Ein Erixx Zug auf den Gleisen. © Pavel Stoyan Foto: Pavel Stoyan
Ein Erixx Zug auf den Gleisen. © Pavel Stoyan Foto: Pavel Stoyan
Ein Erixx Zug auf den Gleisen. © Pavel Stoyan Foto: Pavel Stoyan
AUDIO: erixx Holstein verspricht Besserung (1 Min)

Zugausfälle in SH: Erixx setzt Schnellbusse ein und kündigt Besserung an

Stand: 13.01.2023 19:41 Uhr

Seit Wochen verspäten sich Regionalbahnen zwischen Kiel und Lübeck oder fallen ganz aus. Der Betreiber erixx Holstein fährt ist mit einem deutlich reduziertem Fahrplan unterwegs. Nachdem Verkehrsminister Madsen kreative Lösungen gefordert hatte, ergreift erixx nun erste Maßnahmen.

Verspätet zur Schule, Ausbildung oder zum Arbeitsplatz: Damit kennen sich die Menschen inzwischen bestens aus, die auf die Regionalbahn zwischen Kiel und Lübeck angewiesen sind. Daraufhin hatten insgesamt acht Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aus betroffenen Städten einen Brandbrief an Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen (parteilos) geschrieben. Dieser forderte daraufhin von erixx Holstein, als Unternehmen neue Wege zu gehen. Nun gelobt der Betreiber Besserung - und sorgt für Ersatzverkehr.

Erster Lösungsansatz: Straße statt Schiene

Eine erste Maßnahme soll jetzt ein Schnellbus zwischen Kiel und Lübeck werden. Dieser ist bereits seit Freitag (13.1.) unterwegs und verkehrt alle zwei Stunden zwischen Kiel Hauptbahnhof und Lübeck (Haltestelle Retteich) - ohne Zwischenstopps, beispielsweise in Malente oder Eutin im Kreis Ostholstein. Ansonsten würde er von der nächsten Bahn im Fahrplan überholt werden und Fahrgäste hätten dann keinen Zeitgewinn mehr. Zwischen Eutin und Lübeck soll ebenfalls im Zwei-Stunden-Takt ein weiterer Expressbus verkehren.

Auf der Strecke Kiel-Plön will erixx auch auf Schienenersatzverkehr durch Busse setzen. Dieser hält anders als die anderen beiden Routen unterwegs an, in Raisdorf und Preetz. Der Nahverkehrsverbund Nah.SH spricht von einem kleinen Trost für die Pendlerinnen und Pendler. Busse als Ersatz seien allerdings von Anfang an gefordert worden und vertraglich so auch festgeschrieben.

Erixx: Verbesserungen im Februar - Normalität im März

Plakat von erixx am Bahnhof. © NDR Foto: Daniel Kummetz
Der massiv in die Kritik geratene Bahnbetreiber erixx Holstein will die Probleme auf der Bahnstrecke Kiel - Lübeck in einigen Wochen behoben haben.

Auf einer Pressekonferenz am Freitag hat sich der Betreiber für die vielen Zugausfälle auf der Strecke mehrfach entschuldigt. Das Unternehmen versichert aber, ab Februar soll es etwas besser werden. In etwas mehr als drei Wochen sollen alle Züge zwischen Kiel und Lübeck in der Zeit von 6 Uhr bis 18 Uhr wieder fahren. Ersatzverkehr soll es dann nur noch in den Randzeiten geben. Anfang März - so stellt es sich die erixx Geschäftsführung vor - fahren die Züge dann wieder wie gewohnt.

Darüber hinaus sind wegen des wochenlangen Ausfalls von Zügen finanzielle Entschädigungen für Pendler und Schüler geplant. Details nannte das Unternehmen noch nicht.

Betreiber engagiert Lokführer aus Serbien

Auch will das Unternehmen seine Probleme mit mehr Personal in den Griff kriegen: So sollen unter anderem aus Serbien kommende Lokomotivführer die vorhandene Belegschaft verstärken. Die insgesamt sieben Neuzugänge müssten aber noch eine Prüfung bestehen, bevor sie eingesetzt werden könnten, so erixx. Mit ihnen werde es gelingen, den Regelbetrieb zu gewährleisten.

Unmut in ausgeklammerten Orten

In Orten, in denen der Ersatzbus keinen Halt macht, herrscht weiterhin Frust. In Malente im Kreis Ostholstein müssen Pendlerinnen und Pendler weiter auf den Zug setzen. Das sorgt für Unmut: "Ich will jetzt nicht behaupten, dass wir einen höheren Leidensdruck haben als andere Orte. Aber mit vier Kliniken am Ort und einer allgemeinbildenden Schule und einer Berufsschule sind wir schon darauf angewiesen, dass einpendeln und auspendeln gut funktioniert. Dass man uns ganz ausgenommen hat, erfreut mich natürlich gar nicht", kritisiert beispielsweise Eutins Bürgermeister Heiko Godow (CDU).

Personallage auch bei Busfahrern angespannt

Nach Angaben von erixx fehlt das notwendige Personal, um alle Züge nach Plan fahren zu lassen. Verkehrsminister Madsen schlug deswegen vor, auch Geflüchtete, Menschen die erst vor kurzem in Rente gegangen sind oder Mitarbeitende aus der ganzen Republik anzuwerben. Laut Nah.SH ist die Personallage bei den Busfahrerinnen und Busfahrern ähnlich angespannt wie bei den Lokführerinnen und Lokführern. Daher sei es aktuell auch nicht einfach, einen Schienenersatzverkehr zu organisieren.

GDL Nord hält Madsens Vorschlag für unrealistisch

Madsens Vorschlag zur Rekrutierung neuer Lokführer ist aus Sicht des Vorsitzenden der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) Nord, Hartmut Petersen, schwierig umzusetzen: "Erstmal zu Rentnern: Die müssen natürlich dazu bereit sein. Wer 40 bis 50 Jahre Schicht- und Wechseldienst geleistet hat, ist vielleicht auch ganz froh, wenn er seinen Ruhestand genießen darf." Bei Geflüchteten sieht Petersen die Sprachbarriere als größtes Problem. "Das ist keine kurzfristige Lösung für das derzeitige Problem. Da sprechen wir vielleicht von einer Lösung in zwei Jahren. Jetzt schnell wird das nichts", ist sich der GDL-Chef sicher.

Und der Gesamtchef der GDL, Claus Weselsky, sagte, das Personalproblem bei den Bahnunternehmen sei schon lange absehbar gewesen - unter anderem, weil viele Lokführer kurz vor dem Ruhestand waren und die Firmen nicht ausreichend Nachwuchs ausgebildet haben. Dem Vorschlag Madsens, Ruheständler zurück in den Lokführerstand zu holen, erteilte er eine klare Absage und bezeichnete sie als "Schnapsidee". Weselsky fordert, dass die Unternehmen - allen voran die Deutsche Bahn - den Beruf des Loksführers attraktiver machen und mehr Menschen ausbilden sollen. Nach seinen Angaben könnte sich die Situation im Zugverkehr weiter zuspitzen, weil mehr Lokführer in den Ruhestand gehen, als neu dazukommen.

Auf Nachfrage von NDR Schleswig-Holstein betonte erixx Holstein, dass das Unternehmen aktuell versuche, Leih-Lokomotivführer zu rekrutieren. Doch auch diese sind aufgrund des Fachkräftemangels laut GDL nur begrenzt vorhanden.

Madsen erwägt rechtliche Schritte gegen erixx

Madsen ging jedoch einen Schritt weiter: Sollte das Verkehrsunternehmen die Probleme durch eigene Initiativen nicht mindern können, würde man rechtliche Schritte prüfen, um den Druck zu erhöhen, kündigte der Minister an. Bereits jetzt kosteten die Ausfälle erixx "massive Summen", da das Land nur für die Leistungen aufkomme, die der Betreiber auch tatsächlich erbringe, so Madsen weiter.

Darüber hinaus habe man hohe Erwartungen gegenüber erixx, "dass sie auch freiwillig von sich aus mit einem Vorschlag kommen, wie sie die Pendlerinnen und Pendler ein Stück weit entschädigen können." Ein Gipfeltreffen, auf dem sich erixx der Kritik von den Bürgermeistern stellt, hält Madsen ebenfalls für sinnvoll.

Städte und Gemeinden seien auf Bahnanbindung angewiesen

"Die Situation für Bahnreisende ist in unseren Augen eine Zumutung und nicht länger hinnehmbar", beklagten die Stadtoberhäupter von Ascheberg, Bad Schwartau, Plön, Preetz, Schwentinental sowie Eutin, Malente und Scharbeutz gegenüber Madsen. Vor allem Schülerinnen und Schüler, Studierende und Berufstätige würden unter den vielen Zugausfällen, teilweise mangelnden Informationen und der Unberechenbarkeit der Verbindungen leiden.

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Deshalb forderten die Politikerinnen und Politiker vom Verkehrsminister, dass die Probleme dringend abgestellt werden. Darüber hinaus seien die Städte und Gemeinden auch auf eine "qualitativ gut bediente Bahnstrecke angewiesen".

Zwei-Stunden-Takt stößt auf harsche Kritik

Besonders sauer stieß den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern der neue Zwei-Stunden-Rhythmus für den Regionalexpress zwischen Kiel und Lübeck auf. Erixx hatte diesen Anfang der Woche eingeführt, um nach eigenen Angaben den Fahrgastwünschen nach "Regelmäßigkeit, Einheitlichkeit und Übersichtlichkeit" nachzukommen. Im Brandbrief war allerdings die Rede davon, dass das Verkehrsunternehmen den neuen Notfallfahrplan als Gewinn für die Fahrgäste darstellt. Viele Betroffene würden das als blanken Zynismus verstehen, hieß es im Brief weiter.

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Fehlendes Personal und technische Probleme

Seit der Übernahme der Bahnstrecke durch erixx Holstein Anfang Dezember gibt es Probleme. Neben den Personalproblemen soll es auch mit den Zügen selbst, die von der Deutschen Bahn überlassen wurden, technische Probleme geben. Auch der Verkehrsverbund Nah.SH pocht darauf, dass erixx Holstein so schnell wie möglich den Verkehrsvertrag erfüllt. Man führe täglich Gespräche mit erixx, um den Druck hoch zu halten und das Unternehmen an seine vertraglichen Pflichten zu erinnern, sagte ein Sprecher.

Die genauen Abfahrtszeiten der Expressbusse und des Schienenersatzverkehrs sind auf der Unternehmenswebseite des Bahnbetreibers nachzulesen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 13.01.2023 | 20:00 Uhr

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