Stand: 26.11.2014 09:00 Uhr

Der HSV ist tot - Es lebe der HSV!

von Hanno Bode, NDR.de
Die dritte Mannschaft des HSV erhält seit dieser Serie große Fanunterstützung.

Ein Siebtliga-Fußballspiel im Herzen von Hamburg. Vor dem Kassenhäuschen des Wilhelm-Rupprecht-Platzes, der Anlage des HSV Barmbek-Uhlenhorst, stehen die Zuschauer Schlange. Die Polizei hat drei Mannschaftswagen vor dem altehrwürdigen Stadion geparkt, in dem Weltmeister Andreas Brehme einst seine Karriere begann. Rund 600 Fans tummeln sich später auf der Anlage, um sich die Bezirksliga-Partie von BU II gegen den Hamburger SV III anzuschauen. An den Banden hängen Transparente. "E.V. statt AG" oder "Ruhm und Ehre für Hamburgs Amateure" steht darauf.

Flucht aus den Bundesliga-Stadien

Nachdem der HSV seine Profiabteilung aus dem Gesamtverein ausgegliedert und in eine Aktiengesellschaft umgewandelt hat, hat eine nicht unbeträchtliche Zahl von Anhängern der Bundesliga-Mannschaft den Rücken gekehrt. Viele von ihnen unterstützen nun jenes dritte Team. Andere haben einen eigenen Verein gegründet: den Hamburger Fußball-Club (HFC) Falke. Auch beim anderen HSV, dem aus Hannover, gibt es dieses Phänomen. Der seit geraumer Zeit anhaltende Konflikt zwischen der 96-Vereinsführung und der aktiven Fanszene hat einige Hundert Anhänger dazu bewegt, statt des Profiteams nun die Regionalliga-Mannschaft zu unterstützen.

Fans wandern zur dritten Mannschaft ab

Zurück in Barmbek. "HSV, HSV, HSV", hallt es über den Rupprecht-Platz. Die 500 Gästefans unter den Anhängern unterstützen ihre Mannschaft frenetisch. Und friedlich. Die rund 30 Einsatzkräfte der Polizei bleiben beschäftigungslos. "Wir erwarten keine Randale. Aber wir wissen auch nicht, wie sich das alles entwickelt. Das ist ja erst seit Saisonbeginn so", sagt ein Ordnungshüter dem NDR. Tatsächlich feuerten die meisten der nun zur "Dritten" abgewanderten Anhänger in der abgelaufenen Serie noch die Erstliga-Equipe des Traditionsclubs an.

Ultra-Gruppierung verabschiedet sich

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Fans beim Spiel des Hamburger SV III.

Das Gros rekrutiert sich aus der Ultra-Gruppierung "Chosen Few". Sie zeichnete sowohl bei Heim- als auch Auswärtsspielen für die lautstarke Unterstützung sowie eindrucksvolle Choreografien verantwortlich. Selbst wenn der seit Jahren sportlich dahindarbende HSV noch so schlecht spielte - und das kam häufig vor - war auf den "Support" der Fans aus Block 22c im oberen Bereich der Nordtribüne des Stadions im Volkspark Verlass. Es folgte die Strukturreform beim Bundesliga-"Dino". "Die CFHH wird in der kommenden Saison die ausgegliederte Profiabteilung nicht unterstützten", teilte die Ultra-Gruppierung am 1. Juli dieses Jahres in einem öffentlichen Brief mit - und hielt Wort.

Beiersdorfer: "Das tut uns schon weh"

Darunter hat die Atmosphäre im WM-Stadion gelitten. Dietmar Beiersdorfer, der Vorstandschef der HSV-AG, blickt wehmütig auf die alten Zeiten zurück. "Unvergesslich sind die Choreografien, die die Anhänger des HSV hier in den letzten Jahren präsentiert haben und somit ihre Leidenschaft für den Club bekundet haben. Das tut uns schon weh, dass das in der Form aktuell nicht so ist", erklärt der 51-Jährige dem NDR Sportclub. Beiersdorfer hofft auf eine Versöhnung mit den abgewanderten Fans. "Wir wollen das so vorleben, dass es keine Trennung gibt zwischen der Rechtsform AG und der Rechtsform e.V.", sagt der Vorstandschef.

Falke als Auffangbecken für frustrierte HSV-Anhänger

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Präsidentin Tamara Dwenger will mit dem HFC Falke hoch hinaus.

Der Weggang der "Chosen Few"-Mitglieder wäre wahrscheinlich zu verschmerzen gewesen. Doch es wandten sich weitere langjährige Anhänger ab und gründeten den HFC Falke. "Den Fußball, wie wir ihn gerne hätten und dieses Gemeinschaftsgefühl, wie wir es gerne hätten, das ist augenscheinlich nicht mehr erwünscht beim HSV. Und dann muss man für sich Konsequenzen ziehen", erklärt Tamara Dwenger. Die Speditionskauffrau stand viele Jahre in der Nordkurve des Stadions im Volkspark. Nun ist sie Präsidentin des HFC Falke und arbeitet fieberhaft daran, die Strukturen für eine erfolgreiche Zukunft zu schaffen: "Ja, wir wollen in der Oberliga spielen. Aber ich möchte in 20 Jahren noch mit meinen Kindern hierher gehen. Und es soll bezahlbar sein." Diese gelebte Fußballromantik teilt sie mit aktuell bereits 350 Falke-Mitgliedern. Tore ihres neuen Clubs können die abtrünnigen HSV-Fans indes noch nicht bejubeln. Die "Raubvögel" werden erst zur neuen Saison eine Mannschaft für den Spielbetrieb melden.

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 28.11.2014 | 12:25 Uhr

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