NDR Forschungstaucher: Seltene Steinriffe vor Fehmarn

Stand: 12.09.2022 05:00 Uhr

Die NDR Taucher Jonas Drescher und Philipp Jeß gehen vor Fehmarn rund um den Tunnelbau tauchen und erkunden die dortigen Steinriffe. Sie finden interessantes.

von Jonas Drescher

Wir haben es befürchtet: Das Auto steckt fest. Das NDR Tauchmobil bekommt den Anhänger nicht mehr aus der Slipanlage herausgezogen. Uli Baron, der Leiter des NDR Tauchteams, und Philipp Jeß organisieren uns einen Helfer, einen netten Fehmaraner auf seinem Traktor. Ich passe derweil auf unser Boot auf, dass uns zu den Steinriffen bringen soll. Warum wir ausgerechnet dort stecken bleiben, erfahren wir später noch. Aber es hat wohl einen Grund.

Eine komplexe Geschichte am Grund

Ich ziehe die beiden mit an Bord und Uli übernimmt das Steuer. Wir fahren von Westen her über die geplante Strecke des Tunnels. Vom Wasser aus können wir das ganze Ausmaß des Projektes erahnen. Wälle stehen schon im Wasser, um die geplante Eingangsstelle und die Fabrik für die Elemente vor Wind und Wetter der Ostsee zu schützen. Heute geht es, es sind um die 20 Grad und ruhiges Wasser. Wir schalten das GPS an und vergleichen die Daten, mit denen, die wir von der Tauchfirma Submaris bekommen haben. Die waren im August und September 2020 bereits hier tauchen und haben Steinriffe für den NABU kartiert. Warum?

Die Geschichte ist komplex: Zwischen Dänemark und Deutschland soll ein Tunnel über 18 Kilometer mit vier Röhren für Autos und Bahn gebaut werden. Er ist ein wichtiger Teil der europäischen Verkehrswende. Die Firma Femern A/S hat dafür den Auftrag bekommen. Nach einigen Planfeststellungsverfahren durfte sie im November 2021 loslegen. Aber es gibt noch mehr Player in diesem Spiel. Das Aktionsbündnis gegen eine feste Fehmarnbeltquerung e.V. ist dagegen, weil sie zum einen weniger Tourismus auf der Insel befürchten, da die Reisenden keine Wartezeiten mehr auf Fehmarn verbringen werden, bevor sie die Fähre nehmen. Zum anderen haben sie ähnliche Bedenken wie der Nabu: Der Naturschutzbund prangert den Bau unter anderem als schädlich für die Kinderstube der Schweinswale und die seltenen Steinriffe dort an. Die Politik will den Bau möglichst schnell über die Bühne bringen. Dafür musste sie einige Ausgleichsflächen für die dort ansässigen Steinriffe schaffen.

Industriezweig, die Steinfischerei

Die Ostsee war vor der deutschen Küste früher mal reich an Steinen. Die Gletscher der letzten Eiszeit schoben viele davon in die heutige Ostsee. Diese Steine sind wichtig als Hartsubstrat für viele Organismen, welche sich dort ansiedeln, bis sie zu einem wichtigen Lebensraum für viele Tierarten werden. Mangels Gebirgs- und Steinvorkommen in Norddeutschland hat man aber in den vergangenen 200 Jahren vor den Küsten nach Baumaterial gefischt und es entwickelte sich ein ganzer Industriezweig, die Steinfischerei. Diese machte sich mangels Steine und damit fehlender Rentabilität selbst Anfang der 70er-Jahre überflüssig. Einige der verbliebenen Riffe mussten dem Tunnel nun weichen. Der Bund schrieb der Firma Femern A/S, die dem dänischen Staat gehört, dafür einige Auflagen vor, um den Verlust dieser Riffe auszugleichen. Der Nabu konnte mit der Klage den Bau des Tunnels nicht mehr verhindern. Ihm geht es jetzt nur noch darum, dass die Ausgleichsfläche vergrößert wird, beträgt sie doch viel weniger als die Originalfläche der Riffe, die weichen mussten.

Ein Riff als Co-Working Space

Als wir abseits des Sperrgebietes uns endlich in die Ostsee fallen lassen und tauchen, sehen Uli und ich ein immer noch blühendes Riff. Große Geweihschwämme, die über lange Zeit herangewachsen sind. Seeskorpione, die sich mit Krabben "prügeln", eine Aalmutter, die sich an einen Seestern schmiegt und einige Klippbarsche, die sich zwischen den vielen Algen verstecken. Sieht eigentlich ganz schön aus. Bis uns etwas auffällt: Auf dem Bewuchs findet sich ganz schön viel Sand. Dieser kann für die Organismen zum Problem werden: Sind Schwämme zusedimentiert, können sie das Wasser nicht mehr ordentlich filtrieren, um Nahrung zu gewinnen. Wenn Algen nicht mehr genug Licht abbekommen, können sie nicht mehr genügend Photosynthese betreiben und Zucker herstellen. Schwämme und Algen gehen an Riffen nämlich eine Symbiose ein: Die Alge stellt via Photosynthese Zucker für die Schwämme her, während diese das Wasser für sie filtern und klären, was ihnen wiederum bessere Photosynthese ermöglicht.

Wer hat Recht?

Zurück aus dem Wasser fragen wir nach: Für das Aktionsbündnis und den NABU scheint das Sediment tatsächlich von den Bauarbeiten zu stammen. Verglichen mit den Aufnahmen von Submaris ist nach zwei Jahren auf jeden Fall, ein Unterschied zu Bewuchs und Sedimentierung festzustellen. Auch Gary Krosnoff vom Aktionsbündnis will eine Veränderung im Sediment und auf den Organismen festgestellt haben. Er war mit anderen Tauchern an einem Riff, welches nicht in der Bauzone liegt auch vor Ort. Femern A/S hat allerdings Vorschriften, sich um die Kontrolle der Sedimentation zu kümmern. Eine Firma ist damit beauftragt die Sedimentation sozusagen vor und nach der Baggerschaufel zu messen. "Und diese Werte", sagen Bauingenieur Bastian Schlenz und Landschaftsökologin Judith Flamme von Femern A/S gemeinsam, "liegen unter den Vorgaben und sogar unter den Modellrechnungen". 3,5 Prozent des Aushubs gehen im Schnitt verloren. Die Zahlen werden von der Firma selbst kontrolliert, da sie ein Interesse daran hat, zu wissen, wie weit die Bauarbeiten vorangeschritten sind. Des Weiteren werden die Werte von der Umweltbaubegleitung überwacht. Ob das Sediment, welches auf den Riffen liegt, nun vom Aushub stammt oder nicht, lässt sich leider nicht im Labor feststellen. Aber auch die Betreiber unserer Slipanlage erklären, dass der Sand von den Bauarbeiten am Tunnel käme. Überprüfen lässt sich das nicht.

Vor Fehmarn werden Philipp und ich bestimmt nicht zum letzten Mal getaucht sein. Wir sind schon gespannt darauf, wie die Ausgleichsflächen dann wieder besiedelt werden.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 12.09.2022 | 19:30 Uhr

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