Stand: 03.12.2018 09:15 Uhr

Patrick Ittrich: Schiedsrichter im Dauerstress

von Andreas Bellinger, NDR.de

Endlich in der Kabine. Wenn die Tür hinter ihm zufällt, weiß Patrick Ittrich meistens ganz genau, ob es ein gutes Spiel für ihn war oder eben nicht. "Ich kann mich ganz gut selber einschätzen", sagt der Schiedsrichter, der die vierte Saison in der Bundesliga pfeift. Doch der Stress ist auch nach dem Schlusspfiff nicht vorbei. Die Manöverkritik des erfahrenen Beobachters, Knut Kircher, aus der Refereegilde des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) steht an - erst dann schmeckt der Imbiss im Team der Unparteiischen, die wie die Spieler nebenan fix und fertig auf den Bänken kauern. "Du bist erledigt, kaputt im Kopf", sagt der 39-Jährige. "Dann fällt erstmal alles ab von dir." Kein Problem, wenn die Leistung ohne Fehl und Tadel war. "Natürlich freut man sich und fährt zufrieden nach Hause."

Patrick Ittrich, Schiedsrichter © picture alliance / Avanti-Fotografie Foto: Avanti-Fotografie

Durch die Bundesliga mit Patrick Ittrich

Sportclub -

Patrick Ittrich gehört zur deutschen Schiedsrichter-Elite. Eine Ehre, aber auch eine Aufgabe mit Verantwortung. Der Leistungsdruck ist hoch. Exklusive Einblicke in das Leben eines Erstliga-Referees.

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"Der Poldi der Schiedsrichter"

Aber es gibt eben auch die anderen Tage. Wenn die Kooperation mit dem Video-Assistenten (VAR) mehr verunsichert als zur Klärung strittiger Szenen beiträgt. Wenn Kleinigkeiten missraten und gut gemeinte Gespräche aus dem Ruder laufen. Wenn im Millionenspiel der Eliteliga die Kritik überhandnimmt und kleinste Fehler in Wort und Bild seziert werden. "Der Druck ist unser alltägliches Geschäft, damit müssen wir klarkommen", sagt der Sportliche Leiter der Elite-Schiedsrichter, Lutz Michael Fröhlich. Das gilt genauso für eine Frohnatur wie Ittrich, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat und hohe Wertschätzung unter den 26 Bundesliga-Unparteiischen genießt. "Der Poldi der Schiedsrichter", wie ihn der Berliner Kollege Manuel Gräfe nennt.

Man muss aus Fehlern lernen

"Jeder hat gesehen, dass ich ein Mensch bin, und dass man auch als Schiedsrichter emotional reagieren kann", erzählt Ittrich in der Sportclub Story des NDR offen und selbstkritisch von der mitunter aus den Fugen geratenen Partie zwischen dem VfL Wolfsburg und Schalke 04 (2:1). Seine Stärke im Miteinander funktionierte in seinem ersten Spiel dieser Saison überhaupt nicht. Das richtige Maß zwischen harter Hand und locker reagieren habe er nicht gefunden. Und schon auf dem Spielfeld schwante ihm: "Dies ist eines der schwersten Spiele meiner Karriere."

"Gebrauchter Tag" beim Spiel Wolfsburg - Schalke 04

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Die verkorkste Leistung hat ihn bestärkt, mehr auf seine Intuition zu vertrauen. Gleich zweimal hatte er sich im Stadion der "Wölfe" vom VAR verunsichern lassen. Als er dem Schalker Matija Nastasic erst die Gelbe Karte gezeigt und ihn nach einem Hinweis aus dem Kölner Videokeller doch vom Platz gestellt hatte. Oder zwei Minuten später, als sich der Video-Assistent wieder meldete und aus dem Platzverweis für den Wolfsburger Wout Weghorst eine Verwarnung geworden war. Der "gebrauchte Tag" war schließlich perfekt, als Ittrich kurz vor Schluss auch noch die falsche Karte aus der Hose fingerte und dem Wolfsburger John Anthony Brooks Rot zeigte, obwohl er ihm eigentlich Gelb geben wollte.

"Den falschen Weg gewählt"

Das Chaos war perfekt. Statt Souveränität auszustrahlen, ließ sich der Referee zu allem Überfluss auch noch zu einem Streitgespräch am Seitenrand mit Gäste-Trainer Domenico Tedesco hinreißen. Dass er den Coach angefasst hat, ärgert ihn noch immer. "Das tut man nicht; da habe ich einfach den falschen Weg gewählt", sagt der Hamburger: "Bei aller Emotionalität wäre mehr Zurückhaltung gefragt gewesen." Dieses Fehlverhalten aber auf den Video-Assistenten abzuwälzen? Nein, das kommt für Ittrich trotz des entstandenen Stresses nicht in Frage: Nach der WM, bei der das neue System prima geklappt hatte, "standen alle mächtig unter Druck, obwohl es gar nicht nötig gewesen wäre".

Bittere Minuten eines Referees

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Diskussionen gehören zum Schiedsrichter-Alltag.

Ittrich kassierte Prügel bis weit unter die Gürtellinie. "Die Hamburger Witzfigur", war im Netz noch der harmloseste Kommentar. "Das kannst du nicht lesen, da gehst du kaputt", sagt Ittrich. Nicht immer gelingt es, den Hass zu ignorieren. Auf dem Spielfeld kann schon der Gang zum Monitor zum Spießrutenlauf werden. "Wenn man weiß, dass man die Entscheidung wohl korrigieren muss. Aber der Fußball will Gerechtigkeit, das muss man in sein Repertoire aufnehmen." Bittere Minuten, die bei jeder Wiederholung schlimmer erscheinen. Und an der Akzeptanz kratzen? Ittrich: "Wenn der VAR nur dann eingreift, wenn er soll - also so wie vorgesehen - dann ist daran nicht zu rütteln."

Polizist an der Pfeife

Die Familie und der 25-Stunden-Job als Polizei-Kommissar in der Verkehrserziehung sind das Regulativ, dass den Vater von vier Töchtern "runterkommen" lässt. Auf der anderen Seite will er seine fünf Frauen und den Hund der Familie aber nichts spüren lassen von der Aufgeregtheit seines Zweitjobs, der ihm pro Bundesligaspiel 5.000 Euro und ein Saison-Grundgehalt von 60.000 Euro einbringt: "Weil ich im Fokus stehe, muss es die Familie nicht auch. Man weiß nie, was passieren kann."

Wenn der Druck zu groß wird

Wie die Kollegen träumt Ittrich von einem Einsatz im Pokalfinale. "Das wäre das Größte." Und vom perfekten Spiel natürlich - ohne eigene Fehler. Vielleicht sogar eine Schwalbe oder andere Unsportlichkeit immer erkennen und bestrafen. "Das findet die Fußballwelt auch gut." Tägliche Realität aber ist, dass bei einem Laufpensum von zwölf Kilometern und rund 300 Entscheidungen pro Spiel, Patzer nicht ausbleiben. "Die gesteht man uns aber kaum zu", fürchtet Ittrich und sagt über die unerbittliche Haltung allenthalben: "Wenn ich keine Fehler machen darf, wird der Druck irgendwann so groß, dass ich aufhören muss."

Ittrich und die Lust zu entscheiden

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Zeit für einen Scherz: Marvin Bakalorz (r.) im Gespräch mit Schiedsrichter Ittrich.

Wie groß der Druck sein kann, wie hilflos und ausgeliefert sich ein Schiedsrichter fühlen kann, hat Ittrich als Assistent von Babak Rafati erfahren. Zweieinhalb Jahre war er im Team des Bundesliga-Schiedsrichters aus Hannover, als es am 19. November 2011 zur Tragödie kam. Den Suizid des Referees konnten Ittrich und seine Kollegen Holger Henschel und Frank Willenborg verhindern, weil sie Rafati rechtzeitig fanden. "Da kannst du so viel Polizeibeamter sein, wie du willst. So was trifft dich ins Mark." Stressbewältigung mit Sportpsychologe Ole Benthien gehört seither zu seinem Werkzeugkasten. Es half auch, den dritten Kreuzbandriss im Jahr nach der "fürchterlichen Sache" mit dem Kollegen Rafati zu verarbeiten. Und natürlich, den Druck im Zaume zu halten. Damit der Spaß weiter an erster Stelle stehen kann: "Weil ich Lust habe zu entscheiden."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 02.12.2018 | 23:35 Uhr

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