Stand: 07.05.2020 13:40 Uhr

Stell' dir vor, es ist Fußball und keiner darf hin…

von Sebastian Ragoß und Martin Schneider, NDR.de
Geisterspiele in der Bundesliga: Die Fans sind auf die TV-Übertragung angewiesen.

Die Bundesliga wird die Saison mit Geisterspielen fortsetzen. Wie fühlen sich aber aktive Fans, die vor der Corona-Krise fast jede Woche im Stadion waren und nun zu Hause bleiben müssen?

Geisterspiel! Ein Begriff, der noch vor wenigen Wochen in der Fußball-Branche als Synonym für die Höchststrafe stand: für Spiele ohne Zuschauer, ohne Stimmung, ohne Emotionen. Also für einen Fußball, dem das Wesentliche fehlt, und den in dieser Form eigentlich niemand sehen will. Dann kam die Corona-Krise, die Stilllegung des Profi-Sports und damit änderte sich alles rasend schnell.

Mittlerweile ist das Geisterspiel für die Erst- und Zweitligisten in Deutschland der letzte Strohhalm, an den sich eine ganze Branche klammert. Am 16. Mai soll erstmals nach mehr als zwei Monaten Pause wieder der Ball rollen.

ProFans-Sprecher Zelt: "Geisterspiele geben uns nichts"

Für die Clubs geht es ums Finanzielle: Einnahmen zu sichern, die nur fließen, wenn der Ball rollt. Doch wie wird sich Geister-Fußball eigentlich für diejenigen anfühlen, die im Fußball weit mehr sehen, als nur ein Geschäft oder ein reines Freizeitvergnügen?

Die jedes Wochenende ins Stadion gehen, egal ob zu Hause oder auswärts. Sig Zelt ist Sprecher der Fanvereinigung ProFans und Anhänger von Union Berlin. Derzeit ist er ein gefragter Gesprächspartner. Anders als beispielsweise die Ultra-Vereinigung "Fanszenen Deutschland" lehnt er Geisterspiele keinesfalls ab. "Wir müssen es in Kauf nehmen, weil sonst wohl Vereine kaputtgehen würden", sagt Zelt, betont aber auch: "Geisterspiele geben uns nichts."

Das Stadion als Ort der Begegnung gibt es nicht

Natürlich lieben aktive und engagierte Fans das Spiel an sich. Doch das Stadion ist auch ein Ort der Begegnung, des Austausches, der Interaktion. Man leidet zusammen, man jubelt zusammen, man fiebert mit. Ohne dieses Erlebnis und den direkten Kontakt mit anderen Anhängern sowie das Gefühl, etwas Besonders zu erleben, ist der Fußball eben ein ganz anderer, oder wie es Sven Langner vom "Fanladen St. Pauli" ausdrückt: "Fußball ohne Fans im Stadion ist so gut wie nichts wert. Es ist ein trauriges Szenario."

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Ein Szenario, das sich nicht nur auf die insgesamt rund 500.000 Menschen beschränkt, die vor der Corona-Krise an jedem Wochenende in die Erst- und Zweitliga-Stadien gegangen sind, sondern auch all jene, die in Kneipen oder in großer Runde bei Freunden zusammen Fußball schauen wollen. Wie lange macht Fußball-Gucken alleine oder in sehr kleiner Gruppe wirklich Spaß?

"Was ist zurzeit nicht seltsam?"

Und kann sich wirklich schon jemand genau vorstellen, wie es sein wird, wenn der geliebte Verein am Saisonende ein großes Ziel erreicht und die Menschen nicht zusammen jubeln dürfen? Wenn es kein brodelndes Stadion gibt, keinen Autokorso der Mannschaft. Wenn beispielsweise dem Hamburger SV die Rückkehr in die Bundesliga gelingt, und die gebeutelten HSV-Fans nur für sich feiern dürfen? "Das wäre schon sehr seltsam. Aber was ist zurzeit nicht seltsam? Der Fußball ist ja die wichtigste Nebensache der Welt, aber eben immer noch nur eine Nebensache", sagt Ole Schmieder vom HSV-Fanprojekt.

Soziales Engagement von Fans schon vor Corona

Es fällt auf, dass viele organisierte Fans Geisterspiele sehr differenziert beurteilen und eine pragmatische Haltung im Hinblick auf die Fortführung der Saison entwickelt haben. Ohnehin beschränkt sich für die leidenschaftlichsten Anhänger der Fußball nicht nur auf den Stadionbesuch: Fans und Fanprojekte haben schon lange vor der Corona-Krise gesellschaftliche Verantwortung übernommen, indem sie Spenden sammeln oder die Schwächeren unterstützen.

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"Der Vorteil in der jetzigen Situation ist, dass es weiten Teilen der Fanszene generell nicht nur ausschließlich um 'den Fußball' und 'das Spiel' geht. Dort ging es immer auch um soziale Aspekte, Solidarität, Partizipation und Freundschaften", sagt Langner. Und dieses Engagement endet nicht, nur weil derzeit nirgendwo ein Ball rollt. Das betont auch Schmieder vom Hamburger Lokalrivalen: "Kern der Arbeit bleibt auch jetzt die Beziehungsarbeit, also klassische sozialpädagogische Arbeit."

Gehen Fans und Verbände wieder aufeinander zu?

Wohl nie zuvor ging es den Diskussionen rund um den Fußball so oft um Werte wie in den vergangenen Wochen. Vielleicht sorgt ja die aktuelle Situation dafür, dass sich Fankurven und Verbände wieder ein wenig annähern. Zuletzt entlud die immer größer werdende Entfremdung zwischen Fankurven und Verbänden in massiven Protesten vor allem gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp. Die Bundesliga-Clubs haben sich jüngst jedoch auf die Fahnen geschrieben, dass in Zukunft "Nachhaltigkeit, Stabilität und Bodenständigkeit" das Handeln (mit-)bestimmen soll.

Voraussagen sind schwer zu treffen

Die organisierten Fans würden es begrüßen, wenn es so käme. "Hoffentlich wird es ein Umdenken, was die Finanzierung und Abhängigkeiten angeht, geben und ein krisenfesterer Fußball am Ende herauskommen", betont Schmieder. ProFans-Sprecher Zelt hofft das Gleiche: "Es wäre wünschenswert, wenn die Vereine nachhaltiger arbeiten würden. Ich bin aber prinzipiell pessimistisch, dass sich etwas ändert."

Vielleicht ist Zelts Skepsis angebracht, vielleicht lernen die Clubs aber auch aus ihren Fehlern. Wer mag derzeit schon voraussagen, was in einem halben Jahr ist? Mitte Februar konnte sich wohl auch kaum jemand vorstellen, dass nun Geisterspiele als ein Zeichen für ein bisschen von Normalität gelten sollen.

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 07.05.2020 | 09:25 Uhr

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