Der frühere Fußball-Profi Morike Sako (r.) im Trikot des Hamburger Kreisklasse-Club FC Hamburger Berg © NDR

Ex-St.-Pauli-Profi Sako: Fußball-Liebe kennt keine Liga

Stand: 03.05.2022 14:25 Uhr

Morike Sako stieg mit dem FC St. Pauli von der Dritten Liga in die Bundesliga auf. Obwohl der Angreifer nur selten traf, war er am Millerntor Publikumsliebling. Viele Jahre nach dem Ende seiner Profikarriere geht der Franzose für einen anderen Kiezclub auf Torejagd: den Neuntligisten FC Hamburger Berg.

von Hanno Bode

Es herrscht reges Treiben auf der Sportanlage an der Wichmannstraße. Rund eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff des Viertelfinalspiels des Kreisklasse-Vertreters im Verbandspokal gegen den SC Hansa 11 wird der Bereich vor dem Unkleidehaus mit Flatterband abgesperrt. In der Kabine pumpt Präsident Ralph Hoffmann die bereits von vielen Partien und Trainingseinheiten auf dem Grandplatz gezeichneten Bälle auf. Und ein anderer Vereinsverantwortlicher hat mit einem herkömmlichen Haushaltsbesen den Kampf gegen das Wasser aufgenommen. Er fegt die Pfützen vor den Toren weg.

Ein paar seiner Mannschaftskameraden schlürfen schon Kaffee aus Pappbechern und plaudern miteinander, als Sako mit seiner weißen Limousine vorfährt und am Vereinshaus der Altonaer Schützengilde parkt, die ihre Räumlichkeiten ebenfalls auf dem in Bahrenfeld gelegenen Sportplatz hat. Der 40-Jährige steigt mit seinen beiden Söhnen aus und umarmt jeden seiner Mitspieler zur Begrüßung herzlich.

Starallüren zeigt der Franzose nicht, der von 2007 bis 2010 bei St. Pauli unter Vertrag stand und anschließend für Arminia Bielefeld stürmte.

"Bei uns wird viel gelacht, gesungen und getanzt"

"Wir sind eine Familie, ein Team", sagt Sako und schwärmt davon, dass beim "Berg", wie der Club liebevoll gerufen wird, "viel gelacht, gesungen und getanzt" werde. "Das ist anders und einfach geil", ergänzt der frühere Berufsfußballer. Der Franzose mit malischen Vorfahren kickt seit zwei Jahren für den Verein aus St. Pauli. Auch viele seiner Mannschaftskameraden stammen aus anderen Ländern. Im Kader des Kreisklassisten stehen Spieler aus über zehn Nationen. Das ist kein Zufall. Seit seiner Gründung 2014 durch Tresen- und Sicherheitskräfte, die in der Seitenstraße Hamburger Berg ihren Lebensunterhalt verdienen, engagiert sich der Club stark für Flüchtlinge.

Sozial- und Integrationsarbeit ist ein elementarer Bestandteil der Vereinsphilosophie. Aber der umtriebige Präsident Hoffmann hat auch hohe sportliche Ziele. "Er hat mir erzählt, dass es sein Traum ist, den 'Berg' ganz nach oben zu bringen. Das hat mich gereizt", so Sako.

Ex-Profi kickte zwischenzeitlich in Freizeitliga

Der frühere Fußball-Profi Morike Sako vor der Umkleidekabine des Sportplatzes an der Hamburger Wichmannstraße © NDR
Ex-Profi Morike Sako spielt nun auf Grand für Neuntligist Hamburger Berg.

Der Ex-Profi ist eher zufällig beim Club aus der zweitniedrigsten Hamburger Spielklasse gelandet. Er war seinerzeit bei einem südkoreanischen Software-Unternehmen tätig, von dem einige seiner Arbeitskollegen sich dem "Berg" angeschlossen hatten und ihn dann mit zum Training nahmen. Der 40-Jährige fand schnell Gefallen an dem Multi-Kulti-Team. "Bei uns wird nicht viel Deutsch gesprochen. Das ist gut und anders. Es macht die ganze Stimmung und den Verein besonders", sagt der frühere St.-Pauli-Stürmer. Bevor er wieder mit dem Vereinsfußball anfing, war Sako sogar in der Freizeitliga für eine Betriebsmannschaft auf Torejagd gegangen.

Die Fußballschuhe endgültig an den Nagel zu hängen, das kam für den Angreifer nie infrage. "Ich habe zwei kleine Kinder, die Fußball lieben. Da kann ich nicht sagen, ich setze mich auf die Couch und kann nicht mitmachen. Ich liebe den Fußball und lebe Fußball. So lange ich noch stehen kann, werde ich auf dem Platz stehen und da Spaß haben", erklärt der Franzose.

Söhne bei Mannschaftsbesprechung in der Kabine

Er ist neben den Ex-Nationalspielern Martin Harnik (TuS Dassendorf) und Marcell Jansen (Hamburger SV III) der prominenteste Ex-Profi im Hamburger Amateurfußball. Dass sich der Kreisklassist sensationell ins Viertelfinale des Landespokals vorkämpfte, ist auch Sakos Verdienst. Dabei glänzte er nicht als Angreifer, sondern Ballverteiler im Mittelfeld. Nun rückt das wichtigste Spiel der Vereinsgeschichte immer näher. Die Anspannung in der Kabine des Außenseiters steigt. Coach Gerd Kruspe, dessen Heimat früher die Weltmeere waren, schwört sein Team auf das Duell mit Landesligist Hansa 11 ein. "So, ich sage das jetzt zum letzten Mal: Hamburger Berg, wir schaffen das!" schließt der 73-Jährige seine Ansprache.

Dass der Kontrahent großer Favorit und drei Klassen höher angesiedelt ist, kann den früheren Seebär nicht erschüttern. Ebenso nicht, dass Sakos Söhne während der Besprechung in der Kabine neben dem Papa sitzen und Kekse knabbern.

Dreieinhalb unvergessliche Jahre bei St. Pauli

Morike Sako im Trikot des Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli (Foto aus dem Jahr 2009) © picture-alliance/ dpa Foto: Malte Christians
Morike Sako spielte von Anfang 2007 bis Mitte 2010 für St. Pauli.

Ein solches Szenario wäre zu seinen Profizeiten für Sako undenkbar gewesen, auch wenn es bei St. Pauli unter Trainer Holger Stanislawski nicht immer bierernst zuging. "Die Zeit werde ich nie vergessen", sagt der 40-Jährige ein wenig wehmütig. 2007 war er vom englischen Viertligisten AFC Rochdale zum Kiezclub gewechselt. Am Millerntor spielte sich der 2,02 Meter große Angreifer schnell in die Herzen der Fans, weil er stets selbiges auf dem Platz ließ. Sein großes Kämpferherz übertünchte einige fußballerische Defizite.

So war ausgerechnet das Kopfballspiel keine Spezialität des "weichen Riesen". Auch Treffer erzielte er selten. Ganze acht waren es in 74 Pflichtspielen für St. Pauli. Der Hamburger Boulevard gab ihn trotzdem den Spitznamen "Torlatte".

Glückloses Engagement bei Arminia Bielefeld

Der Bundesliga-Aufstieg 2010 war für den Franzosen der Höhepunkt seiner Laufbahn. "Wunderbarer Morike Sako", sangen die Fans des Kiezclubs, als die Mannnschaft auf der Reeperbahn den Sprung ins Oberhaus feierte. Es war die letzte Fete für den Stürmer als St.-Pauli-Profi. Er erhielt keinen Vertrag mehr vom Millerntor-Club. "Die Mehrheit der Leute wollte, dass ich bleibe. Nur ein, zwei Menschen wollten das nicht", blickt der 40-Jährige etwas verärgert zurück. Er wechselte damals zu Arminia Bielefeld, wurde auf der "Alm" jedoch nicht glücklich. Nach nur einem Jahr verließ Sako die Ostwestfalen wieder.

Es folgten später noch Engagements bei den Regionalligisten Hessen Kassel und Eintracht Norderstedt, bevor der einstige Kickboxer begann, nur noch zum Spaß seiner großen Leidenschaft nachzugehen.

Hoffen auf weitere Pokal-Sensation

Sharif Deen Osman vom Fußball-Kreisklassisten FC Hamburger Berg © Hanno Bode Foto: Hanno Bode
Sharif Deen Osman und der FC Hamburger Berg erreichten sensationell das Viertelfinale des Verbandspokals.

Mit einer Teilnahme am DFB-Pokal würde Sako noch einmal ein Comeback auf der großen Fußballbühne feiern. Voraussetzung dafür wäre ein Erfolg im Landespokal, von dem der Hamburger Berg vor dem Viertelfinale gegen Hansa 11 noch drei Siege entfernt ist. Und der Traum des Neuntligisten erhält schnell neue Nahrung, als Najimu Mohammed nach drei Minuten per Elfmeter zum 1:0 trifft. "Es ist genau das eingetreten, was ich gesagt habe - genau das", jubelt Trainer Kruspe, während Sako dem Torschützen mit einem Klaps auf die Schulter gratuliert. Auch bei den Spielern auf der Auswechselbank, dessen Plexiglasscheibe ein riesiges Loch hat, wächst der Glaube an die nächste Sensation.

Traum geplatzt: "Das war verdient, verdient, verdient"

Dann aber tigert Kruspe immer unruhiger auf dem Unkraut an der Außenlinie entlang, das sich durch den Grand gebohrt hat. Die Hausherren ziehen sich viel zu weit zurück und geraten noch vor der Pause mit 1:2 in Rückstand. Torhüter Patrick Antwi, der einst das Gehäuse der ghanaischen Nationalmannschaft hütete, muss nach dem Seitenwechsel drei weitere Mal hinter sich greifen. Am Ende unterliegt der "Berg" dem Nachbarn - auch Hansa 11 hat seine Heimat auf dem Kiez - mit 2:5. Sako zeigt sich als fairer Verlierer.

"Das war verdient, verdient, verdient", sagt er zu Gäste-Coach Erkan Sancak, den er zuvor innig umarmt hatte: "Wir kennen uns schon lange und haben uns vor dem Spiel auf dem Kiez getroffen."

Nach dem Spiel ist für Sako vor dem Spiel

Auch wenn der 40-Jährige in seiner Profi-Laufbahn viel erlebt hat, diese Pleite im Amateurfußball nagt an ihm. "Ich möchte immer Gas geben auf dem Platz und der Beste sein. Ich muss die Jungs mitreißen. Und wenn man verliert, ist es immer sch...", sagt der Mann mit der Rückennummer 26. Zu seinen Zeiten als Berufsfußballer stieg er nach verrichteter Arbeit in ein Entmüdungsbecken oder auf die Massagebank. Vergangenheit. Heute ist für Sako nach dem Spiel vor dem Spiel. "Ich muss jetzt ein bisschen mit den Kids kicken", sagt er und geht mit seinen Söhnen auf den aufgewühlten Grandplatz.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 01.05.2022 | 23:30 Uhr

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