Lübecker Freimaurer: Einblick in eine geheime Welt

Stand: 22.10.2021 11:12 Uhr

Die Rituale der Freimaurer sind streng geheim. Mythen um angebliche Satansmessen und Weltherrschaftspläne halten sich hartnäckig. Der Lübecker Männerbund wehrt sich und lässt NDR Schleswig-Holstein hinter die Kulissen schauen.

von Julian Marxen

Ein bisschen versteckt, in einer ruhigen beschaulichen Ecke der Lübecker Altstadt. Mal holpert ein Auto übers Kopfsteinpflaster, mal haben sich ein paar Touristen hierher verlaufen und halten Ausschau nach einem Fotomotiv. Aber an dem zweigeschossigen Backsteinbau an der Ecke neben der Ägidienkirche gehen sie alle vorbei. Kaum jemand bleibt stehen. Es gibt ja auch scheinbar nichts zu sehen. Die unteren Fenster verhangen, die Mauern dick, der Eingang massiv. Irgendwie ungastlich. Doch wer genau hinschaut, der könnte schlagartig extrem neugierig werden. Auf Plaketten an der Mauer und in einem bunten Bleiglasfenster sind Symbole zu sehen, die Fans von Verschwörungsthrillern schwitzige Hände bereiten dürften: Die Abbildungen von Winkelmaß und Zirkel sowie dem Gottesauge im Dreieck. Die wohl bekanntesten Erkennungszeichen der Freimaurer. Und tatsächlich hat die fast 250 Jahre alte Johannis-Loge "Zum Füllhorn" hier ihren Sitz. Was passiert wohl hinter diesen Mauern? Außenstehende dürfen normalerweise nicht rein. Der Männerbund bleibt unter sich, hält in den Räumen seine geheimen Rituale ab. Doch NDR.de bekommt exklusiv Zutritt, darf sich ein Bild machen.

Freimaurerei: Arbeit an sich selbst

Wer durch den Eingang geht, fühlt sich schnell wie in einer anderen Welt. In der Empfangshalle mit sieben Meter hoher Decke stehen Männer in schwarzen Anzügen und weißen Hemden - dazu weiße Fliegen, weiße Handschuhe, schwarze Zylinder. Der sogenannte Zeremonienmeister kommt die große Holztreppe herunter und schlägt mit seinem Stab auf den Boden: "Meine Brüder, der Vorsitzende Meister heißt sie herzlich willkommen. Bitte folgen Sie mir." Dann gehen die Brüder, wie sie hier heißen, paarweise und ohne ein Wort zu sagen die Treppe hoch. Die Zeremonie ist für uns nur nachgestellt. Denn bei den tatsächlichen rituellen Treffen dürfen Menschen außerhalb der Loge nicht zuschauen. "Wir wollen uns ganz auf uns selbst besinnen", erklärt Wolfgang Reichow, einer der ältesten Logenbrüder. Er arbeitet im Lübecker Logenhaus schon seit 50 Jahren an seinem Geist. "Ich bin hier vom Kopfmenschen zum Herzmenschen geworden", erklärt der 85-Jährige. Er könne sich in jeder Lebenslage jetzt voll und ganz auf sein Herz und sein Bauchgefühl verlassen und sei nicht mehr so kopfgesteuert wie früher. Gelernt habe er das in den Ritualen. "Das ist Bewusstseinstraining, das bei jedem Rituale wiederholt wird", sagt Reichow. Und Logenmeister Sven Raub ergänzt: "Wir arbeiten hier an uns selbst, an unserem rauen Stein." Ziel sei es, ein besserer Mensch zu werden, für die Gesellschaft und für sich selbst.

Mythen über Tieropfer und Weltmachtstreben

Das alles hört sich nebulös an. Doch das liegt in der Natur der Sache. Denn in der Freimaurerei werden Weisheiten nicht auf dem Silbertablett serviert. Es gibt keine Anleitung zur Erkenntnis. Stattdessen spielen in den einstündigen Sitzungen, die sie hier "Arbeit" nennen, Symbole und sprachliche Sinnbilder eine entscheidende Rolle. Die muss jeder Bruder für sich entschlüsseln. "Er soll erkennen, was wichtig ist", erklärt Logenmeister Sven Raub. Und das sei vor allem auch, dass man nach den Idealen der Loge lebe: Humanität, Toleranz, Mäßigkeit und Nächstenliebe. Umso mehr wurmt es gerade junge Brüder wie Alexander Berckhan, wenn über Freimaurer Lügen verbreitet werden. Was er da häufig im Internet an Verschwörungstheorien lese, sei absoluter Mist, ärgert sich der 24-Jährige. "Dass der Papst unser größer Feind ist, wir die Weltmacht haben wollen oder dass in den Ritualen angeblich Ziegenköpfe rollen und Blut fließt, das ist lachhaft!" Auch dass die Loge ein Ort nur für mächtige Männer mit großem Geldbeutel sei, die hier Geschäfte machen wollten, sei frei erfunden, betont Zeremonienmeister Björn Hasselmeier. Es gehe in der Loge um innere Werte, nicht um weltliche Vorteile. "Darauf weisen wir vor und während der Aufnahme zum Freimaurer ganz ausdrücklich hin", stellt der Zeremonienmeister klar.

Wer darf Freimaurer werden, wer nicht?

Mögliche Anwärter werden oft gezielt angesprochen, haben schon Verbindungen zu Freimaurern. Auch gibt es klare Regeln für die Aufnahme. Die Neulinge verpflichten sich dazu, nicht zu verraten, was im Ritual passiert. Sie sollten finanziell keine Nöte haben und nach den Worten von Logenmeister Sven Raub "daran glauben, dass es eine höhere Macht gibt - egal ob die nun Gott, Allah oder anders heißt." Unter den insgesamt gut 100 Brüdern in der Lübecker Loge sind Tischler, Rechtsanwälte oder Ärzte. Frauen können nicht Mitglied werden. Das habe historische Gründe, so der Logenmeister. "Denn die Freimaurer haben ihrer Ursprünge in den mittelalterlichen Dombauhütten." Und in denen hätten sich Maurer und Steinmetze, also ausschließlich Männer, zusammengeschlossen. Und Freimaurer - das ist ausnahmsweise kein Geheimnis - sind nicht gerade dafür bekannt, Traditionen zu brechen, sondern vielmehr dafür, sie zu bewahren.

Texte und Hammerschläge im "Tempel"

Die Brüder haken sich wieder paarweise unter und gehen durch einen langgezogenen Raum. Rechts und links an den Wänden hängen Gemälde von Logenmeister vergangener Jahrhunderte. Dann geht es durch eine Doppelflügel-Tür in den "Tempel", wie sie ihn nennen. Er ist der eigentliche Ort des Rituals. Eine hauptsächlich in Weiß und Blau gehaltene Halle. In der Mitte drei Säulen mit Kerzen. Rundherum Stühle. Vorne der Altar mit Bibel und Hammer. Dahinter Logenmeister Sven Raub. "Was hier passiert, müsse jeder selber erleben." Nur so viel: "Es werden alte Texte vorgelesen. Immer wieder dieselben. Dann hört man mal einen Hammerschlag, manchmal Musik." Mehr verrät der Logenmeister nicht. Nicht das einzige, was er verschweigt: Auf dem Weg zum Ausgang fällt im Erdgeschoss noch eine Tür auf. Auf die Frage, was sich dahinter befinde, schließt Raub schweigend auf. Ein schmaler heller Gang, der durch seine Enge, und die weiße Tür am Ende igendwie hypnotisch wirkt. Dahinter befinde sich der Raum für die höchste Erkenntnisstufe, meint Raub und lächelt vielsagend. Denn was das genau heißt und was dort passiert - das wissen nur die Freimaurer, die schon längere Zeit erfolgreich an ihrem "rauen Stein" arbeiten.

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Dieses Thema im Programm:

Moin! Schleswig-Holstein – Von Binnenland und Waterkant | 19.10.2021 | 19:10 Uhr

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