Mit Adlern und Warzenschweinen: USA bereiten Übung in SH vor

Stand: 06.04.2023 05:04 Uhr

Bei der Großübung Air Defender werden im Juni 10.000 Soldaten aus 24 Ländern den Ernstfall üben - auch in und über Schleswig-Holstein. Die meisten kommen aus den USA.

von Jörg Jacobsen

Major Clark - Rufzeichen "Heklr" - ist Pilot bei der Air National Guard (ANG). Das ist die Luftstreitkraft der amerikanischen Nationalgarde, die vor allem aus Freiwilligen besteht. Die meisten haben auch zivile Jobs. In einer paar Wochen fliegt Clark mit seinem Kampfjet von Westfield in Massachusetts nach Hohn in Schleswig-Holstein. Von dort aus wird er zwei Wochen lang an der Übung Air Defender teilnehmen. Bei der Übung geht es um nichts Geringeres als den Kern der Bündnisverteidigung: Nach Artikel 5 des NATO-Vertrages wird ein Angriff auf einen Verbündeten als Angriff auf alle Bündnispartner betrachtet. Damit die Zusammenarbeit vieler Länder im Ernstfall funktioniert, soll das jetzt erstmals in so großem Umfang mit 24 beteiligten Ländern geübt werden. "Wir werden vieles über die Fähigkeiten anderer Länder und anderer Flugzeuge lernen", hofft Clark.

Die Parteien vereinbaren, dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen werden wird; sie vereinbaren daher, dass im Falle eines solchen bewaffneten Angriffes jede von ihnen in Ausübung des in Artikel 51 der Satzung der Vereinten Nationen anerkannten Rechtes der individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung der Partei oder den Parteien, die angegriffen werden, Beistand leistet. Nordatlantikvertrag, Artikel 5

Tankflugzeug begleitet die Kampfjets

BundeswehrEin mann posiert vor einem Kampfflugzeug © NDR Foto: Jörg Jacobsen
Major Clark mit "seinem" Kampfjet vom Typ F-15C, genannt "Eagle"

Schon Ende Mai wollen die USA damit beginnen, ihre Flugzeuge aus 36 verschiedenen Bundesstaaten nach Europa zu verlegen. Den Weg über den Atlantik kennt Major Clark schon von vorherigen Übungen in Osteuropa, Norwegen, den Niederlanden und Großbritannien. Nach Deutschland wird er zusammen mit einigen anderen Jets fliegen. Dabei werden sie von einem Tankflugzeug begleitet. "Wir tanken die ganze Zeit, damit wir nicht irgendwo landen müssen. Das geht viel schneller mit einem Tankflugzeug", sagt Clark im Interview mit dem NDR.

Kein Kampf ohne Treibstoff

Die Logistik nimmt einen enormen Stellenwert bei dieser Übung ein. Von den 100 Maschinen aus den USA wird etwa ein Viertel für die Versorgung da sein.

Luftwaffen-Inspekteur Ingo Gerhartz, der die Idee für das gemeinsame Manöver hatte, betont immer wieder, dass die Luftstreitkräfte im Bündnisfall die ersten seien, die Europa verteidigen würden. Sie brauchen nicht Tage oder Wochen, um am Ort des Geschehens zu sein, sondern lediglich ein paar Stunden. Sie sind schnell, brauchen aber auch jede Menge Sprit. In Wunstorf in Niedersachsen baut die Bundeswehr gerade ein zusätzliches Tanklager, um während der Großübung auch alle Maschinen mit Treibstoff versorgen zu können. Auch die Flugplätze müssen ausreichend groß sein - für die Maschinen und die Menschen.

20 verschiedene Flugzeugtypen erwartet

In Hohn bei Rendsburg, wo Major "Heklr" Clark während der Übung stationiert sein wird, entstehen gerade provisorische Unterkünfte und Versorgungseinrichtungen. Sein Flugzeug, der F-15 "Eagle", ist dafür gebaut, den Luftraum zu überwachen, sagt Clark: "Wir schützen entweder den Luftraum oder andere Flugzeuge, die wir begleiten." Angekündigt sind insgesamt mehr als 220 Flugzeuge und 20 verschiedene Flugzeugtypen. Die meisten werden aus den USA kommen: Auf die Flugplätze Jagel und Hohn in Schleswig-Holstein werden neben den F-15 ("Eagle"/Adler) und F-16 ("Falcon"/Falke) auch A-10 verlegt. Letztere werden intern "Warthog" (Warzenschwein) genannt, berichtet Pilot Adam Casey. Er wird während der Übung in Jagel stationiert sein. "Ich kann besser werden in Deutschland. Und wenn etwas schlimmes passiert, dann kann ich zusammen mit meinen deutschen Buddys im Tornado Ziele treffen und die NATO beschützen", sagt Casey.

Die Frachtmaschinen und Tanker sollen vor allem Wunstorf bei Hannover ansteuern. F-35-Jets fliegen von Spangdahlem in Rheinland-Pfalz aus, sollen aber auch im Übungsraum im Norden zum Einsatz kommen. Die Kampfdrohne MQ-9 wird ausschließlich über Tschechien fliegen, weil es in Deutschland weiterhin keine Genehmigung dafür gibt.

Deutschland führt das Manöver

Mehrere Personen posieren vor einem Militär-Flugzeug © NDR Foto: Jörg Jacobsen
Stehen in den USA Seite an Seite: Der deutsche Inspekteur Ingo Gerhartz (links) und sein US-Kollege Michael Loh

Die Unterstützung der Fliegerstaffeln aus den Vereinigten Staaten ist der entscheidende "transatlantische Link" bei der Verteidigung des NATO-Bündnisses in Europa, findet der deutsche Luftwaffen-Chef Ingo Gerhartz. Der wiederum bekommt bei seinem dreitägigen Besuch in der US-Hauptstadt Washington jede Menge Zuspruch von amerikanischer Seite. In den USA ist angekommen, dass sich in der deutschen Verteidigungspolitik etwas verändert hat. Der Direktor der Air National Guard, General Michael Loh, lobt bei jeder Gelegenheit die neue Führungsrolle, die sein deutscher Amtskollege in dieser angespannten Zeit einnimmt. "Früher haben alle über die Deutschen gesagt, ihr müsst eine Führungsrolle übernehmen", sagt Loh. "Das tun sie jetzt. Aber aktuell noch mit veralteter Ausrüstung."

Familienbesuch nach der Großübung

Die Übung unter deutscher Regie in diesem Ausmaß hält auch "Heklr" Clark für wichtig. "Wenn es einen Krieg geben sollte, dann müssen wir die Fähigkeiten der anderen kennen und ohne große Probleme zusammenarbeiten können", sagt Clark, der fließend Deutsch spricht und Deutschland ganz gut kennt. Mit seiner Familie war er sogar einmal in Schleswig-Holstein, seine Großeltern wohnen in Süddeutschland. Sollte sich die Gelegenheit ergeben, will er sie unbedingt besuchen. "Spätzle und ein paar Hefeweizen" stehen auf seiner persönlichen Wunschliste für diesen Besuch in Deutschland.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 06.04.2023 | 19:30 Uhr

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