Stand: 19.06.2020 21:09 Uhr

Transmenschen: Geboren im falschen Körper

Die Transfrau Christin Weiß steht in einem Garten vor Rosensträuchern.
Ilka Christin Weiß ist eine Transfrau: Sie wurde als Junge geboren, fühlte sich aber immer im falschen Körper, bis sie endlich auch offiziell als Frau anerkannt sein wollte.

"Jeder Mensch soll über sein eigenes Geschlecht bestimmen können. Und zwar unabhängig vom Körper. Alleine aus der gefühlten Geschlechtsidentität heraus", sagt Ilka Christin Weiß aus Lilienthal (Landkreis Osterholz). Sie ist eine Transfrau und verfolgt gespannt, was aus einem Gesetzentwurf wird, mit dem die Grünen im Bundestag das alte Transsexuellengesetz abschaffen wollen. Dadurch soll es für Menschen wie Ilka Christin Weiß einfacher werden, ihren Namen und ihr Geschlecht zu ändern. Sie wurde als Junge geboren, fühlte sich aber immer im falschen Körper, bis sie endlich auch offiziell als Frau anerkannt sein wollte. Aber dieser Weg war lang und  alles andere als einfach.

VIDEO: Transsexualität: Viele Hürden vor Geschlechts-OP (3 Min)

 

"Man muss sich psychologisch da völlig nackt machen"

Mit 50 Jahren war es Ilka Christin Weiß endgültig leid, weiter mit falscher Identität zu leben. Als sie dann die Vornamen- und Personenstandsänderung beantragte, musste sie sich zwei Gutachten unterziehen, die für sie sehr belastend waren: "Man muss sich psychologisch da völlig nackt machen", so Weiß. Genau das soll sich nun ändern, die Grünen plädieren im Bundestag für die Einführung eines Selbstbestimmungsgesetzes. Danach sollen Menschen, die sich als Junge oder Mädchen im falschen Körper geboren fühlen, künftig ohne große bürokratische Hürden ihren Namen und ihr Geschlecht ändern können.

"Psychologische Gutachten sollten gestrichen werden"

Auch Julia Steenken von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität findet, dass die psychologischen Gutachten gestrichen werden sollten: "Ich erhoffe mir von dieser Gesetzesinitiative, dass die übergriffige Zwangsbegutachtung ein Ende findet, denn sie bedeutet eine tiefgreifende Infragestellung der Geschlechtszugehörigkeit bei Betroffenen, wie sie bei Nichtbetroffenen nicht einmal ansatzweise hingenommen würde."

Nachbarn nennen sie "Prinzessin von Lilienthal"

Schon als Kind war Ilka Christin Weiß - die damals noch Holger hieß - klar, dass irgendetwas bei ihr anders ist: "Ich wusste mit vier Jahren, dass ich ein Mädchen bin und wurde zwei Jahre auch so erzogen. Mit der Einschulung war dann leider Schluss damit und ich konnte mich dann erst im Laufe der Zeit outen und lebe erst seitdem ich 50 Jahre alt bin komplett als Frau", erzählt die 57-Jährige. Ihre Nachbarn in Lilienthal akzeptieren sie auch, nachdem sie ihr Geschlecht gewechselt hat, sagt Weiß. Sie gaben ihr liebevoll den Spitznamen "Prinzessin von Lilienthal".

Anfeindungen und Diskriminierungen

Menschen wie Ilka Christin Weiß sprechen von Transidentität und nicht von Transsexualität - weil es mehr um die Frage der Identität als der Sexualität geht. Etwa 30.000 Menschen in Deutschland gehören dieser Gruppe an. Aber so leicht wie es Ilka Christin Weiß mit ihren Nachbarn in Lilienthal hat, haben es Transmenschen nicht überall: "Es hat sich in der Gesellschaft viel verbessert. Es ist aber noch viel zu tun und es ist noch längst nicht alles gut", sagt Weiß. Nach wie vor gäbe es Anfeindungen und Diskriminierungen. Das müsse endlich aufhören. Sie hofft, dass mit dem Selbstbestimmungsgesetz ein erster Schritt gemacht wird.

Mehr eine Frage der Identität als der Sexualität

Ilka Christin Weiß weiß aus Erfahrung, dass Nichtbetroffene die Probleme der Transidentität oft nur schwer nachempfinden können. Sie bemüht sich um Aufklärung: "Wir wollen nicht die Geschlechter abschaffen oder irgendjemandem ein Geschlecht aufzwingen oder sagen: 'Du musst so oder so sein, weil  Du den oder den Körper hast.' Sondern jeder Mensch soll über sein eigenes Geschlecht bestimmen können." Heute berät der Bundestag über den Gesetzentwurf der Grünen, der den Lebensweg vieler transidenten Menschen entscheidend verändern könnte.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 19.06.2020 | 19:30 Uhr

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