Stand: 24.06.2020 10:43 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Nach 130 Jahren: Karstadt verlässt Neumünster

Die Dame hinter der Glasfront an der Kasse des Karstadts am Großflecken in Neumünster ist sichtlich ergriffen: "Ich bin einfach nur sehr enttäuscht. Mehr möchte ich dazu gar nicht sagen." Die Kundenschlange vor dem Kassenbereich ist lang an diesem Nachmittag - trotz des guten Wetters. Handtücher, T-Shirts, Kleiderbügel, kleine Elektrogeräte - all das kaufen die Kunden, die in der Schlange stehen.

Doch bald wird Schluss sein mit der Ära Karstadt in Neumünster. In der Stadt, in der die Erfolgsgeschichte für den Konzern ihren Lauf nahm: Nach Wismar und Lübeck wurde hier 1888 die dritte Filiale eröffnet. Nach NDR Informationen sollen die Türen bei dem Warenhaus am Großflecken bereits Ende Oktober für immer schließen.

"Wir warten noch auf Antwort von den Managern"

Bis zum Schluss gehofft - das haben nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch Stephan Kronenberg und seine Kollegen von der Sparkasse Südholstein. Sie ist der Besitzer der Immobilie, in dem die Warenhauskette ihren Sitz hat: "Wir wollten diesen Standort hier wirklich erhalten und haben dem Konzern vor knapp drei Wochen nochmals das Angebot gemacht, bei den fairen Mietkonditionen zu bleiben. Ein wirklich gutes Angebot, glaube ich. Bisher gab es aber keine Antwort aus Essen", so Kronenberg.

Dabei hatten die Sparkasse Südholstein und Karstadt noch vor kurzem große Pläne in Neumünster: Das alte Warenhaus sollte abgerissen werden, da es teilweise sanierungsbedürftig ist und die Sparkasse eine neue Hauptfiliale bauen möchte. "Wir hätten Karstadt gern auch in der neuen Immobilie als Mieter dabei gehabt und dann so geplant, dass sie auch ein neues, möglicherweise kleineres Konzept hätten umsetzen können", sagt Kronenberg. Ein Abriss und ein Neubau ist für die Sparkasse Mittelholstein nun vom Tisch. Stattdessen will das Kreditinstitut nun Konzepte für eine Nachnutzung des alten Gebäudes entwickeln.

Schon einmal war die Sparkasse Südholstein auf den Essener Konzern zugegangen: 2015 hatte das Neumünsteraner Kreditinstitut die Immobilie gekauft. Seitdem wird sie an die Kaufhauskette vermietet - auch das zu einem fairen Preis, wie Kronenberg sagt.

Gemischte Stimmen der Karstadt-Kunden

Die Kunden, die an diesem Nachmittag mit ihren Einkaufstüten aus dem Kaufhaus kommen, sind geteilter Meinung: "Ich finde hier selten das, was ich wirklich suche und der Laden ist immer leer", sagt etwa Doris Fuchs aus Neumünster. Ihr Mann Hans-Werner ergänzt: "Die großen Zeiten der Kaufhäuser sind nun mal vorbei, viele Menschen kaufen im Internet. Und das sage ich, obwohl ich hier damals meine Ausbildung gemacht habe."

"Dieser Laden wird hier fehlen", sagt hingegen Lydia Pottschus während sie sich die Maske von Mund und Nase zieht. "Ich kaufe nicht gern im Internet. Ich bin fast 70 und an die Älteren denkt keiner. Ich kam bisher extra aus Warder hier her zum Einkaufen oder bin zum Karstadt nach Flensburg gefahren, aber auch den wird es bald nicht mehr geben. Was soll das?"

Jahrelanger Leerstand?

Auch Matthias Neumann, Geschäftsführer vom Stadtmarketing Neumünster, hat auf diese Frage keine Antwort: Er und andere Selbstständige aus der Innenstadt hätten den Eindruck gehabt, dass Karstadt in Neumünster gut laufe, sagt der Geschäftsführer. Nun hat er die Befürchtung, dass die große Immobilie in bester Lage jahrelang leer stehen könnte.

Ähnliche Befürchtungen gibt es auch bei den Einzelhandels- und Marketingvereinen in Lübeck und Flensburg: Auch dort sollen die Karstadt-Filialen schließen. Und auch dort hatte man den Eindruck, dass eigentlich immer viel los war.

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