Stand: 25.04.2019 14:20 Uhr

Neuer Deal mit Kühne: Burgfrieden beim HSV

von Daniel Jovanov, NDR.de

Der HSV hat mit Investor Klaus-Michael Kühne umfangreiche Vereinbarungen getroffen. Das gibt dem finanziell angeschlagenen Zweitligisten ein wenig Luft zum Atmen. Doch wichtige Fragen bleiben offen: Gibt es weitere Anteilsverkäufe? Und wie verhält sich Kühne in der nächsten sportlichen Krise?

Dieses Foto könnte als Meilenstein in die jüngere Geschichte des Hamburger SV eingehen. Ein Novum, das Geschlossenheit in der bis dato komplizierten Beziehung des Zweitligisten zu seinem Investor dokumentieren soll. Darauf zu sehen sind alle wichtigen Entscheidungsträger des Zweitligisten: Vom Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann über Vereinspräsident Marcell Jansen bis hin zu Klaus-Michael Kühne und seinem Vertrauten und Ex-Aufsichtsratschef Karl Gernandt. Der Anlass ist aus Sicht aller Parteien ein freudiger. In einer Pressemitteilung verkündete der HSV am Mittwoch eine neue Vereinbarung mit seinem Geldgeber, den Hoffmann als "wichtigen Schritt" für die Gestaltung der Zukunft bezeichnet.

Deal über Namensrechte ein Friedensangebot an die Fans

Der Deal beinhaltet mehrere Maßnahmen: Zum einen verlängert Kühne das Namensrecht am Stadion für ein weiteres Jahr, was wie ein Friedensangebot an die Fans verstanden werden kann. Das Image des Milliardärs hat in den vergangenen Jahren stark gelitten. Viele sehen ihn inzwischen als eines der Hauptprobleme beim HSV. Seine regelmäßigen Statements in der Öffentlichkeit haben schon so manches Mal zu erheblichen Turbulenzen geführt und etliche Funktionäre ihre Jobs gekostet. Der Haken an der Vereinbarung ist die Laufzeit. Die Fans dürfen sich vorerst nur eine weitere Saison auf den Namen Volksparkstadion freuen, im kommenden Jahr wird der Deal neu verhandelt werden müssen. Wirklich Luft zum Atmen bekommt der HSV dadurch nicht.

Eventualverbindlichkeiten von etwa 50 Millionen Euro

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Ob für das Namenssponsoring tatsächlich frisches Geld fließt - bislang zahlte Kühne etwa vier Millionen pro Jahr - oder im Zuge der Anpassung von Darlehensvereinbarungen verrechnet wird, sagt der HSV nicht. Der zweite Punkt der Pressemitteilung ist derweil von deutlich größerer Bedeutung. "Im Rahmen der Vereinbarung wurden außerdem bestehende Darlehensvereinbarungen mit dem Unternehmer angepasst und mit einer Einmalzahlung final erledigt", heißt es im offiziellen Kommuniqué. Konkret: Kühne hätten beim Eintritt unterschiedlicher sportlicher und wirtschaftlicher Bedingungen Ansprüche auf Rückzahlung ableiten können. Insgesamt belaufen sich diese sogenannten Eventualverbindlichkeiten, die nicht in der Bilanz, sondern lediglich im Lagebericht zusammengefasst werden, inklusive Zinsen auf etwa 50 Millionen Euro.

Transfereinnahmen erhält nun der HSV komplett

Auf den Großteil dieser möglichen Ansprüche hätte Kühne aber ohnehin verzichten müssen, da der Eintritt der verabredeten Bedingungen unwahrscheinlich ist. Dabei geht es um das Erreichen der internationalen Wettbewerbe oder eine Platzierung in den Top 10 der Bundesliga bis einschließlich der Saison 2021/2022. Darüber hinaus bestehen allerdings noch Vereinbarungen hinsichtlich der Beteiligung an Mehrerlösen aus der Vermarktung der Übertragungsrechte sowie "vertraglich definierte Transferüberschüsse". Kühne hatte sich 2016 bei der Finanzierung einiger Spieler wie Douglas Santos und Filip Kostic beteiligt und sich das Recht zugesichert, Teile möglicher Einnahmen aus dem Verkauf dieser Spieler einzufordern. Dies hätte den finanziellen Handlungsspielraum des HSV auf dem Transfermarkt erheblich eingeschränkt.

Neuer Spielraum auf dem Transfermarkt

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Douglas Santos ist der wertvollste Profi im HSV-Kader.

Ein schwacher HSV, der sich keine neuen Spieler mehr leisten kann, ist jedoch nicht in Kühnes Interesse. "Auch wenn dem HSV schon seit vielen Jahren der sportliche Erfolg versagt blieb, möchte ich unverändert Beiträge leisten, um die finanziellen Voraussetzungen für die Rückkehr in die Bundesliga zu schaffen. Mein Wunsch ist es, dass der HSV eines Tages wieder Anwärter auf einen Spitzenplatz in der Ligatabelle sein sollte", lässt der 81-Jährige in der Pressemitteilung ausrichten. Dafür verzichtet er gegen eine "Einmalzahlung" des HSV in Höhe von circa sechs Millionen Euro auf seine Ansprüche und wird beispielsweise bei einem Verkauf des Brasilianers Douglas Santos, für den die "Rothosen" 20 Millionen Euro aufrufen, keinen Teil der Ablöse bekommen. Mögliche Einnahmen kann der HSV zukünftig größtenteils zur Verstärkung seines Kaders einsetzen. Das absurde Risiko, im Falle einer sportlichen und wirtschaftlichen Verbesserung der Lage unter Umständen in erhebliche Liquiditätsengpässe zu geraten, ist durch den neuen Deal aufgehoben.

Frömming ist Kühnes Wunschkandidat für den Aufsichtsrat

Auf der anderen Seite bekommt Kühne mit dem Marketingexperten Markus Frömming "seinen" Mann im Aufsichtsrat der HSV Fußball AG und somit wieder mehr Gewicht im wichtigsten Kontrollgremium. Laut Satzung hat er formal kein Recht zur Entsendung eines Interessenvertreters, allerdings ist es in der Praxis üblich, dass große Gesellschafter mindestens einen Platz im Aufsichtsrat bekommen. Kühne ist neben dem Amateur- und Breitensportverein HSV e.V. der zweitgrößte Aktionär der HSV Fußball AG und hält 20,6 Prozent der Anteile. Über eine Erhöhung seiner Beteiligung verhandeln beide Parteien schon seit mehr als einem Jahr. Im Wege steht aber ein Beschluss der Mitgliederversammlung, die einen Verkauf von Aktien über die neuralgische Grenze von 24,9 Prozent nur mit ihrer Zustimmung gestattet. Eine entsprechende Anpassung der Satzung muss das Präsidium als Mehrheitseigentümer auf der kommenden Hauptversammlung der Aktionäre umsetzen.

Gibt es weitere Anteilsverkäufe?

Trotzdem besteht zwischen dem Vorstand der HSV Fußball AG, dem Präsidium des HSV e.V. und Kühne auch in Zukunft Redebedarf in dieser Angelegenheit. "Die zuletzt öffentlich diskutierte Möglichkeit einer weiteren Anteilsveräußerung der HSV Fußball AG bleibt - das bekräftigten alle Parteien - weiteren Untersuchungen und Gesprächen sowie der Zustimmung aller Beteiligten inklusive der Mitgliederversammlung des e.V. vorbehalten", erklären die Beteiligten im gegenseitigen Einvernehmen. Eine Aufstockung von Kühnes Anteilen ist somit nicht vom Tisch, sondern bleibt weiterhin eine Option, die angesichts der wirtschaftlichen Herausforderungen des HSV früher oder später diskutiert werden muss. Viele Mitglieder lehnen weitere Aktienverkäufe allerdings entschieden ab.

Eines ist sicher: Die nächste Krise kommt bestimmt

Immerhin ist den Verantwortlichen mit der neuen Vereinbarung gelungen, einen Burgfrieden mit seinem Investor zu schließen - zumindest vorerst. Die Vergangenheit hat häufig genug bewiesen, dass Kühnes Haltung gegenüber Funktionären maßgeblich vom sportlichen Abschneiden abhängig ist. Erst kürzlich hatte Kühne in einem Interview noch Zweifel an der Sinnhaftigkeit seines Investments geäußert: "Nach guten Phasen bin ich immer sehr motiviert und denke, dass meine Hilfe nützlich ist. Wenn ich dann Spiele sehe, in denen alles den Bach heruntergeht, frage ich mich: Was soll das Ganze eigentlich noch?" Auf eines ist beim HSV in jedem Fall Verlass: Die nächste Krise kommt bestimmt. Offen ist lediglich, wann sie kommt. Entweder durch das Verpassen des Aufstieges oder in der kommenden Saison in der Bundesliga. Dass die aktuelle Mannschaft auf höchstem Niveau nicht mithalten kann, hat sie jüngst bei der 1:3-Niederlage im DFB-Pokal gegen RB Leipzig unter Beweis gestellt. Trotz des Lobes über die kurzzeitige Hoffnung auf die Sensation.

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Sport aktuell | 24.04.2019 | 17:25 Uhr