Stand: 20.01.2020 21:57 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

System Krankenhaus: Ärzte unter Druck

Von Sofia Tchernomordik, Daniel Kummetz und Julia Schumacher

Rahel Meiers Blick ist fest auf einen Monitor gerichtet. Der Blick des Patienten auf sie, die Ärztin. Auf dem Bildschirm: ein Ultraschallbild seiner Bauchspeicheldrüse. Der Mann hat schon einmal den Krebs besiegt. Jetzt sieht es so aus, als ob die Krankheit ihn erneut herausfordert. Etwas ist auf dem Monitor erkennbar. Meier gleitet mit dem Schallkopf immer wieder über die gleiche Stelle. Doch der Befund ist nicht eindeutig, eine Diagnose so nicht möglich. Weitere Untersuchungen müssen her. Und Meier muss schnell weiter.

Kliniken: Unter welchem Druck Ärzte stehen

Schleswig-Holstein Magazin -

Rahel Meier arbeitet als Ärztin im Städtischen Krankenhaus Kiel. Die Arbeitszeiten haben es in sich, die Zeit für jeden Patienten bei der Visite ist knapp bemessen. Ein NDR Team hat die Medizinerin bei einem Arbeitstag begleitet.

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Sie geht fast im Laufschritt. Der nächste Patient wartet schon auf dem OP-Tisch nebenan. Kurz davor klärt die Assistenzärztin noch am Telefon, ob ein anderer Patient in der Reha-Klinik aufgenommen werden kann. Meier hat nicht viel Zeit: Sie arbeitet nicht nur im direkten Patientenkontakt, sondern muss alles exakt dokumentieren, sich mit Kollegen absprechen und an Fallkonferenzen teilnehmen.

Wo der Druck aufs Krankenhaus herkommt

Der wirtschaftliche Druck auf die Kliniken wirkt auch hier im Städtischen Krankenhaus Kiel. Die Häuser müssen mit Patienten Geld erwirtschaften und unterliegen einem komplizierten, streng kontrollierten Fallpauschalen-System. Bezahlt wird nicht der tatsächliche Aufwand einer Klinik, sondern ein statistischer Durchschnittswert für eine sogenannte Fall-Gruppe. Das so erwirtschaftete Geld ist eigentlich nur dafür vorgesehen, die laufenden Kosten zu decken. Doch mit ihm müssen die Krankenhäuser teilweise auch die Investitionen für Geräte und Gebäude bezahlen, weil die entsprechenden Zuschüsse der Länder zu knapp ausfallen. Das heißt: Die Patienten müssen möglichst schneller behandelt werden, um möglichst viel Geld zu erwirtschaften.

Eine Schicht mit einer Assistenzärztin im Krankenhaus

Visite: Wenige Minuten pro Patient in Klinik

Meier geht einige Etagen hoch. Die Patienten auf ihrer Station haben Erkrankungen an den inneren Organen, dem Bauch und den Gelenken - und warten auf ihre Visite. "Hallo, wie geht es Ihnen heute?", fragt sie ihren Patienten. "Wie war Ihr Blutdruck?" Auf einem Computer sieht sie die neuen Laborwerte. Jede Beschwerde und jedes Medikament notiert sie in den Akten. In etwas mehr als einer Stunde ist die Runde beendet.

"Man hat leider in den Visiten nur wenige Minuten pro Patient Zeit", sagt Meier. Denn gerade in der Inneren Medizin gebe es sehr komplexe Krankheitsbilder und oft sehr alte Menschen. "Um dem gerecht zu werden, muss man sich auch einmal in Ruhe hinsetzen können, das alles durchdenken." Je nach Besetzung betreue sie zwischen zwölf und 15 Patienten.

Probleme des Patienten - nicht die Hauptsache

Für sie als Ärztin und auch die Pfleger steht der Patient immer an erster Stelle, sagt Rahel Meier: "Ich empfinde aber, dass häufig die Probleme des Patienten nicht im Vordergrund stehen, sondern die Diagnose oder wie man das am besten abrechnen kann." Häufig sei es so, dass sie Patienten mit mehreren Krankheiten hätte und sie dann nicht auf alle Probleme eingehen könne, weil es sich nicht abrechnen lasse. Die Folge: "Dann muss der Patient noch mal kommen und neu aufgenommen werden oder es muss ambulant geregelt werden - das ist unglücklich", sagt Meier.

Mann hält sich beide Hände vor sein Gesicht © picture alliance / empics Foto: Dominic Lipinski

Berufsverband warnt vor Burn-out bei Ärzten

NDR 1 Welle Nord - Nachrichten für Schleswig-Holstein -

Ärzte in Schleswig-Holstein klagen über zu viel wirtschaftlichen Druck bei der Arbeit im Krankenhaus. Der Berufsverband Deutscher Internisten warnt vor Burn-Out bei Ärzten.

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Und auch die Arbeitszeiten haben es in sich: Etwa 60 Stunden pro Woche arbeitet Meier in der Klinik nahe der Kieler Innenstadt, sagt sie. Oft muss sie zwölf Tage am Stück arbeiten, hat dann zwei Tage frei, um dann wieder in den nächsten Zwölf-Tage-Block zu starten. "Es ist sehr schwierig, dass man häufig keine Pausen machen kann", sagt sie.

Eine Diagnose lässt ihr Lächeln verschwinden

Meier steht vor Zimmer 68. Der Medizinstudent, der sie begleitet, kommt mit der Akte um die Ecke. Gerade sind die Ergebnisse der letzten Untersuchung für ihre Patientin reingekommen. Meier liest konzentriert den Befund. Ihr Lächeln verschwindet. Ihre Patientin hat einen großen Tumor in der Brust. Meier atmet tief ein und aus.

Mit einem festen Griff öffnet sie die Tür, geht hinein. Sie erklärt Schritt für Schritt, was die Diagnose bedeutet, welche Untersuchungen folgen und welche Therapie möglich ist. Sie erzählt von psychologischer Betreuung. Dann hört sie zu. Sie nimmt sich Zeit.

Arbeitsbelastung: "Auf Dauer nicht auszuhalten"

Das Finanzierungssystem belastet die Ärzte doppelt: Arbeitsverdichtung und ethische Konflikte. "Das ist wirklich schwierig und teilweise auch sehr frustrierend", sagt Meier. "So eine hohe Arbeitsbelastung hält man auf Dauer nicht aus."

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Mit dieser Einschätzung ist Meier nicht alleine. Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass 70 Prozent der Assistenzärzte Anzeichen eines Burn-outs zeigen. Einer der Autoren ist Kevin Schulte, selbst Arzt in Schleswig-Holstein und beim Berufsverband Deutscher Internisten aktiv. Er beklagt wirtschaftlichen Einfluss auf medizinische Fragen. Es gebe vielerorts das Ziel des Krankenhaus-Managements, dass Patienten mit einer unterdurchschnittlichen Liegedauer nach Hause gingen – aus ökonomischen Gründen.

"Wir Ärzte versuchen jeden Tag, dieses Spannungsfeld im Sinne der Patienten aufzulösen", sagt Schulte. Das koste viel Kraft. "Das führt zu dem Befund, dass eben mehr als zwei Drittel von uns erschöpft sind und das nicht leisten können." Die Ärztekammer Schleswig-Holstein spricht von einer "Verwirtschaftung" und schreibt in einer Stellungnahme, dass alle Ärzte in den Krankenhäusern diesen Druck spürten, der daraus entsteht.

Krankenhausgesellschaft: Früher wurde mehr gearbeitet

Die Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein bestätigt, dass es eine Leistungsverdichtung bei den Ärzten gegeben habe, verweist aber auch auf "einen enormen Aufbau an ärztlichen Stellen" in den Kliniken. Engpässe gebe es auch deshalb, weil die Einstellung der Ärzte sich geändert habe, sagt Geschäftsführer Patrick Reimund. Die Ärzte achten offenbar zunehmend darauf, ihre Schichten nicht grenzenlos auszuweiten. "Früher war es selbstverständlich, dass über die tarifliche Arbeitszeit hinaus gearbeitet worden ist. Das ist der heutigen Ärztegeneration aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr abzuverlangen", sagt Reimund.

Rahel Meier überlegt, nach ihrer Ausbildung zur Fachärztin erst einmal einige Zeit in einem Hospiz zu arbeiten. Die Belastung sei zu hoch, sagt sie.

Fünfteilige Serie

NDR Schleswig-Holstein hat sich auf Spurensuche begeben: In einer fünfteiligen Serie geben wir Einblicke in das Städtische Krankenhaus Kiel. Wir stellen vor, wie das System Krankenhaus funktioniert - und warum es so fehleranfällig ist.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 20.01.2020 | 08:00 Uhr

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