Stand: 07.12.2019 06:00 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

So funktioniert das neue Kieler Küstenkraftwerk

Schon seit einigen Tagen qualmt es kräftig aus den vier 70 Meter hohen Schornsteinen des neuen Gasheizkraftwerkes auf dem Ostufer der Kieler Förde. "Nach einer mehrtägigen Testphase sind wir jetzt am Netz und versorgen die Stadt mit Strom und Fernwärme", sagt Stadtwerke-Sprecher Sönke Schuster. Das alte Kohlekraftwerk gleich nebenan steht bereits seit März still. Es war 1970 in Betrieb genommen worden. In den kommenden Jahren soll der aufwendige Rückbau beginnen. Der Seehafen hat bereits Interesse an dem Gelände bekundet.

Ein Blick in das neue Küstenkraftwerk in Kiel

Offizielle Übergabe ist für Mitte Januar geplant

Das neue Küstenkraftwerk, wie es die Stadtwerke selbst nennen, wurde von einem Münchner Generalunternehmer gebaut. Eine aufwendige technische Abnahme gab es bereits, die offizielle Übergabe des Kraftwerkes ist allerdings erst für Mitte Januar geplant. Noch sind einige Handwerker auf dem abgesperrten Kraftwerksgelände mit Nacharbeiten beschäftigt. "Hier und da müssen noch ein paar Kleinigkeiten erledigt werden. Zum Beispiel streichen Maler noch ein paar Wände und auch die Mitarbeiterkantine mit Blick auf die Kieler Förde ist noch ganz nicht fertig", erläutert Stadtwerke-Ingenieur Patrik Hahn. Er gehört zur Projektgruppe Küstenkraftwerk und begleitet den Neubau seit Beginn der konkreten Planungen.

Stadtwerke investieren 290 Millionen Euro

Erste Pläne für ein neues Kraftwerk an der Kieler Förde gab es bereits 2007. In den Jahren darauf wurden unterschiedlichste Techniken für den Nachfolger des alten Kohlekraftwerkes diskutiert. "Sogar ein Anschluss an das Fernwärmenetz der Stadt Neumünster war mal im Gespräch. Die Idee wurde dann aber wieder als unwirtschaftlich verworfen", erinnert sich Stadtwerke-Sprecher Sönke Schuster. 2013 fiel dann die Entscheidung für ein Gasmotorenkraftwerk. Heute steht an der Kieler Förde das nach Angaben der Stadtwerke Kiel aktuell modernste Kraftwerk seiner Art in Deutschland. 290 Millionen Euro hat der Neubau gekostet.

Mehrere Hochleistungsmotorpumpen stehen nebeneinander © NDR Foto: Christian Nagel

Kieler Küstenkraftwerk in Betrieb

NDR 1 Welle Nord - Nachrichten für Schleswig-Holstein -

Das neue Gasheizkraftwerk auf dem Ostufer in Kiel ist in Betrieb. Der Neubau ersetzt das alte Kohlekraftwerk, dessen Betrieb nach Angaben eines Sprechers bereits im März eingestellt wurde.

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"Wir sind im Kostenrahmen geblieben", meint Schuster. "Mit etwa 13 Millionen Euro schlug allein die Kampfmittelbeseitigung auf dem Gelände zu Buche", erläutert Schuster. Die Inbetriebnahme des Kraftwerks hat sich jedoch deutlich verzögert. Eigentlich sollte es schon im vergangenen Jahr ans Netz gehen. "Wir hatten etwas Ärger mit dem Kühlsystem auf dem Dach. Gemeinsam mit dem Bauunternehmen haben wir aber eine Lösung gefunden und die Steuerung angepasst", versichert Schuster.

20 Gasmotoren können individuell gesteuert werden

Das "Küstenkraftwerk" soll eine Art universelles Werkzeug für die Energiewende sein. Es verfügt über gleich mehrere Möglichkeiten, um Strom und Fernwärme zu erzeugen. Im alten Kohlekraftwerk gab es unter anderem nur eine Turbine, die für die Strom- und Fernwärmeproduktion genutzt werden konnte. Der Nachteil: Auf schwankenden Strom- und Wärmebedarf konnte mit der alten Technik nur sehr begrenzt reagiert werden. Das neue Kraftwerk ist mit 20 Gasmotoren ausgestattet, die für die Stromerzeugung Generatoren antreiben und mit deren heißen Abgasen Wasser für das Fernwärmenetz erhitzt wird. Die Motoren können je nach Bedarf zu- oder abgeschaltet werden. "Das alte Kohlekraftwerk war sehr träge und benötigte mehrere Stunden, um hochzufahren. Die Gasmotoren des Küstenkraftwerkes sind in weniger als fünf Minuten eingeschaltet", erläutert Stadtwerke-Ingenieur Bennet Bricks.

Auch nicht benötigter Wind- und Solarstrom kann genutzt werden

Durch diese Steuerungsmöglichkeit nach Bedarf lässt sich nach seinen Angaben viel Energie einsparen. Außerdem wird quasi jede Abwärme, die beim Betrieb der Motoren anfällt, für die Erwärmung des Fernwärmewassers genutzt. Darüber hinaus bietet das Küstenkraftwerk laut Bricks noch weitere Vorteile: zum Beispiel dann, wenn die zahlreichen Windräder und Solaranlagen in Schleswig-Holstein mehr Strom erzeugen als benötigt wird.

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In solchen Situationen kann das Kraftwerk statt mit Gas auch mit dem Überangebot an elektrischer Energie betrieben werden. Dafür wurde ein sogenannter Elektrodenkessel in den Fernwärmekreislauf des Kraftwerks integriert. "Wie bei einem Durchlauferhitzer lassen wir das Wasser durch den knapp sieben Meter hohen und fast vier Meter breiten Behälter laufen", erklärt Ingenieur Patrik Hahn. Das heiße Wasser fließt anschließend direkt ins Fernwärmenetz.

"Power Tower" speichert Fernwärme

Der Elektrodenkessel hat eine elektrische Leistung von 35 Megawatt (fast 50.000 PS). Er kann an besonders kalten Wintertagen auch als zusätzliche Energiequelle für das Fernwärmenetz genutzt werden und so die 20 Gasmotoren kurzfristig unterstützen. Besonders laut Stadtwerke Kiel ist der 60 Meter hohe Wärmespeicher-Turm. Der sogenannte Power Tower dient als Zwischenspeicher und fasst mehr als 30.000 Kubikmeter Wasser, das über alle zur Verfügung stehenden Energiequellen (Abwärme der Gasmotoren und Elektrodenkessel) auf eine Betriebstemperatur von 115 Grad Celsius erhitzt werden kann.

Elektrodenkessel vs. Gasmotor

Steht an der Strombörse günstiger Solar- und Windstrom zur Verfügung, wird das Wasser über den Elektrodenkessel erwärmt. Sollte hingegen besonders günstiges Gas zu bekommen sein, wird das Wasser über die Abwärme der Gasmotoren betrieben. "Der Wärmespeicher könnte die Stadt Kiel im Falle eines Komplettausfalls des Küstenkraftwerkes bis zu acht Stunden mit Fernwärme versorgen", ergänzt Stadtwerke-Ingenieur Benett Bricks.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 07.12.2019 | 08:00 Uhr

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