Ein Gebäude des ehemaligen Landeskrankenhauses Schleswig-Stadtfeld. © NDR Foto: Berit Ladewig

Landtag beschließt Unterstützung für ehemalige Heimkinder

Stand: 25.02.2021 19:04 Uhr

Der Landtag in Kiel hat beschlossen, dass für Opfer von Gewalt in Heimen oder Medikamentenversuchen mehrere Millionen Euro bereitgestellt werden. Viele Kinder mussten in den Einrichtungen Leid ertragen.

von Julia Schumacher

Eigentlich sollten sie dort ein Zuhause, Schutz und Fürsorge finden: Kinder, die in den Nachkriegsjahrzehnten bis zum Ende der 1970er-Jahre in Psychiatrien und Einrichtungen der Behindertenhilfe in Schleswig-Holstein untergebracht waren. Doch stattdessen berichten die Betroffenen von Prügel und Nahrungsentzug, von Missbrauch und Medikamenten, die ihnen zu Versuchszwecken verabreicht wurden.

Chance auf Unterstützung für möglichst viele

Kein Geld der Welt mache wieder gut, was den Kindern angetan wurde - so der Tenor der Abgeordneten am Donnerstag im Landtag.Trotzdem will das Land Schleswig-Holstein allen Betroffenen die Möglichkeit geben, Unterstützung zu bekommen. Die Fraktionen von CDU, SPD, FDP, den Grünen und die Abgeordneten des SSW hatten einen gemeinsamen Antrag dazu eingebracht.

6,2 Millionen Euro bis 2030

"Aufarbeitung und Aufklärung sind wir den Opfern schuldig. Ihnen wurden die Kindheit und die Jugend geraubt. Ihnen wurde schwerer Schaden für's Leben zugefügt", sagte der CDU-Abgeordnete Werner Kalinka. "Viele der Betroffenen leben in prekären Verhältnissen, weil sie keine Chance auf eine gute Schulausbildung oder Berufsqualifikation hatten", so Wolfgang Baasch von der SPD-Fraktion: "Sie leben oft von kleinen Renten an der Armutsgrenze." Der Landtag will nun bis zum Jahr 2030 insgesamt 6,2 Millionen Euro Unterstützungsleistungen bereitstellen.

Bisheriger Fonds läuft aus

Gedacht ist das Geld für diejenigen, die vom bundesweiten Fonds "Anerkennung und Hilfe" bislang nichts wissen und die Antragsfrist, die Ende Juni 2021 abläuft, verpassen. Einmalig 9.000 Euro können die Betroffenen beantragen. Darüber hinaus soll eine Rentenersatzleistung für zwangsweise erbrachte Arbeit möglich sein. Der Fonds des Landes soll sich nicht an die richten, die bereits eine Zahlung erhalten haben.

Appell an Kirchen und Pharmaindustrie

Die Abgeordneten machten deutlich, dass neben dem Land auch andere Verantwortliche ihren Teil für die Opfer beitragen müssen. Sozialminister Heiner Garg (FDP) appellierte: "Ich erwarte auch von der Pharmaindustrie und den Kirchen, sich dieser moralischen Verantwortung zu stellen."

Weitere Informationen
Franz Wagle, ehemaliges Heimkind, auf dem Gelände des ehemaligen Landeskrankenhauses in Schleswig. © NDR Foto: Stefan Eilts

Medikamentenversuche: Betroffene kommen zu Wort

Im Landeskrankenhaus Schleswig wurden in den 50er- bis 70er-Jahren Kinder in mehr als 1.000 Fällen für Medikamententests missbraucht. Die Betroffenen haben jetzt im Landtag in Kiel gesprochen. mehr

Blick in ein verlassenes Gebäude. © NDR

Wie Kinder zu Versuchsobjekten wurden

Jahrzehntelang wurden Patienten im einstigen Landeskrankenhaus Schleswig zu Versuchsobjekten für Medikamententests. NDR Recherchen zeigen Verbindungen zwischen Ärzten und Pharmakonzernen. mehr

Zwei Spritzen liegen in einem Glasbehälter. © NDR

Medikamenten-Tests in Schleswig: Noch mehr Fälle

Im ehemaligen Landeskrankenhaus Schleswig hat es mehr Medikamenten-Testreihen gegeben als bisher bekannt. Das zeigen Recherchen von NDR 1 Welle Nord und Schleswig-Holstein Magazin. mehr

Franz Wagle, ehemaliges Heimkind, auf dem Gelände des ehemaligen Landeskrankenhauses in Schleswig. © NDR Foto: Stefan Eilts

Medikamentenstudien mit Schleswiger Heimkindern

Eine Studie dokumentiert, dass in deutschen Kinderheimen in den 50er- bis 70er-Jahren Medikamentenstudien durchgeführt wurden. Betroffen ist auch das damalige Landeskrankenhaus Schleswig. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 25.02.2021 | 20:00 Uhr

Nachrichten aus Schleswig-Holstein

Ein schwarzweißes Comic-Wimmelbild.

Mit Liebe zum Detail: Flensburg als Wimmelbild

In fünf Wochen hat Comiczeichner Kim Schmidt aus Dollerup ein Bild geschaffen, das ganz viele Geschichten und Gags enthält. mehr

Videos