Martfeld: 500 Jahre altes Haus an neuen Standort "verrollt"

Stand: 04.12.2020 21:36 Uhr

Drei Tage lang hat sich die Rettungsaktion des wohl ältesten Hauses von Martfeld (Landkreis Diepholz) hingezogen. Jetzt steht das "Pastors Hus" an seinem neuen Standort, wo es restauriert werden soll.

von Ruth Hunfeld

Tassilo Turner hat schon viele historische Fachwerkhäuser durch seine Arbeit gerettet, seine Zimmerei ist spezialisiert auf Restaurierungen. Aber diese Aktion war für den Ingenieur aus Rotenburg (Wümme) dennoch Neuland: Anstatt das fast 500 Jahre alte Gebäude beziehungsweise dessen Holzgerüst ab- und am neuen Standort wieder aufzubauen, sollte das einstige Pastorenhäuschen im Ganzen transportiert werden. Ansonsten könnte es seinen Status als Baudenkmal verlieren. Die Methode: "Verrollen" - eine kaum noch praktizierte Technik. Dabei wird das Gebäude hochgebockt und mit hölzernen Rollen unterlegt. Indem man jeweils die hintere Rolle vorne wieder anlegt, kann das Objekt auf eigens gelegten Schwellen in die gewünschte Richtung geschoben werden.

Pastor errichtete Gebäude als Absicherung für seine Familie

Das Haus ist eine jahrhundertealte Konstruktion, geschätzte 15 bis 20 Tonnen schwer: Ob alles so klappen würde wie theoretisch berechnet, war für Turner und sein Team hochspannend. Nicht minder aufgeregt waren die Martfelderinnen und Martfelder, denn lange Zeit war überhaupt nicht sicher, dass sie ihr Schätzchen würden retten können. Bei dem alten Gebäude handelt es sich um ein sensationelles Zeugnis der beginnenden Reformationszeit: Der erste lutherische Pastor Martfelds, Otto Honfelt, ließ es 1535 erbauen - und zwar, um seine Frau und seine Kinder für die Zeit nach seinem Tode abzusichern. Dass Pastoren heiraten und Familien gründen konnten, war ein modernes Phänomen zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Entsprechend gab es noch kaum Erfahrungen mit der Situation, dass die Hinterbliebenen eines Pfarrers zu versorgen sind.

Hobby-Denkmalschützer entdeckt das verborgene Haus

Warum aber ist dieses historisch so bedeutsame Haus nicht längst saniert und herausgeputzt worden? Der Grund dafür klingt fast unglaublich: Das Haus war versteckt - in einem anderen Haus. Jahrhundertelang war es verborgen, und beinahe hätte niemand jemals mehr von seiner Existenz erfahren. Dass es nun anders gekommen ist, ist dem Martfelder Hobby-Denkmalschützer Bernd Kunze zu verdanken und einem zunächst nach Routine aussehenden Termin im Jahr 1998: Bei der Begehung eines alten Fachwerkhauses aus dem 18. Jahrhundert entdeckte Kunze Balken und Bauteile, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergaben. Eine mögliche Erklärung: Es könnte sich um Reste eines wesentlich älteren Gebäudes handeln.

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Das Pastorenhaus beim Transport. © dpa Bildfunk Foto: Hauke-Christian Dittrich
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Untersuchung bestätigen Fund von "Pastors Hus"

Der Verdacht des Heimatforschers bestätigte sich in den folgenden Jahren: Weitere Nachforschungen und Gutachten ergaben, dass ein Haus im Haus stecken muss. Mithilfe dendrochronologischer Untersuchungen gelang es, das Alter des Holzes zu bestimmen, und alle Puzzleteile ergaben schließlich das Gesamtbild: Es handelt sich um das Pastorenhaus - "Pastors Hus" nennen sie es in Martfeld. Wie in früheren Zeiten durchaus üblich, war es immer wieder erweitert und umbaut worden, so dass das Wissen um seinen Ursprung irgendwann verschwand.

Zwei Jahrzehnte lang passiert nichts

Das äußere Haus, das die örtlichen Denkmalschützer als typisches niederdeutsches Hallenhaus des 18. Jahrhunderts auf der Liste gehabt hatten, war schon seit Jahrzehnten nicht mehr bewohnt, aber in Privatbesitz. Deshalb geschah nach der Entdeckung der alten Balken zunächst auch nichts - man kam halt nicht ran an das vermutete Haus im Haus. Dann plötzlich eine Wendung: Der Besitzer wollte das Haus loswerden, um das Grundstück verkaufen zu können. Ein Sammler historischer Gebäude aus der Lüneburger Heide war interessiert, bot an, das Fachwerkhaus abzutragen, um es bei sich in der Heide wieder aufzubauen. Martfeld drohte, das älteste Haus des Ortes zu verlieren.

Martfeld kämpft um das Haus

Das Pastorenhaus beim Transport. © NDR Foto: Ruth Hunfeld
Mit großem Stolz verfolgten die Martfelderinnen und Martfelder den Lohn ihrer Bemühungen.

Nun setzten die Martfelder, allen voran die Ehrenamtlichen des Heimat- und Verschönerungsvereins, jedoch alle Hebel in Bewegung: Sie baten den Besitzer um Aufschub, sammelten Spenden, taten Fördertöpfe auf und suchten einen neuen Standort. Im Spätsommer dieses Jahres begannen sie schließlich damit, das äußere Haus abzutragen und das innere freizulegen. Nach Jahrhunderten im Verborgenen wurde das Pastorenhaus erstmals wieder sichtbar.

Haus soll Museum werden

Die jetzt durchgeführte Verrollung dürfte das spektakulärste Kapitel in der Geschichte dieser "Hausrettung" sein. Rund 300.000 Euro sind für das komplette Projekt veranschlagt. 140 Meter von seinem ursprünglichen Standort entfernt soll "Pastors Hus" nun zu neuem Leben erweckt werden und künftig anschaulich Zeugnis geben vom dörflichen Leben in der Mitte Niedersachsens im 16. Jahrhundert - und vom fortschrittlichen Pastor Honfelt, der übrigens nur zwei Jahre nach dem Bau des Pastorenhauses an der Pest starb.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 04.12.2020 | 17:00 Uhr

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