Stand: 17.05.2019 11:20 Uhr

Nebenklage fordert auch lebenslange Haft für Högel

Im Mordprozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel haben am Freitag die Rechtsanwälte der Nebenkläger in ihren Plädoyers mit eindringlichen Worten das Leben der Opfer und ihrer Familien beschrieben. Dadurch werde den Opfern das Gesicht und die Würde zurückgegeben, die Högel ihnen genommen habe, sagte eine Nebenklage-Vertreterin.

Nebenklage und Staatsanwaltschaft auf einer Linie

Högels Tatmotive stünden auf der tiefsten moralischen Stufe und zeugten von einer völligen ethischen Verwahrlosung und menschlichen Verrohung, so ein anderer der insgesamt 17 Nebenklage-Vertreter. Mehrere Opfer-Anwälte sprachen sich wie die Staatsanwaltschaft für eine lebenslange Strafe und Feststellung der besonderen Schwere der Schuld aus und zusätzlich für eine an die Haft anschließende Sicherungsverwahrung.

Nils Högel

Högel-Prozess: Lebenslange Haft gefordert

Hallo Niedersachsen -

Der größte Mordprozess der deutschen Nachkriegszeit geht auf die Zielgerade. Im Oldenburger Landgericht haben die Plädoyers gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel begonnen.

4,33 bei 3 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Högel für fast 100 Morde verantwortlich?

Die Staatsanwaltschaft hatte am Donnerstag in ihrem Plädoyer eine lebenslange Haftstrafe für Högel gefordert. Die Anklage verlangte vor dem Landgericht Oldenburg zudem, die besondere Schwere der Schuld festzustellen, was eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren ausschließt. Der bereits in einem früheren Prozess zu lebenslanger Haft verurteilte 42-Jährige soll nach Überzeugung der Anklage für 97 weitere Morde verantwortlich sein, drei angeklagte Morde seien nicht sicher nachweisbar.

Urteil wohl am 6. Juni

Das Urteil des Landgerichts Oldenburg wird am 6. Juni erwartet. Högel wurde bereits im Jahr 2015 wegen des Todes von sechs Patienten auf der Delmenhorster Intensivstation zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und sitzt in Oldenburg in Haft. Er soll seinen Opfern in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst Medikamente gespritzt haben, um sie danach wiederbeleben zu können.

Videos
05:07
Hallo Niedersachsen

Ist Niels Högel schuldfähig? Gutachter sagt aus

04.04.2019 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Im Mordprozess gegen Niels Högel hat ein gerichtsmedizinischer Psychologe ausgesagt. Er soll herausfinden, ob der Angeklagte die Wahrheit sagt - und schuldfähig ist. Video (05:07 min)

Geständnis in früherem Verfahren

Högel war in zwei Prozessen bereits zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Nach seinem überraschenden Geständnis weiterer Morde in einem der vorherigen Verfahren waren sämtliche Todesfälle an seinen früheren Arbeitsstätten untersucht worden. Mehrjährige Ermittlungen führten dann zum aktuellen Prozess. Högel soll Patienten eigenmächtig verschiedene Medikamente verabreicht haben, um lebensbedrohliche Herz- und Kreislaufprobleme auszulösen und sie dann wiederzubeleben. Viele dieser Patienten starben. Seine Opfer waren im Alter von 34 bis 96 Jahren.

Tödlicher Wirkstoff auch in Gels und Sprays

Kurz vor Abschluss der Beweisaufnahme hatte sich bereits abgezeichnet, dass vermutlich nicht alle Todesfälle zweifelsfrei geklärt werden können. Problematisch ist der Nachweis in knapp 40 der 100 angeklagten Taten, bei denen Högel Patienten an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst mit Lidocain getötet haben soll. Denn der Wirkstoff, der bei den Exhumierungen in den Überresten der Verstorbenen entdeckt wurde, kommt auch in Gels und Sprays vor, die bei vielen Betroffenen zum Legen von Sonden und Kathetern benutzt wurden.

Multimedia-Doku
Multimedia-Doku

Niels Högel: Die Morde eines Krankenpflegers

Niels Högel soll mehr als 100 Patienten getötet haben. Die wohl größte Mordserie der Nachkriegszeit, begünstigt von beispiellosem Versagen. Eine Multimedia-Doku, optimiert für Desktop-Nutzung. mehr

Gutachter hält Högel trotz Störung für schuldfähig

Nach Ansicht von Psychiatrie-Professor Henning Saß liegen bei Högel auffällige Persönlichkeitsmerkmale vor, die unter den juristischen Begriff der "schweren anderen seelischen Abartigkeit" fallen. Der Gutachter sprach von einer kombinierten Persönlichkeitsstörung, emotionaler Labilität und einer Neigung zum Missbrauch von Substanzen. Diese Störungen würden aber nicht die Schuldfähigkeit einschränken, sagte Saß. Högel sei kein gravierend psychisch kranker Mensch.

Bündel von möglichen Motiven

Bild vergrößern
Der psychiatrische Gutachter Henning Saß (l.) sieht mehrere Motive für Högels Taten.

Was Högels Motiv betrifft, geht Saß in seinem Gutachten von einem komplexen Zusammenspiel unterschiedlicher Aspekte aus. Der Angeklagte habe ein starkes Geltungsbedürfnis gehabt und Herr über Leben und Tod sein wollen, so der 74-Jährige. Außerdem habe er sich in Konkurrenz zu den Ärzten gesehen, die er oft als inkompetent und arrogant empfand. Ein weiterer Punkt sei die ausgeprägte Entpersonalisierung der Patienten. Für Högel seien gute Patienten diejenigen gewesen, die ein grünes Tuch über dem Körper hatten und nicht redeten. Mit den Reanimationen habe Högel seine Suche nach Sensationen befriedigt und gleichzeitig Gefühle der Unlust bekämpft.

Weitere Informationen

Gutachter nennt Högel einen "kompetenten Lügner"

Im Mordprozess gegen Ex-Krankenpfleger Niels Högel hat am Donnerstag ein Rechtspsychologe ausgesagt. Er attestierte dem Angeklagten Narzissmus und eine hohe Bereitschaft zum Lügen. (04.04.2019) mehr

Högel-Prozess: Nachweis der Taten wird schwierig

Im Mordprozess gegen Ex-Krankenpfleger Niels Högel sind zwei Gutachter befragt worden. Sie machten deutlich, dass ein zweifelsfreier Nachweis vieler Taten kaum möglich ist. (29.03.2019) mehr

"Kardio 2": Meineid-Ermittlungen im Fall Högel

Im Fall des wegen 100-fachen Mordes angeklagten Ex-Pflegers Högel hat die Polizei Oldenburg eine neue Sonderkommission eingerichtet. Sie soll Meineid-Vorwürfe gegen Zeugen überprüfen. (13.03.2019) mehr

Niels Högel: Vom Krankenpfleger zum Serienmörder

Er sei ein unauffälliger Schüler gewesen, wurde als heldenhafter Krankenpfleger gefeiert und ist nun wegen 100-fachen Mordes angeklagt. Wie wurde Niels Högel zu dem, der er ist? mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 17.05.2019 | 16:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

02:27
Hallo Niedersachsen
03:04
Hallo Niedersachsen
03:03
Hallo Niedersachsen