Ein Flugzeug fliegt über ein Fußballstadion. © Imago Images

Länderspiel-Reisen: Europas riskanter Corona-Spagat

Stand: 19.03.2021 12:13 Uhr

Die dritte Corona-Welle rollt. Dennoch reisen ab kommender Woche zahlreiche Fußballprofis zu den anstehenden Länderspielen quer durch Europa. Verbände, Clubs und Spieler legen einen regelrechten Spagat hin, um den Betrieb trotz steigender Infektionszahlen aufrechtzuerhalten.

von Matthias Heidrich

Das fordert Aktionen heraus, die wohl nur im Profifußball möglich sind. So wird der tschechische Fußballverband nach Informationen des Fachmagazins "kicker" einen Privatjet chartern, um unter anderem Werder Bremens Torwart Jiri Pavlenka möglichst risikofrei zum WM-Qualifikationsspiel am 24. März in Estland zu bringen. Vladimir Darida (Hertha BSC), Pavel Kaderabek (TSG Hoffenheim) und Patrik Schick (Bayer Leverkusen) sollen ebenfalls an Bord sein, wenn der Flieger die Spieler auf zwei Flughäfen in der Nähe von Köln und Berlin aufnimmt, nach Tallin und schließlich wieder zurück nach Deutschland bringt.

"Virusvariantengebiete" als No-go-Areas

Bei den Partien der Tschechen gegen Belgien (27. März) und in Wales (30. März) sind Pavlenka und Co. nicht dabei, weil sie nach der Rückkehr aus den "Virusvariantengebieten" zwei Wochen in Quarantäne müssten. Dazu zählen aktuell Tschechien und Großbritannien. Anders sieht es nach der Stippvisite im "Hochinzidenzgebiet" Estland aus. Eine Isolation nach der Rückkehr ist in dem Fall nicht vorgeschrieben. Die FIFA-Regularien geben den Clubs aktuell die Möglichkeit, die Freigabe der Spieler zu verweigern, wenn diesen bei der Rückkehr eine Quarantäne von mindestens fünf Tagen droht.

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Deutsche England-Legionäre dürfen zur Nationalmannschaft

Frei nach dem Motto "Keine Regeln ohne Ausnahmen", können die deutschen England-Legionäre Ilkay Gündogan, Timo Werner, Kai Havertz, Antonio Rüdiger und Bernd Leno wiederum zur Nationalmannschaft nach Duisburg reisen, ohne in eine strikte Quarantäne zu müssen. Die Zustimmung konnte "im Einklang mit der aktuell gültigen Corona-Einreiseverordnung Nordrhein-Westfalen" erteilt werden, teilte der DFB mit. Die Verordnung der Behörden sehe generell eine Ausnahmegenehmigung für Einreisende aus Großbritannien zur Berufsausübung vor.

Das Quartett muss auf Anweisung des Gesundheitsamtes allerdings innerhalb der bereits bestehenden "Blase" der Nationalmannschaft weiter isoliert werden. So dürfen sie außerhalb des Spiels, Trainings und der Mannschaftsbesprechungen keinerlei Kontakt zu anderen Personen haben.

Clemens Fritz zeigt Verständnis für die Profis

Werders Lizenzspieler-Leiter Clemens Fritz kann sich als ehemaliger Nationalspieler gut in die Lage der Profis versetzen, die für ihr Land auflaufen wollen. "Die Jungs waren in den letzten zwei Abstellungsphasen nicht bei ihren Mannschaften, deswegen ist auch ein Verständnis unsererseits da", sagte der 40-Jährige. "Wir versuchen, das Bestmögliche rauszuholen und haben die Spieler dafür sensibilisiert."

"Die 14-tägige Quarantäne könnten wir uns nicht erlauben, das will auch kein Spieler." Clemens Fritz

Bei Josh Sargent läuft es ähnlich ab wie bei seinem Teamkollegen Pavlenka. Der Werder-Stürmer wird ins Trainingscamp der US-Nationalmannschaft nach Österreich reisen und auch zum Kader der USA im Länderspiel gegen Jamaika (25. März) in Wien zählen - ebenso wie John Anthony Brooks vom VfL Wolfsburg. Bei der Partie drei Tage später in Nordirland werden beide jedoch aufgrund der scharfen Einschränkungen für Reise-Rückkehrer durch die britische Coronavirus-Mutation nicht dabei sein.

Österreich mit 43-Mann-Kader

Österreich selbst tritt am 25. März in Schottland an - ohne Bundesliga-Legionäre. Eine Verlegung der Partie an einen "neutralen Ort" hatte der schottische Verband abgelehnt. Am 28. und 31. März stehen für die Österreicher dann noch die Heimspiele gegen Färöer und Dänemark an. Um dem Personal-Puzzle Herr zu werden, hat Teamchef Franco Foda kurzerhand einen 43-Mann-Kader nominiert, in dem auch die Wolfsburger Pavao Pervan und Xaver Schlager sowie Bremens Marco Friedl stehen.

Europameister Portugal, bis vergangenen Sonnabend noch als "Virusvariantengebiet" eingestuft, trägt sein Heimspiel in der WM-Qualifikation gegen Aserbaidschan (24. März) in Turin aus.

FIFA-Präsident Gianni Infantino appelliert an Clubs

Privatflieger, Mammut-Kader und Heimspiele im Ausland: Während die nächsten zwei Runden der südamerikanischen WM-Qualifikation abgesetzt wurden, legt Europa einen regelrechten Corona-Spagat hin, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Befeuert durch FIFA-Präsident Gianni Infantino, der zuletzt an die Clubs appelliert hatte, die Spieler abzustellen, "so lange ihre Gesundheit nicht in Gefahr gebracht wird". Die Nationalverbände seien auf die TV-Einnahmen für die Länderspiele angewiesen.

Die UEFA nimmt auch gerne Geld ein, zum Beispiel mit der U21-EM in Ungarn und Slowenien. Am 24. März startet die deutsche U21 mit einigen Nordprofis gegen Ungarn in Székesfehérvár in die Gruppenphase. Deutschlands Auftaktgegner hatte am Mittwoch den ingesamt vierten Corona-Fall im Team gemeldet.

Viele positive Fälle nach Reisen im Sport

Dass der Reiseverkehr im Profisport Folgen hat, ist nicht von der Hand zu weisen. "In den letzten Monaten, immer wenn jemand die Blase verlassen musste, gab es nach der Länderspielpause mehr Fälle als vorher", sagte Liverpools Trainer Jürgen Klopp. Ebenso ist es im Handball, wo mehrere Profis nach der Rückkehr von ihren Länderspielreisen positiv getestet wurden - darunter mittlerweile zwei Spieler des Bundesligisten SG Flensburg-Handewitt, und zum Beispiel auch in der Leichtathletik.

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Die Hallen-Europameisterschaften Anfang März im polnischen Torun entwickelt sich aktuell zu einer Art "Superspreader-Sportveranstaltung". Am Mittwoch, zehn Tage nach dem EM-Ende, gab der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) bekannt, dass im Zuge von Nachtestungen sieben positive Fälle aufgetreten seien. In der bedrückenden "Corona-Nationenwertung" reicht das nicht einmal fürs Podest: 15 Fälle meldete Italien, zehn Großbritannien, das seine gesamte Torun-Delegation in Isolation schickte, acht die Niederlande. Mehr als 50 Infektionen waren am Donnerstagmittag insgesamt bereits aktenkundig.

Die Fußball-Nationalspieler werden Anfang April wieder alle bei ihren Clubs eingetrudelt sein, am Osterwochenende steht bereits der 27. Bundesliga-Spieltag an. Die Experten des Robert Koch-Instituts (RKI) hatten zuletzt in einer düsteren Prognose eine mögliche Inzidenz von über 300 für Deutschland ab dem Ostermontag prophezeit. Die Testergebnisse der Reise-Rückkehrer des Fußballgeschäfts wären da noch nicht eingerechnet.

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Sportclub | 21.03.2021 | 22:50 Uhr

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