Stand: 17.04.2021 08:00 Uhr

"Vergessen, wie verletzlich Menschen und Systeme sind"

Die Gesundheitswissenschaftlerin Jutta Lindert von der Hochschule Emden/Leer ist als Beraterin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Themenbereich "Mental Health & Covid-19" ernannt worden. Im Gespräch mit NDR Niedersachsen erzählt sie, was genau ihre Aufgaben sind und welche Parallelen zur Spanischen Grippe sie sieht.

Frau Lindert, beschreiben Sie bitte in kurzen Worten Ihre neue Aufgabe als Beraterin der WHO.

Jutta Lindert lächelt in die Kamera. © Hochschule Emden-Leer
Jutta Lindert ist Gesundheitswissenschaftlerin an der Hochschule Emden/Leer und berät die WHO. (Archiv)

Jutta Lindert: Die Aufgabe bezieht sich darauf, in einer interdisziplinären Gruppe von Experten und Expertinnen die vorhandene Evidenz des Zusammenhanges zwischen der Corona-Pandemie und psychischer Gesundheit zusammenzutragen, Versorgungsnotwendigkeiten zur Unterstützung psychischer Gesundheit zu identifizieren, besonders vulnerable Gruppen zu identifizieren, Versorgungssysteme zu qualifizieren und mögliche Versorgungslücken in den Ländern in Europa zu identifizieren. Weiterhin geht es darum, Handlungsempfehlungen zur Unterstützung der psychischen Gesundheit der Bevölkerung insgesamt zusammenzustellen - aber auch für Menschen, die eine Covid-Erkrankung hatten oder deren Angehörige verstorben sind.

Wie läuft das im Einzelnen konkret ab: Wie oft tauschen Sie sich mit den anderen Beratern aus und wie ist der derzeitige Stand?

Jutta Lindert: Die Gruppe arbeitet flexibel in Form von gemeinsamen Konferenzen auf europäischer Ebene sowie zusätzlichen Einzelabstimmungen zu spezifischen Fragen, was wiederum in die Gesamtberatungen eingebracht wird. Zu Zwischenständen berichten wir nicht öffentlich, das geht bei solchen in Form von Kolloquien aufgesetzten Arbeitsprozessen nicht.

Was sind die nächsten Schritte - was können Sie schon verraten?

Jutta Lindert: Als nächste Schritte werden wir Handlungsempfehlungen entwickeln und diese sowohl an die entsprechenden Gremien bei der EU und der WHO weitergeben - aber auch an die Bevölkerung. Es ist aktuell ein "Mental Health Day" am 18. Mai 2021 geplant, der von der European Public Health Association (EUPHA) organisiert wird.

Wo gibt es aus Ihrer Sicht bislang die größten Versäumnisse im Umgang mit dem Corona-Virus - in Deutschland, aber auch weltweit?

Jutta Lindert: Bei Viruserkrankungen ist es wichtig, schnell zu sein und kontinuierlich zu wirken. Das ist als einfach vermittelbares Beispiel wie bei einem Hochwasser-Dammbruch. Das Virus verbreitet sich ja ununterbrochen. Um schnell Maßnahmen zu ergreifen, da waren viele Länder unvorbereitet. Im Grunde zählt jede Stunde bei einer Viruserkrankung. Es gab kein erprobtes Vorsorgehandeln mehr im Arbeitsfeld von Infektionsepidemiologie. Viele Länder und Bevölkerungen hatten vergessen, wie verletzlich Menschen und Systeme sind. Zögerliches  Handeln, inkonsequentes Handeln und on/off-Systeme sind kontraproduktiv in der Wirkung und führen von den Ergebnissen her nicht zu Vertrauen in solches Handeln. Dieses Agieren hat fatale Folgen, wie wir sie ja nun erleben.

Es gibt immer wieder Vergleiche der aktuellen Pandemie mit der sogenannten Spanischen Grippe. Wo sehen Sie Parallelen und wo gibt es hier Unterschiede?

Jutta Lindert: Bei der Spanischen Grippe starben weltweit etwa 50 Millionen Menschen. Sie fand während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg statt, entsprechend geschwächt war die Bevölkerung. In Deutschland wurde damals bewusst nach derzeitigem Wissen nicht informiert. Die Spanische Grippe und Covid stellen beide eine Herausforderung an das staatliche Krisenmanagement dar. Derzeit ist sicher das medizinische Wissen größer, aber vielleicht auch das Vertrauen auf die Möglichkeit zu reparieren, also zu therapieren. Prävention könnte jedoch eine große Rolle spielen.

Was meinen Sie genau?

Jutta Lindert: Sich nicht nur darauf zu verlassen, dass es Medizin und Heilmittel gibt, sondern auch auf Präventionsstrategien zu setzen, etwa Masken zu tragen oder Abstand zu halten.

Wie lange wird es Ihrer Meinung nach dauern, bis sich die Gesellschaft von der Pandemie erholt hat - wenn diese denn hoffentlich bald überwunden ist?

Jutta Lindert: Das ist sicher zu früh, hier Aussagen zu treffen. Wichtig ist, jetzt bereits daran zu denken, wie Resilienz (Anpassungskraft und Flexibilität, Anm. d. Red.) weiter gestärkt und unterstützt werden kann. Unterstützung von Resilienz auf individueller und auf kollektiver Ebene könnte das Anpassen an die neue Realität erleichtern.

Das Interview führte Nils Hartung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 16.04.2021 | 09:00 Uhr

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