten ist es ähnlich.

Ittrich: "Haben es ein wenig schleifen lassen"

Warum sticht der Fußball negativ heraus? "Es haben sich gewisse Sachen einfach eingebürgert. Da haben wir Schiedsrichter auch unseren Anteil dran, weil wir es haben schleifen lassen", betonte Ittrich: "Aber: Wenn wir das jetzt konsequent verfolgen, können wir auch wieder zurückrudern."

"Emotionen sind ein Totschlagargument"

Spieler und Trainer rechtfertigen ihr Fehlverhalten gern mit dem Hinweis auf die "Emotionen", die nun einmal zum Fußball gehörten. Ittrich hat für dieses Argumentationsmuster kein Verständnis: "Emotionen sind ein Totschlagargument für jeden, der sich danebenbenimmt. Jeder Mensch hat Emotionen. Aber das ist doch kein Freifahrtsschein." Gleichzeitig stellte der Hamburger klar: "Grundsätzlich ist der Umgangston in Ordnung. Wir verstehen uns mit den Trainern und Spielern gut. Nur wenn eine gewisse Grenze überschritten wird, wird dies geahndet."

Schwierig, eine gemeinsame Linie zu finden

Doch wann schlägt konsequente Regelauslegung in Pedanterie um? Ist es überhaupt möglich, eine gemeinsame Linie zu etablieren? Warum bekommt ein Spieler für eine Geste die Gelbe Karte, ein anderer für das gleiche Verhalten aber nicht? Klagen über Ungleichbehandlungen gibt es an beinahe jedem Wochenende. Schiedsrichter haben aber nach wie vor Entscheidungsspielräume. Diskussionen wird es also weiterhin geben. Vielleicht aber irgendwann gesitteter als derzeit.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 09.02.2020 | 22:50 Uhr