VIDEO: Baumann zwischen Sorge und Abstellungspflicht (17 Min)

Länderspiele: Baumann würde "Spieler lieber in Bremen behalten"

Stand: 21.03.2021 17:35 Uhr

In der Fußball-Bundesliga beginnen ab Montag bange Tage, wenn die Profis mit ihren Nationalmannschaften quer durch Europa reisen. In der Zeit des Länderspielfensters im vergangenen November kam es zu zahlreichen Corona-Infektionen von Spielern. Im NDR Interview spricht Werder Bremens Geschäftsführer Frank Baumann über seine Furcht vor positiven Fällen, die Sicht der Spieler und die vermeintliche Sonderrolle des Fußballs.

Herr Baumann, die Pandemie hat uns fest im Griff, die dritte Corona-Welle rollt, aber der Fußball begibt sich wegen der WM-Qualifikationsspiele auf große Reise. Absolut notwendig oder absurd?

Frank Baumann: Die Länderspiel-Reisen in Pandemie-Zeiten sind aus Vereinssicht alles andere als gut. Wir würden unsere Spieler natürlich deutlich lieber hier behalten, um das Infektionsrisiko zu minimieren.

Sorgen Sie sich um Ihre Spieler?

Baumann: Ein Stück weit schon, absolut. Aus aller Herren Länder kommen Spieler, Trainerteams, der ganze Staff zusammen. Das sind je nach Nationalmannschaft 50 bis 60 Leute, die, obwohl sie alle getestet sind, ein gewisses Infektionsrisiko hineintragen. Wir bei Werder Bremen versuchen - insbesondere wenn die Spieler dann wiederkommen - Vorsicht walten zu lassen, damit wir bei uns keine Infektion weiterverteilen.

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Ein Flugzeug fliegt über ein Fußballstadion. © Imago Images

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Wie gehen die Spieler damit um? Wollen sie um jeden Preis spielen, oder gibt es auch Zweifel?

Baumann: Die Spieler sehen das sehr differenziert. Natürlich kriegen sie mit, dass die Zahlen steigen und die Inzidenz-Werte hochgehen. Aber sie haben eine WM-Qualifikation vor sich und treten sehr gerne für ihr Land an. Der eine oder andere kann im Sommer die Europameisterschaft spielen. Da geht es um Stamm- und Kaderplätze. Die Spieler wollen sich wieder zeigen, nachdem sie im vergangenen Herbst nicht zu ihren Nationalmannschaften reisen konnten.

Es gibt Stimmen, dass die Funktionäre - zum Beispiel auch die der UEFA - die Profis schützen müssen. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Baumann: Ich glaube, wir haben bei Werder Bremen und in der Bundesliga gezeigt, dass wir unsere Spieler schützen können. Natürlich ist bei den Nationalmannschafts-Abstellungen ein größeres Risiko da, das haben die Länderspiele im Oktober und November gezeigt, als einige Fälle aufgetreten sind. Die UEFA tut natürlich alles, um die Spieler zu schützen. Auch dort gibt es ganz klare Hygienekonzepte, die umgesetzt werden. Deswegen glaube ich nicht, dass die Verbände oder die UEFA die Gesundheit der Spieler und dann letztendlich auch der Bevölkerung leichtfertig aufs Spiel setzen.

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Die Clubs müssen die Profis abstellen, es sei denn diese müssten in ein "Virusvariantengebiet" reisen und bei der Rückkehr in Quarantäne. Sie würden die Werder-Profis zurzeit lieber in Bremen behalten. Müssen sich die Clubs der UEFA beugen oder können sie nicht sagen: "Nein, das geht jetzt nicht"?

Baumann: Das müsste man austesten (lacht). Es ist teilweise sehr kurios. Wir haben jetzt die Situation, dass sich übers Wochenende die Einschätzung der Virusvariantengebiete geändert hat. Großbritannien gehört jetzt zum Beispiel nicht mehr dazu. Jetzt müssen wir die Spieler, die dahin reisen, abstellen und sind darüber nicht glücklich. Aber ich glaube, ein kompletter Boykott ist aktuell nicht umsetzbar, weil es entsprechende Sanktionen geben würde und die Spieler natürlich auch ein gewisses Interesse haben, zu ihren Nationalmannschaften zu reisen.

Die Reiselogistik klingt wahnwitzig. Da werden Spieler teilweise in Kleingruppen in Privatjets eingeflogen, um das Risiko einer Infektion zu minimieren. Steht das noch im Verhältnis zu dem, um was es da geht?

Baumann: Ich weiß nicht, ob bei vielen Spielern Privatjets angemietet werden. Grundsätzlich ist es ja so, dass es bei den meisten Nationalmannschaften sowieso üblich ist, in einer Chartermaschine unterwegs zu sein. Ich glaube nicht, dass man vor der Pandemie Neymar oder Ronaldo im Linienflieger gesehen hat, wenn sie auf dem Weg zum nächsten Länderspiel waren. Aber natürlich muss man eine Balance zwischen dem Schutz der Spieler und dem Verhältnis der Mittel finden, die eingesetzt werden.

Können Sie den Reflex der Menschen verstehen, die denken: "Der Fußball macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt"?

Baumann: Dass viele Branchen unter der Pandemie extrem leiden müssen, bestreitet keiner. Mir geht aber ein bisschen zuwider, dass immer nur der Fußball so negativ dasteht. Aktuell finden in allen Sportarten Länderspiele oder Meisterschaften statt. Der Ski-Zirkus reist von einem Land ins andere. Wir haben jetzt eine Leichtathletik-EM in Polen gehabt, wo es nach der Rückkehr mindestens genauso viele infizierte Sportler und Funktionäre gab, wie in der ganzen Bundesliga-Saison. Natürlich müssen wir sehr, sehr kritisch mit dieser Situation umgehen. Aber im Fußball haben wir in den vergangenen zwölf Monaten gezeigt, dass wir sehr verantwortungsvoll damit umgehen. Der Fußball kann mit seinen Hygienekonzepten für andere ein Vorbild sein, sodass wir irgendwann wieder eine Normalität haben.

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In der Zweiten Liga hat es bislang sechs Corona-bedingte Spielverlegungen gegeben, in der Ersten Liga noch keine. Man hat das Gefühl, es wird dort strenger hingeschaut. Nicht nur einzelne Spieler, sondern ganze Mannschaften werden in Quarantäne geschickt. Gibt es einen Bundesliga-Bonus?

Baumann: Es entscheiden ja nicht die DFL oder Clubs, ob eine Mannschafts-Quarantäne angesetzt wird, sondern die jeweiligen Gesundheitsämter vor Ort. Und da muss man sich jeden Fall einzeln anschauen. Unser Pokalspiel gegen Regensburg wurde verlegt, weil sehr kurzfristig eine höhere Anzahl an Infektionen aufgetreten ist. Deswegen war es auch die absolut richtige Entscheidung, die ganze Mannschaft von Regensburg 14 Tage in Quarantäne zu setzen. Die Kontaktnachverfolgung ist hier für die Gesundheitsämter ein wichtiges Kriterium. Wir hatten mit Felix Agu einen Fall, wo klar nachvollzogen werden konnte, dass er sich im privaten Umfeld angesteckt hat und die Infektion nicht weitergetragen wurde. Dann hat das Gesundheitsamt in Bremen entschieden, dass Felix zwei Wochen in Quarantäne muss und die anderen Mannschaftsmitglieder konnten nach ein, zwei Tagen wieder trainieren.

Bei Hansa Rostock hat es nun etwas gegeben, was schon lange nicht mehr zu sehen war: Fans im Stadion.

Baumann: Es ist wichtig, solche Pilotprojekte wie in Rostock zu haben, wo es ja nicht nur um Fußball, sondern auch um andere Branchen geht. Um den Menschen eine Perspektive zu geben, dass wir das Leben wieder genießen können.

Haben Sie eine gewisse Sehnsucht, sich mal wieder nur über Fußball unterhalten zu können?

Baumann: Ich wurde Fußballer, weil ich diese Leidenschaft für diesen Sport habe. Dazu gehören auch die Emotionen, die von außen herangetragen werden. Da fehlt wirklich sehr viel. Wir bewältigen es jetzt übergangsweise auch ohne Zuschauer, aber ich habe eine große Sehnsucht, dass die Fans wieder in die Stadien zurückkehren. Bei aller Kritik am Fußball glaube ich, dass es ganz, ganz vielen Menschen auch so geht.

Das Interview führte Ben Wozny

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Sportclub | 21.03.2021 | 22:50 Uhr

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