Stand: 13.06.2018 19:00 Uhr

Antarktisschmelze: Meeresspiegel steigt schneller

Das Schmelzen der antarktischen Eisfläche trägt immer mehr zur Erhöhung des Meeresspiegels bei. 84 Klimawissenschaftler aus mehreren Ländern, darunter auch Forscher des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) aus Bremerhaven, haben am Mittwoch eine Studie veröffentlicht, wonach sich der Beitrag der Antarktis an der globalen Meeresspiegelerhöhung in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht hat. Verlor der arktische Eispanzer 2006 rund 73 Milliarden Tonnen Eis, so waren es 2016 bereits 219 Milliarden Tonnen - und jedes Jahr kommt demnach mindestens die gleiche Menge an Massenverlust hinzu.

Drei Millimeter mehr jedes Jahr

In absoluten Zahlen klingt die Erhöhung des Meeresspiegels fast harmlos: Stieg der Meeresspiegel auf der Welt 2006 infolge der Eisschmelze in der Antarktis jährlich um 0,2 Millimeter, so trägt der südliche Eiskontinent aktuell mit jährlich 0,6 Millimeter zur Erhöhung des globalen Pegels bei - doch die Verdreifachung ist für die Wissenschaftler ein Alarmzeichen. Denn das Abschmelzen des vermeintlich ewigen Eises um den Südpol ist nach Auskunft von Ingo Sasgen, einem von zwei Klimawissenschaftlern, die für das AWI an der jetzt vorgestellten Studie beteiligt waren, zu etwa 40 Prozent für die Beschleunigung von weiteren 0,08 Millimeter pro Jahr verantwortlich, mit der sich unsere Ozeane ausdehnen. Insgesamt steige der Meeresspiegel derzeit weltweit jährlich um durchschnittlich drei Millimeter, verursacht durch Schmelzvorgänge im arktischen Raum, bei Gletschern und durch die Volumenausdehnung der Meere, die durch den globalen Temperaturanstieg ausgelöst werde, so Sasgen weiter.

Antarktis verliert Milliarden Tonnen Eis

Forscher fordert Schutz für Küstenstädte

Die 24 internationalen Wissenschaftlerteams stützen ihr Klimagutachten auf 13 Satellitenmissionen, mit denen unter anderem von der ESA und der NASA seit Jahren umfangreiches Datenmaterial erhoben wurde. Erstmals ist es nun möglich, den Anteil der Antarktis am Meeresspiegelanstieg in bisher unerreichter Genauigkeit zu analysieren. "Der Kontinent trägt gegenwärtig zu einem höheren Anstieg des Meeresspiegels bei als jemals zuvor in den letzten 25 Jahren", sagt Andrew Shepherd, einer der Leitautoren der Studie von der Universität im britischen Leeds. Stellvertretend für die Forschergruppe ruft Shepherd dazu auf, sich bei "Regierungen, denen wir vertrauen" für den Schutz von Küstenstädten und -gemeinden einzusetzen.

50 große Frachtcontainer Wasser - pro Sekunde

Ingo Sasgen hält das Abschmelzen von Teilen der Antarktis für einen "sich selbstverstärkenden Prozess" - der Meeresspiegelanstieg wird sich also nicht nur fortsetzen, sondern weiter zunehmen. Die Antarktis verliere vor allem im Westen, im Bereich der Amundsensee sei ein beschleunigter Schmelzprozess zu beobachten, so Sasgen. Grund dafür seien warme Tiefenströmungen unter dem Schelfeis. Die Ursache für diesen Strömungsverlauf sei zwar weiterhin unklar. Zu vermuten sei aber, dass sich dieser Prozess wohl nicht mehr stoppen lasse. Zusätzlich zu den dramatischen Verlusten im Westen verliere die Antarktis auch an der Antarktischen Halbinsel Eismasse, gleichzeitig wachse das Eisschild im Osten im langjährigen Mittel nur noch leicht und könne den Massenverlust im Westen nicht ausgleichen. "Die Antarktis verliert 50 mit Wasser vollgefüllte 40-Fuß-Frachtcontainer - pro Sekunde", verdeutlicht Sasgen. Umgerechnet sind dies 3,35 Millionen Liter.

Präzise Daten dank moderner Satellitentechnik

Für Ingo Sasgen war die Antarktisforschung in der Vergangenheit "eine harte Nuss". "Das Gebiet ist größer als die USA, da stellte jede wissenschaftliche Expedition eine logistische Herausforderung dar." Erst mit Einführung moderner Satellitentechnik ab 1992 sei eine präzise und kontinuierliche Polarforschung im Süden möglich geworden. Die aktuelle Vergleichsstudie bilanziert die Massenverluste der Antarktis über einen Zeitraum von 25 Jahren, und das mit bislang ungekannter Präzision. Die lückenlose Zeitreihe, die bis in die frühen 90er-Jahre zurückreicht, wird derzeit vom ESA-Satelliten CryoSat-2 fortgeführt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 14.06.2018 | 08:00 Uhr

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