Stand: 25.04.2016 17:00 Uhr  - 45 Min

VW: Anatomie eines Wirtschaftsverbrechens

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Dan Carder und andere Wissenschaftler von der Universität West Virginia wollten eigentlich zeigen, wie sauber Diesel sind.

So kommt der Wendepunkt in der Geschichte erst deutlich später, im Frühjahr 2013. Ein kleines Team von Wissenschaftlern im US-Staat West Virginia überprüft zu der Zeit einige Diesel-Autos. Sie führen Abgastests durch - und zwar erstmals nicht auf einem Prüfstand, sondern im normalen Straßenverkehr auf einer festgelegten Route entlang der Westküste. Zufällig sind unter den Testautos auch zwei Modelle von Volkswagen. Das Ziel der Wissenschaftler ist eigentlich nachzuweisen, wie sauber Diesel-Autos in den USA unterwegs sind. Doch dann sind die Messergebnisse ganz anders als erwartet: Der Stickoxid-Ausstoß liegt bis zu 35-mal so hoch wie die erlaubten Grenzwerte. Die Forscher zweifeln zunächst an sich, an ihrer Methode. Sie messen immer wieder nach, kommen aber zum selben Ergebnis.

Im Frühjahr 2014 sind sich die Wissenschaftler sicher. Sie haben ihren Bericht fertig und schalten die amerikanische Umweltbehörde EPA ein. Diese beginnt sofort zu ermitteln. Sie schickt Fragen an VW, lässt Ingenieure anreisen und Rede und Antwort stehen. Jetzt müsste eigentlich klar sein: Der Betrug kann nicht mehr lange verheimlicht bleiben. Immer mehr Mitarbeiter bei VW erfahren von den Ermittlungen zu den Abgasproblemen.

Wusste Martin Winterkorn von der "Abschalteinrichtung", dem "defeat device"?

Auch Vorstandschef Winterkorn wird umgehend informiert. Freitags bekommt er immer die sogenannte Wiko-Post, wichtige Dokumente, die er übers Wochenende lesen soll. Am 23. Mai 2014 findet sich darunter eine vieldeutige Notiz von Bernd Gottweis, dessen Arbeitskreis die neue Version der Software erst Monate zuvor freigegeben hatte. Er schreibt: "Wir können hohe Abgaswerte nicht erklären", heißt es darin. Und weiter: Die amerikanischen Behörden könnten nach einem "defeat device" suchen. Was sich hinter einem solchen "defeat device" - auf Deutsch: Abschalteinrichtung - verbergen könnte und dass VW sie tatsächlich seit Jahren einsetzt, schreibt Gottweis nicht. Winterkorn sagt heute, er habe die Notiz gelesen und auch nachgefragt. Ihm sei aber versichert worden, das Problem sei lösbar. Von dem Betrug habe er nichts gewusst.

Die beteiligten Manager scheinen also zu der Zeit noch immer zu versuchen, ihre Manipulationen zu vertuschen. Sie hoffen offenbar, dass niemand so schnell ihren gut versteckten Betrug entdeckt und dass sie noch eine technische Lösung finden, bevor die Auseinandersetzung mit den US-Behörden eskaliert. Doch sie verkalkulieren sich.

Am 18. September 2015 verschickt die EPA eine "Notice of Violation" - die Mitteilung über einen Rechtsverstoß. Der Abgas-Betrug kommt an die Öffentlichkeit. Der Aktienkurs bricht ein. Am 23. September tritt Winterkorn zurück. In mehreren Ländern beginnen Staatsanwaltschaften zu ermitteln. VW drohen nun Straf- und Entschädigungszahlungen in Milliardenhöhe. Die Entscheidung vom 20. November 2006 hat den Konzern in eine tiefe Krise gestürzt.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrages ist uns ein Fehler unterlaufen. Wir hatten geschrieben, dass die Stickoxide in einem Filter gesammelt und verbrannt würden. Tatsächlich werden bei einem NOx-Speicherkatalysator die Stickoxide auf einer Speicheroberfläche angelagert. Die Stickoxide werden dann in gewissen Abständen durch einen chemischen Prozess aus der Speicherstruktur entfernt.

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45 Min | 25.04.2016 | 23:00 Uhr

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