Florian Kohfeldt vor einem VfL-Wolfsburg-Logo © imago images

Kohfeldt beim VfL Wolfsburg: Bewährung für den Hochgelobten

Stand: 27.10.2021 15:44 Uhr

Nach fünf Monaten Auszeit soll Florian Kohfeldt den strauchelnden VfL Wolfsburg wieder in die Erfolgsspur bringen. In Bremen scheiterte der "Trainer des Jahres 2018". Was kann Wolfsburgs "Wunschtrainer"?

von Andreas Bellinger

Er ist zurück - und das viel schneller als erwartet. Eigentlich, so hatte es Florian Kohfeldt geplant, wollte er ein Jahr Pause machen nach dem Rausschmiss bei Werder Bremen ein Spiel vor Toreschluss der vergangenen Bundesliga-Saison und dem Abstieg des Traditionsclubs in die Zweite Liga. Abschalten, die Entlassung verarbeiten, wieder Kraft und Inspiration tanken. Der 39-Jährige, der bei den Grün-Weißen noch Vertrag bis 2023 hatte, tat genau das - bis der Hilferuf aus Wolfsburg kam, der angesichts der vertrackten Situation nach der frühen Trennung vom Niederländer Mark van Bommel durchaus so genannt werden darf.

Auf den ersten Blick scheint die Verpflichtung des lange hochgelobten "Trainers des Jahres 2018" ein Volltreffer zu sein. Kohfeldt kam aus dem Nachwuchsfußball, bewährte sich bei Werder zunächst als Feuerwehrmann und profilierte sich hernach zu einem veritablen Trainer der Fußball-Eliteklasse.

Zurück in die Erfolgsspur?

Aber dürfen sich VfL-Geschäftsführer Jörg Schmadtke und Sportdirektor Marcel Schäfer wirklich auf die Schultern klopfen, nachdem sie bei der Verpflichtung van Bommels gravierend daneben gelegen haben - und das ungewohnt offen auch zugaben? Dass Kohfeldt mit seinem Feuer eine verunsicherte Mannschaft aufrichten, ihr Selbstvertrauen und Begeisterung implantieren und sie zurück in die Erfolgsspur führen kann, hat er bei Werder eindrucksvoll - manche sagen furios - bewiesen. Im November 2017 zum Cheftrainer befördert, rettete er Werder vor dem Abstieg und klopfte im Jahr darauf sogar an die Tür zum internationalen Fußball. Doch schon da gab es auch kritische Stimmen.

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Sympathisch und eloquent

Das Streben des Trainers nach spielerischer Dominanz und Offensive begeisterte zwar, wurde aber mehr und mehr zum Problem der Defensive, die schon bald zur Schießbude der Liga wurde. Ein Problem, das Kohfeldt nie in den Begriff bekam. Die Kritik an seiner Taktik und auch am Training wischte er sympathisch und eloquent beiseite, aber unverkennbar nagte die Abwehrschwäche auch an seinem Selbstverständnis. Die Handschrift des Trainers verschwamm und spielerische Defizite nahmen ebenso zu wie diskutable Entscheidungen als Coach. Die Spieler aber vertrauten ihm. Dass er die Mannschaft nicht mehr erreiche, wie es in derlei Situationen oft heißt, wurde aus Bremen jedenfalls nie kolportiert.

Sturheit und Eigensinn

Dass Kohfeldt auf dem Weg in die Zweite Liga nicht zurücktreten mochte, wurde ihm schließlich aber sogar von den treuesten der treuen Fans an der Weser übelgenommen. War es wirklich seine feste Überzeugung, der Beste für den Verein zu sein oder doch nur Eitelkeit und Selbstüberschätzung? Eine gewisse Sturheit und ein gehöriges Maß an Eigensinn werden ihm schließlich auch nachgesagt.

Was es auch immer war, sicher dürfte sein, dass Kohfeldt daraus gelernt hat - und Fehler, die er in Bremen gemacht hat, bei seiner zweiten Bundesliga-Station wohl kaum wiederholen wird. Zumal er bei dem niedersächsischen Werksclub nicht mit leeren Kassen und personellen Engpässen zu kämpfen haben wird.

"Ich glaube, dass es hier einfach unglaublich gute Rahmenbedingungen gibt. Und eine Mannschaft, wo unglaublich viel Potenzial drinsteckt." Florian Kohfeldt

Hoher Anspruch 

Dafür sind die Ansprüche des Werksteams aber auch deutlich höher und der Wind wird von Beginn an schärfer wehen als in der Kuschelecke der sogenannten Werder-Familie am Osterdeich. Zumal in Schmadtke ein kantiger Vorgesetzter das Sagen hat, der sich mit erfolgreichen Trainern wie Bruno Labbadia (2019) oder Oliver Glasner (2021) überworfen hat. Kohfeldt ist ein anderer Typ, sucht das Gespräch und fängt auf seinem sportlichen Weg Chefs und Fans gleichermaßen ein. Dass er gut mit jungen Spielern arbeiten kann, sie besser macht und angriffsorientierten Stil bevorzugt, dürfte Schmadtke in seiner Entscheidung bestärkt haben und passt zum offensiven Potenzial der im Schnitt knapp 25 Jahre alten Wolfsburger Mannschaft.

Auftakt ohne Schonzeit

Fraglich aber ist, wie sich Kohfeldt mit dem Tabellenneunten der Bundesliga in der Champions League schlägt und dem Anspruch, dauerhaft international dabei zu sein, gerecht werden kann. Neuland für ihn und eine große Herausforderung, zumal die "Wölfe" in der Gruppe G noch nichts gerissen haben und als Tabellenletzter das Vorrundenaus droht. "Wir werden alles dafür tun, in diesem Wettbewerb zu überwintern oder zumindest europäisch zu überwintern", sagt der Coach. Die Lage sei schließlich "nicht aussichtslos".

Am Mittwoch standen für den 39-Jährigen bereits viele Gespräche an. "Reden wird das allerwichtigste sein", beschreibt er seine Aufgaben in den kommenden Tagen. In der Bundesliga geht es am Sonnabend (15.30 Uhr, im NDR Livecenter) mit dem Gastspiel bei Bayer Leverkusen gleich gegen ein Spitzenteam. "In dieser Mannschaft steckt viel Qualität und Dynamik und wir werden nun gemeinsam daran arbeiten, diese wieder auf den Platz zu bringen", sagt Kohfeldt. Bei seiner offiziellen Vorstellung am Donnerstag wird er seine Vision sicher noch in überzeugendere Worte kleiden.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 31.10.2021 | 22:50 Uhr

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