Herbstmeister FC St. Pauli im Datencheck: So reicht es für den Aufstieg

Stand: 07.12.2021 09:00 Uhr

Bestes Zweitliga-Team des Kalenderjahres und nun vorzeitig Herbstmeister: Bei Spitzenreiter FC St. Pauli läuft's. Was macht die Kiezkicker so stark und warum könnte es für den Bundesliga-Aufstieg reichen? Antworten liefert die Datenanalyse.

von Matthias Heidrich

Das Millerntor außer Rand und Band bei Hamburger Schmuddelwetter: Als das 2:1 gegen den FC Schalke 04 unter Dach und Fach war, der achte Sieg im achten Heimspiel für die Kiezkicker, gab es kein Halten mehr. Knapp 20.000 Fans, die trotz neuer Corona-Regeln noch einmal dabei sein durften, Trainerteam und Spieler feierten, man kann es nicht anders sagen, aufstiegsreif.

Nach 31 Punkten in der vergangenen Rückrunde sind es nun schon 35 in der laufenden Hinrunde. "Nach 16 Spieltagen lügt die Tabelle nicht", würde der gemeine Fußball-Fan wohl zum Spitzenreiter sagen. Zweitliga-Toptorjäger Guido Burgstaller, der beide Treffer gegen Schalke markierte, eher nicht.

"Wir wissen, dass wir uns davon noch nichts kaufen können und für solche Erfolge hart arbeiten müssen. Wir sind alle sehr geerdete Jungs." Guido Burgstaller

"Dosenöffner" Burgstaller, Überflieger Kyereh

Dass der Österreicher, der im vergangenen Herbst ausgerechnet aus Gelsenkirchen nach Hamburg kam, einer der Schlüsselspieler für den Höhenflug der "Boys in brown" ist, liegt bei nunmehr 14 Saisontoren und vier Vorlagen in 16 Spielen auf der Hand. Gegen Schalke markierte der 32-Jährige zum dritten Mal in Folge das 1:0.

Burgstaller ist St. Paulis "Dosenöffner". Sein "Performance-Score" von 57,33 - also die aktuelle Spielstärke - weist ihn zurzeit als drittbesten Zweitliga-Angreifer aus, hinter Paderborns Sven Michel (58,00) und Schalkes Simon Terodde (57,78).

VIDEO: Burgstallers Renaissance beim FC St. Pauli (1 Min)

Burgstaller allein kann es aber nicht richten und muss es in dieser sehr gut zusammengestellten St.-Pauli-Mannschaft auch nicht: Daniel-Kofi Kyereh - "Performance-Score" 58,44 - ist der stärkste offensive Mittelfeldspieler der Liga, Luca-Milan Zander (57,56) die Nummer eins bei den Rechtsverteidigern.

Auf der anderen Seite liefert Leart Paqarada (58,89) als zweitbester Linker verlässlich ab, während Innenverteidiger Jakov Medic (58,67) ligaweit an Position vier rangiert. Und auch Keeper Nikola Vasilj (53,57) performt als fünftbester Torwart beachtlich.

St. Paulis Spielanlage: Kontrolliert, aber kreativ

Alphatier-Trainer Otto Rehhagel und der verschmitzte Ostfriese Timo Schultz haben auf den ersten Blick wenig gemein. Bei St. Paulis Spielanlage fühlt sich der Beobachter aber an die goldenen Werder-Jahre unter "König Otto" zurückerinnert: Mit kontrollierter Offensive coachte Rehhagel Bremen in den 1980er- und 90er-Jahren zu Erfolgen, die Kiezkicker kommen 2021 ähnlich daher.

St. Pauli will das Spiel kontrollieren und tut das zumeist auch. Ligaweit hat die Schultz-Elf den viertmeisten Ballbesitz im Schnitt pro Spiel, sowohl in Minuten (27,2) als auch in Prozent (53%) - nur das Nordtrio HSV (32,28/63%), Holstein Kiel (30,33/56%) und - Otto lässt grüßen - Werder Bremen (28,01/55%) ist hier besser.

Wenn die Kiezkicker nach vorne spielen, dann hat das Hand und Fuß. Mit im Schnitt knapp acht Torabschlüssen nach kontrollierten Angriffen pro Partie (7,94) sind sie das zweitbeste Team. Lediglich Werder ist besser (8,13). St. Pauli fügt der Spielkontrolle noch den Faktor Kreativität hinzu. Mit durchschnittlich 5,13 angekommenen Schlüsselpässen pro Begegnung spielen sie die drittmeisten - hinter dem HSV (5,73) und Bremen (5,31). Der Ligaschnitt liegt bei 3,6. Verfolger Darmstadt schafft zum Beispiel nur 3,75 dieser wichtigen Aktionen pro Spiel.

Die effektive Offensivmaschine vom Millerntor

Geht's ins letzte Spieldrittel, ist St. Pauli ohnehin stark. Mehr als 18 Mal pro Spiel dringen die Braun-Weißen in den Strafraum des Gegners ein - Rang zwei nach dem HSV mit knapp 20 Aktionen im gegnerischen Sechzehner. Selbe Reihenfolge bei den "Expected goals": St. Pauli mit 1,83 Zweiter, der HSV mit 2,25 Ligaspitze. Hier zeigt sich aber der Unterschied: Mit letztlich 2,25 Toren pro Partie übertrifft die Millerntor-Elf die eigenen Erwartungen, während der Stadtrivale mit 1,69 Treffern enttäuscht. Ligaspitze vor St. Pauli ist Darmstadt mit 2,38.

St. Pauli ist aus Sicht der Konkurrenz ekelhaft effektiv, holt überragende 2,19 Punkte pro Spiel. Den Ligaschnitt von 1,37 übertreffen die Kiezkicker um Längen, Darmstadt als zweitbestes Team schafft nur 1,81. St. Paulis "Expected points"-Wert von 1,66 verdeutlicht, wie sich der Ligaprimus aktuell selbst übertrifft.

Pressing wird überschätzt, Zweikämpfe auch ...

Die Kehrseite der Millerntor-Medaille sind zu viele Ballverluste in der eigenen Hälfte (14,88 pro Spiel, der Ligaschnitt liegt bei 14,26), ein schwaches Kopfballspiel (nur 22,19 gewonnene Luftduelle, Ligaschnitt 26,04) und in der Summe mittelmäßige bis schlechte Pressing-Werte (Effizienz nur bei 43,54%, Rang zwölf im Teamvergleich, Ligaschnitt 43,73%).

Letzteres hat bei St. Pauli aber offensichtlich System. Im "Spielaufbau ohne Pressing", also ohne vorangegangene Balleroberung, belegen die Hamburger mit 17,75 Aktionen Rang vier in der Liga (Durchschnitt 15,35). Aggressivität ist nicht das oberste Gebot für das Schultz-Team.

St. Pauli versucht, kraftraubenden Zweikämpfen durch Spielkontrolle aus dem Weg zu gehen, agiert im reinsten Fußball-Sprech "mit Auge". Ligaweit führen die Kiezkicker die drittwenigsten Zweikämpfe (155,56 pro Spiel), aber wenn sie in den Infight gehen, dann richtig: Rang acht bei der Gesamtquote der gewonnenen Zweikämpfe (49,98%), sogar Platz vier bei erfolgreich geführten Defensivduellen (56%) - obwohl St. Pauli ligaweit die wenigsten davon führt (75 im Schnitt). Das lässt den Schluss zu, dass Kapitän Philipp Ziereis und Co. viele Situationen schon frühzeitig durch gutes Stellungsspiel und cleveres taktisches Verhalten lösen.

St. Pauli hat die besten Aufstiegschancen

Es läuft ohne Zweifel vieles richtig gut im System St. Pauli. Läuft es also auch auf den Bundesligaaufstieg hinaus? Basierend auf den "Expected goals"- und "Expected points"-Werten: ja. Demnach hat St. Pauli eine 60-prozentige Aufstiegschance, die höchste von allen Clubs. Darmstadt (42%), Schalke (31%) und der HSV (30%) folgen auf den Plätzen.

Denjenigen Fans, die es nicht allzu sehr mit den Daten halten, kann womöglich auch die "bedeutungslose" Herbstmeisterschaft Hoffnung geben. 27 von 39 Zweitliga-Herbstmeistern sind am Saisonende in die Bundesliga aufgestiegen. Unter den Gescheiterten waren in jüngster Vergangenheit mit Eintracht Braunschweig, Holstein Kiel und dem HSV aber auch drei Nordclubs. Letzterer gleich zweimal. Dem wollen die Kiezkicker bestimmt nicht nacheifern.

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