Hamburgs Spieler um Torschütze Sebastian Schonlau (l.) bejubeln einen Treffer. © IMAGO / Revierfoto

HSV heute in Berlin: Mit Mut und Euphorie gegen die Hertha

Stand: 19.05.2022 08:08 Uhr

Der Hamburger SV hat in den Relegationsspielen gegen Hertha BSC die Chance, nach vier Jahren in die Fußball-Bundesliga zurückzukehren. Euphorie und Zuversicht beim Zweitliga-Dritten sind groß.

von Hanno Bode

Als der Mannschaftsbus des HSV am Sonntag nach der Auswärtspartie beim FC Hansa Rostock (3:2) in der Abenddämmerung am Volksparkstadion eintraf, wurde das Team dort von 50 freudetrunkenen Fans erwartet. "HSV, HSV, HSV", hallte es über den Parkplatz der Betonschüssel, auf dem auch einige Bengalos gezündet wurden. Coach Tim Walter ging zu den hinter einem Zaun stehenden Anhängern, bedankte sich für den freundlichen Empfang und sagte dann zu ihnen: "Wir haben jetzt noch zwei Spiele. Die wollen wir gewinnen - und dann könnt ihr alle kommen."

Der 46-Jährige - wie immer sportlich leger mit Trainingsanzug und Cap bekleidet - hinterließ dabei nicht den Eindruck, als habe er auch nur den klitzekleinsten Zweifel daran, dass seine Equipe über die "Bonus-Spiele" (Walter) gegen die Berliner heute an der Spree und am Montag in Hamburg (jeweils 20.30 Uhr, im Livecenter bei NDR.de) den Sprung ins Oberhaus schaffen wird.

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Walter: "Wir wollen jedes Spiel gewinnen"

Nun speist sich die große Zuversicht des Trainers nicht nur aus den jüngsten fünf Siegen in Serie, mit denen der HSV einen zwischenzeitlichen Sieben-Punkte-Rückstand auf Rang drei im Saisonfinale noch wettmachte. Vor dem ersten Duell mit der Hertha bemüht Walter auffällig oft den Begriff "Mut", um noch einmal die Entwicklung und Mentalität seiner Mannschaft in dieser Spielzeit zu verdeutlichen. "Wir wollen jedes Spiel gewinnen. Das ist unsere Herangehensweise und unser Naturell, immer erfolgreich sein und immer gewinnen zu wollen. Das ist das Ass, das wir haben: Wir sind einfach total mutig und überzeugt", sagte der 46-Jährige.

"Letztes Jahr habe ich den Aufstieg mit dem HSV leider nicht geschafft. Ich gönne es jedem einzelnen dort. Ich drücke die Daumen, dass das in der Relegation klappt." Ex-HSV-Torjäger Simon Terodde

Auch wenn dieses "total mutig" gerade in der Anfangsphase der Saison zuweilen total wild aussah und der Mannschaft in der Rückrunde zwischenzeitlich die Energiereserven für den aufwendigen Spielstil auszugehen schienen, ist nüchtern festzustellen: In der vierten Zweitliga-Saison war beim Traditionsclub erstmals nach dem Abstieg ein klares taktisches und fußballerisches Konzept zu erkennen - auch wenn die risikobehafteten Auftritte vielleicht nichts für Fans mit hohem Blutdruck waren.

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Zehntausende HSV-Fans in Berlin erwartet

"Der HSV steht wieder für was. Das wird wohlwollend honoriert", sagte Walter, dessen Team am Abend im ausverkauften Olympiastadion von mindestens 7.500 Fans unterstützt werden wird. Dieses Kartenkontingent erhielten die Hamburger. Es war binnen zehn Minuten vergriffen.

Gerüchten zufolge sollen sich weitere Tausende HSV-Anhänger mit Tickets aus dem freien Verkauf der Berliner eingedeckt haben. Hertha spricht von rund 15.000 Karten, Hamburger Fan-Organisationen erwarten sogar bis zu 25.000 HSV-Anhänger im Stadion. Der Hauptstadt-Club warnte per Twitter: In den Heimbereichen sei das Tragen von Fankleidung des Gästeteams untersagt. "Das Ordnungspersonal wird in solchen Fällen den Zutritt zu den Plätzen verweigern." Der Supporters-Club des HSV twitterte: "Wir empfehlen HSV-Fanartikel ausschließlich im offiziellen Bereich des Gästeblocks zu tragen."

Die Fanshops der Hansestadt melden derweil einen Ausverkauf an Trikots. Die Rauten-Hemden seien in den vergangenen Wochen nachgefragt gewesen wie noch nie, hieß es. In der abgelaufenen Zweitliga-Spielzeit sollen rund 60.000 Jerseys verkauft worden sein.

Der Spielidee treu bleiben

Walter, beim Abschlusstraining vor der Abreise am Mittwochabend bester Stimmung, freut sich über den Zuspruch: "Man sieht, dass die Identität, die der HSV über die ganze Saison kreiert hat, wahrgenommen wird." Diejenigen, die inmitten der Woche den Weg von der Elbe an die Spree auf sich nehmen werden, will der Coach nicht enttäuschen. Die Mannschaft werde auch gegen den höherklassigen Kontrahenten ihrer Spielidee treu bleiben, erklärte der Trainer. Sein Kapitän Sebastian Schonlau schlug in dieselbe Kerbe: "Wie können befreit aufspielen und haben richtig, richtig Bock auf die Spiele."

Hertha trotz hoher Investitionen in Dauer-Krise

An Selbstbewusstsein und - dem viel beschworenen - Mut mangelt es den Hamburgern also nicht. Doch im Kampf um das letzte Bundesliga-Ticket gibt es eben auch noch einen Gegner, der zwar nur Rang 16 im Oberhaus belegte, aber deshalb noch lange nicht zur Kategorie "Laufkundschaft" zählt. Immerhin wurden seit dem Einstieg des umstrittenen Investors Lars Windhorst 2019 knapp 170 Millionen Euro in den Kader der Hertha investiert, die sich daraufhin auf den Weg zum "Big City Club" sah. Bis dato ist das Gerede von der dauerhaften Champions-League-Teilnahme allerdings nur Geträume, ein "Big Bluff" sozusagen.

Die Ränge 10, 14 und nun 16 entsprechen jedenfalls nicht ansatzweise dem Windhorstschen Wunschdenken. Ganz nebenbei befindet sich das einstige Wunderkind der deutschen Wirtschaft im Dauerclinch mit Langzeit-Präsident Werner Gegenbauer. Ein Abstieg könnte das Pulverfass Hertha BSC zum Explodieren bringen.

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Magaths Bilanz als Hertha-Coach durchwachsen

Verhindern soll dies ausgerechnet HSV-Legende Felix Magath. Seit sieben Partien zeichnet der 68-Jährige für die Berliner verantwortlich. Seine Bilanz ist mit nur zwei Siegen und einem Remis ziemlich durchwachsen. Der Zauber früherer Trainer-Tage, als er unter anderem 2009 den VfL Wolfsburg sensationell zur Meisterschaft führte, scheint etwas verflogen. Walter zollte Magath vor seinem ersten Duell mit ihm dennoch großen Respekt. "Er hat als Fußballer und Trainer sehr viel erreicht. Von daher hat er in puncto Erfahrung mehr erreicht", sagte der HSV-Coach. Mehr wollte sich der 46-Jährige nicht mit dem Trainer des Gegners befassen.

Stattdessen legte er seinen Fokus im selben Atemzug wieder auf seine Mannschaft: "Wir sind jung und hungrig und sprühen vor Elan. Wir sind mutig. Das ist vielleicht das, was wir Hertha etwas voraushaben, weil wir die letzten fünf Spiele gewonnen haben."

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 17.05.2022 | 19:30 Uhr

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