Infektiologe Rupp: Impfung trotz niedriger Inzidenzen

Stand: 21.06.2021 16:50 Uhr

Der Lübecker Infektiologe Jan Rupp spricht sich dafür aus, nicht mehr so stark auf die Corona-Inzidenzzahlen zu schauen. Stattdessen müsse man die Gesamtlage im Blick haben.

Der Mediziner der Klinik für Infektiologie und Mikrobiologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) ist der Meinung, dass Inzidenzen unter 10, wie sie aktuell in Schleswig-Holstein vorherrschen, davon ablenken, dass Corona noch immer da ist und mit neuen Varianten Menschen krank machen können.

"Ungeimpfte sind Ziel für das Virus"

Der Infektiologe sieht nicht vorrangig das Problem bei der Inzidenz. Der Inzidenzwert gibt nicht an, wie schwer eine Infektion verläuft. Wer geimpft sei, erkranke - wenn überhaupt - mild und lande nicht auf der Intensivstation, so Rupp. Der Infektiologe meint: Die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems sei gebannt. Allerdings sieht er noch eine andere Problematik.

"Unser Problem sind die Impflücken bei den Risikopersonen und bei gewissen Communitys. Unser Problem ist vielleicht eine gewisse Nachlässigkeit, sich um Impftermine zu bemühen, weil es vielleicht so mühsam war am Anfang", sagte Rupp NDR Schleswig-Holstein. Er appellierte, sich jetzt um einen Impftermin zu bemühen und sich nicht von Schleswig-Holsteins niedrigen Inzidenzwerten ablenken zu lassen.

"Wir haben es jetzt ein paar Mal gesehen - bei der ersten und bei der zweiten Welle - und es wird wieder so kommen, dass die, die nicht geimpft sind, ein Ziel für das Virus sind", warnte er: Im Juni und Juli werde es voraussichtlich für jeden Schleswig-Holsteiner einen Impftermin geben. "Es gibt dann keine Entschuldigung mehr, das nicht wahrzunehmen, auch die niedrigen Inzidenzen nicht."

"Neuen Umgang mit Virus finden"

Grundsätzlich regt der Mediziner an, in Zukunft anders mit dem Virus umzugehen. Kinder seien während der Pandemie beispielsweise besonders streng behandelt worden, um Erwachsene zu schützen. Man müsse nun darüber diskutieren, wie streng man es künftig handhaben wolle, wenn ein Kind zum Beispiel Schnupfen hat, so Rupp, der auch wissenschaftlicher Berater der Landesregierung ist. Er betonte, dass alle einen neuen Umgang mit dem Virus finden müssten.

"Teilweise zulassen, dass Inzidenzen höher werden"

Dazu gehört laut Rupp auch, dass man in gewissen Bevölkerungsgruppen zulassen muss, dass Inzidenzen höher werden, solange Krankenhäuser die Erkrankten gut behandeln können. "Wenn jeder die Chance hat, eine Impfung zu bekommen, und sich entscheiden kann, dann wird die Verantwortung der Gesamtgesellschaft für diese Person geringer", glaubt der Infektiologe.

Garg will an Inzidenzwert festhalten

Für Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) spielt der Inzidenzwert weiterhin eine wichtige Rolle. Auf Anfrage von NDR Schleswig-Holstein sagte er, dass der Wert wichtig sei, "um die zu erwartende Belastung der Intensivkapazitäten abschätzen zu können und um die Nachverfolgbarkeit von Infektionsketten in den Gesundheitsämtern zu gewährleisten."

Zudem wäre die Abschaffung des Inzidenzwerts laut Garg nach über einem Jahr Pandemie kaum vermittelbar und würde erst recht den Eindruck erwecken, dass die Pandemie vorbei sei. "Das ist sie aber noch nicht", so der Gesundheitsminister weiter. Gerade die ansteckendere Virusvariante Delta sei weiterhin ein Grund zur Vorsicht. Garg betonte aber auch, dass die Landesregierung neben dem Inzidenzwert auch weitere Faktoren wie die Ausbreitung von Virusvarianten, die Belastung des Gesundheitssystems und den Impffortschritt berücksichtige.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 21.06.2021 | 19:30 Uhr

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