Stand: 20.04.2015 17:55 Uhr

Notstand: Insulanern fehlt bezahlbarer Wohnraum

von Alexandra Ringling & Anne Ruprecht

Leben, wo andere Urlaub machen - dieser Traum ist für Familie Zimmermann auf der Nordsee-Insel Langeoog in Erfüllung gegangen. Seit 15 Jahren leben Katja und Ulf Zimmermann auf Langeoog. Er ist Insulaner, sie aus Berlin zugezogen. Zusammen mit ihren vier Kindern möchten sie am liebsten für immer auf der Insel wohnen. Doch für die Zimmermanns wird es immer schwieriger, ein bezahlbares Zuhause zu finden.

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Bereits fünf Mal sind sie in den letzten sieben Jahren umgezogen. Zurzeit sind sie wieder auf der Suche, denn ihre Wohnung ist zu klein für die sechsköpfige Familie. Doch die Aussichten sind denkbar schlecht, die Töchter Lotta und Madita müssen sich ein Zimmer teilen. Ein feuchtes Zimmer, wohlgemerkt. Familie Zimmermann hofft dennoch, dass der Spaziergang am Strand nicht bald ein Vergnügen sein wird, das sich nur noch Touristen leisten können. Doch der Wohnraum auf der Insel ist knapp. Seit Jahren schon steigen die Mietpreise: Statt 1.000 Euro zahlt Familie Zimmermann jetzt rund 1.200 Euro für 90 Quadratmeter - ihre absolute Obergrenze. Denn schon jetzt geht bereits ein komplettes Gehalt direkt für die Miete drauf. "Vielleicht könnte man eher Lotto spielen und den Jackpot knacken, als hier eine Wohnung zu finden. Bei kleinen Wohnungen für ein bis zwei Personen geht es vielleicht noch, aber alles was darüber hinaus ist, ist sehr schwierig bis unmöglich", sagt die 36-jährige Bademeisterin. Eigentum zu kaufen ist für die Familie keine Option: eine 2-Zimmer Wohnung kostet im Schnitt  eine halbe Million, sie aber bräuchten mindestens vier Zimmer. Wie lange sie sich das Leben auf der Insel noch leisten kann, weiß die Familie nicht.

Siedlungen sind Geisterdörfer geworden

Der Eingangsbereich zum Rathaus von Langeoog steht leer. © NDR Foto: Jessica Becker
Im Rathaus kennt man das Problem schon länger. "Seit den 1990er-Jahren sind mehr als die Hälfte der Wohnsitze auf Langeoog Zweitwohnsitze."

Grund für die Wohnraumnot: Bei den derzeitigen niedrigen Zinsen sind Immobilien eine immer beliebtere Wertanlage. Für die ostfriesischen Inseln ein Desaster, denn viele kaufkräftige Neuinsulaner erfüllen sich ihren Traum von einer Zweitwohnung, die sie oft nur wenige Wochen im Jahr nutzen, den Rest des Jahres steht die Wohnung leer. "So sind ganze Siedlungen mittlerweile zu Geisterdörfern geworden", sagt Bürgermeister Uwe Garrels (parteilos). Im Rathaus kennt man das Problem schon länger. "Seit den 1990er-Jahren sind mehr als die Hälfte der Wohnsitze auf Langeoog Zweitwohnsitze. Und diese Entwicklung hat sich bis heute fortgesetzt und das bedeutet aufgrund noch weiter steigender Immobilienpreise, dass es für Einheimische immer schwieriger wird, sich auf einer Insel wie Langeoog, Haus und Wohnung zu erlauben. Und das ist eine Entwicklung, der wir unbedingt entgegensteuern müssen", sagt Garrels.

Der Trick mit dem Bruchteilseigentum

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Anne Ruprecht, Panorama 3.  Foto: Roman Rätzke

Anne Ruprecht

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Obwohl Paragraph 22 im Baugesetzbuch den Ausverkauf der Insel verhindern sollte, finden Eigentümer und Bauträger ein juristisches Schlupfloch, um den Paragraphen zu umgehen und trotzdem Eigentumswohnungen als Zweitwohnungen zu verkaufen. Denn inzwischen ist es beinahe schon die Regel, dass Investoren die alten Häuser abreißen und dann für das neue Haus das Bruchteilseigentum als Rechtsform wählen. "Bruchteilseigentum ist eine andere Art des Eigentums, das ist nichts schlimmes. Das ist eine Gemeinschaft und jedem gehört ein Anteil. Das schreckt die wenigsten Kunden ab. Auch die extrem teuren Wohnungen, die bei einer Million liegen, sind Bruchteilseigentum", erklärt der Makler Eric Siemering.

Sorgen um die Zukunft

Rund 1.800 Einwohner sind aktuell auf Langeoog gemeldet. Doch Bürgermeister Garrels sorgt sich um die Zukunft der Insel: Menschen zu finden, die hier längerfristig arbeiten und leben wollen, wird zunehmend schwieriger. Das merkt auch Supermarktbetreiber Roland Isenecker, er besitzt mehrere Filialen auf der Insel. Die Wohnungsnot droht ihm sein Geschäft abzuwürgen: Zwei Filialen musste er schon schließen, weil er für sein Personal keine Wohnungen gefunden hat. "Über die Sommerferien hatten wir Schüler, aber auch die kann ich nicht unterbringen, da musste ich vor zwei Jahren über sechs Wochen 4-Sterne-Hotelzimmer buchen und im letzten Jahr eine Ferienwohnung zur Hochsaison", erzählt er. 4.500 Euro kostete das im Monat - keine Dauerlösung.

Ein erster Schritt gegen den Ausverkauf

In der Ferne geht ein Mann während der Dämmerung am Strand spazieren. © NDR Foto: Jessica Becker
Auf den Spaziergang am Strand würde Familie Zimmermann ungern verzichten.

Viele Familien haben die Insel schon verlassen und sollte sich nicht bald etwas ändern, müssen sich auch die Zimmermanns von ihrer geliebten Heimat verabschieden. "Wir würden ungerne gehen, aber irgendwann ist auch Schluss. So denken ganz viele. Bekannte und Freunde sagen auch, wenn das so weitergeht hier beim Ausverkauf der Insel, dann kann man besser am Festland wohnen“, sagt Katja Zimmermann.

Ein erster Schritt gegen den Ausverkauf der Insel soll am 29. April gegangen werden: Die Bürgermeister der gesamten ostfriesischen Küste treffen sich dann in Hannover mit Vertretern der Landesregierung und einem Vertreter des Bundesministeriums Umwelt und Bau, um über eine Änderung des Baurechts zu sprechen. "Wir wollen ein Instrument in die Hand bekommen, das uns ermöglicht, die Bildung von Bruchteilseigentum zu verhindern", fordert Bürgermeister Garrels.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 21.04.2015 | 21:15 Uhr

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