Stand: 20.05.2020 12:24 Uhr

ARTE-Dreh: Auf Rollschuhen im Marinemuseum

Bei einem Arte-Dreh im Deutschen Marinemuseum Wilhemshaven ist der Schauspieler Gero von Freeden in der Rolle des Admirals Reuter an einer Schreibmaschine zu sehen. © NDR Foto: Jutta Przygoda
Tippt den Befehl zur Selbstversenkung: Schauspieler Gero von Freeden als Konteradmiral Ludwig von Reuter.

Matrosen, die auf einem Kriegsschiff Rollschuh laufen. Solche Szenen hat das deutsch-französische Fernsehprogramm ARTE im Deutschen Marinemuseum in Wilhelmshaven für eine Dokumentation gedreht. Denn so ist es tatsächlich passiert. Vor fast genau 101 Jahren, als die Kaiserliche Hochseeflotte im Sommer von den Briten interniert in Schottland vor Anker lag - und sich kurze Zeit später, am 21. Juni 1919, durch einen geheimen Befehl selbst versenkte. Rollschuhlaufen und Karten spielen, das taten die Matrosen, um sich die Zeit des zermürbenden Wartens an Bord zu vertreiben.

Codewort: "Paragraph 11 bestätigen"

Rollschuhe gleiten über Stahlplatten auf dem Oberdeck - während darunter in seiner Kammer Konteradmiral Ludwig von Reuter gerade den Befehl zu Selbstversenkung der deutschen Flotte auf einer alten Schreibmaschine tippt. "Ob er das getan hat, wissen wir nicht, aber da nehmen wir uns einfach die künstlerische Freiheit", sagt Regisseur Martin Koddenberg. "Paragraph 11 bestätigen" war das Codewort, auf das hin die Schiffe sich alle selbst versenkt haben - in Scapa Flow, einer die Bucht zwischen den Orkney-Inseln. Die Selbstversenkung sollte verhindern, dass die Schiffe in die Hand der Sieger gelangten.

Museumsschiffe werden zu Filmsets

Jetzt werden einzelne Szenen in Wilhelmshaven auf den Museumsschiffen nachgedreht. Gero von Freeden spielt den Admiral. Mit zwei Fingern tippt er mühsam Zeile für Zeile. "Mit der Schreibmaschine kämpfe ich ein bisschen, aber die Rolle an sich ist natürlich wunderbar", sagt er. Regieassistentin Lina Schuller dreht währenddessen ihre Rollschuhrunden auf dem Oberdeck. Es werden Nahaufnahmen gemacht. Man sieht nur ihre Füße im Bild, denn am zweiten Drehtag soll ein Komparse kommen, ein junger Mann, der eine Matrosenuniform tragen wird.

Wie laufen Dreharbeiten in Zeiten von Corona?

Bei einem Arte-Dreh im Deutschen Marinemuseum Wilhemshaven trägt eine Person altertümliche Rollschuhe. © NDR Foto: Jutta Przygoda
Rollschuhe auf dem Oberdeck - so könnte das 1919 ausgesehen haben.

Drehen in Corona-Zeiten sei schwierig, sagt die Regieassistentin. "Wir hatten eigentlich geplant, diese Dreharbeiten schon im März zu machen, dann kamen die Ausgangssperren und wir mussten vertagen auf unbestimmte Zeit", so Schuller. "Aber wir haben es geschafft, und bald wird es einen fertigen Film geben." Innen, auf dem eng begrenzten Raum eines Kriegsschiffes, sei es auch nicht leicht, den nötigen Abstand zu halten. "Wir haben die Crew verkleinert, wir tragen alle Masken. Und wir geben unser Bestes diesen Film zu drehen, ohne uns zu sehr auf die Pelle zu rücken."

Vor 100 Jahren: Die deutsche Flotte auf den Orkneys

Auf den Orkney-Inseln, am Originalschauplatz in Schottland, hat das ARTE-Film-Team bereits vor einem Jahr gedreht, noch unbelastet von der Corona-Krise. Das Jubiläum der Selbstversenkung der deutschen Flotte vor 100 Jahren und die Feierlichkeiten dazu sind ein Teil des Films. "Was uns sehr überrascht hat, war, dass das ein wahnsinnig wichtiges Thema ist auf den Orkney-Inseln ist", erzählt Regisseur Koddenberg. Sehr viele Leute hätten an diesen Feierlichkeiten teilgenommen, es habe ein riesiges Aufgebot an Schiffen gegeben, die sich auf dem Flow versammelt haben. Das alles fließt mit in den Film ein.

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Scapa Flow: Drehen am Originalschauplatz

1918/19 waren insgesamt 74 Schiffe in Scapa Flow interniert und entwaffnet worden. An Bord gab es nur eine Notbesatzung. Lediglich ein Großkampfschiff, vier kleine Kreuzer und 14 Torpedoboote konnten damals durch das Eingreifen britischer Seeleute vor der Versenkung bewahrt werden. Sie wurden in seichtes Wasser gezogen. Die Lage an Bord war damals beeinflusst durch die Revolution von 1918. Die Matrosen hatten zu Kriegsende erfolgreich den Aufstand gegen ihre Offiziere gewagt.

Rollschuhlaufen - Revolution an Bord

Das Rollschullaufen an Bord habe es tatsächlich gegeben - aus Protest, weiß der Leiter des Deutschen Marine Museums, Stephan Huck: "Diese revolutionäre Stimmung, die sich an dem Konflikt zwischen Mannschaften und Offizieren entzündet, lebte an Bord weiter fort." Und so konnte man Admiral Reuter gut ärgern, wenn die ganze Zeit mit Rollen direkt über seinem auf Kopf herumfuhr. Mitte Juni soll die Dokumentation auf ARTE gezeigt werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 15.05.2020 | 17:00 Uhr

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