Stand: 03.03.2020 18:00 Uhr

Terror-Prozess: Polizeischutz im Gerichtssaal

von Angelika Henkel
Das Oberlandesgericht in Celle
Im sogenannten Abu-Walaa-Prozess vor dem Oberlandesgericht Celle ist ein aus der U-Haft entlassener Mitangeklagten am Dienstag unter Polizeischutz in der Verhandlung erschienen. (Themenbild)

Ahmet F. kommt nicht allein zum Prozess. Ihn begleiten Polizeibeamte in Schutzwesten auf seinen Platz im Gericht, in den zu Fäusten geballten Händen tragen sie schwarze Waffentaschen. Offenbar gibt es eine Bedrohungslage bis hinein in Saal 94 des Oberlandesgerichts Celle. Vor der Tür observieren Zivilpolizisten jeden Schritt eines Prozessbesuchers, der bei der Polizei als Gefährder eingestuft sein soll.

Ahmet F. redet und kommt vorerst frei

Vorletzte Woche hat Ahmet F. ausgepackt, über sich und auch über den Hauptangeklagten mit dem Künstlernamen Abu Walaa, den die Anklage für die schillernste Figur der deutschen Islamistenszene hält. Er soll von Hildesheim aus die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gepriesen und Männer ins Kriegsgebiet geschickt haben. Letzte Woche war Ahmet F. noch überglücklich, als er rausgelassen wurde aus der Reihe hinter Sicherheitsglas, in der nun noch Ahmad A. alias Abu Walaa und drei weitere Angeklagte sitzen. Heute aber deutet der Polizeischutz darauf hin, dass die gewonnene Freiheit ihre Schattenseite hat.

Will Mahmoud O. aus der Islamisten-Szene aussteigen?

Und doch: er darf "draußen" leben. Beeindruckt davon und von den Jahren im Gefängnis macht auch der zweite Hildesheimer Angeklagte Mahmoud O. eine Aussage. Auch er könne nicht mehr, wolle aus der Szene aussteigen, arbeiten gehen. Er sei kein radikaler Islamist mehr, die Haft habe ihn verändert. In Hildesheim sei er auf die schiefe Bahn geraten, habe Drogen konsumiert, der Glaube habe ihn aus dieser Misere herausgeführt. Er gesteht einen Teil der Vorwürfe, etwa den, Betrügereien beabsichtigt zu haben. Doch dass er die rechte Hand des Hauptangeklagten sein soll, das stimme nicht. Dann bittet er um Haftentlassung. Das alles sagt Mahmoud O. nicht selbst, sondern lässt es über seinen Verteidiger verlesen.

Kritische Fragen werden nicht beantwortet

Doch seine Einlassung hat einen Haken: Er gesteht das, was ihm sowieso zweifelsfrei nachgewiesen werden kann. Der Vertreter der Bundesanwaltschaft sieht daher auch keine Chance auf Lockerungen. Anders als Ahmet F. habe er nicht frei geredet, kritische Fragen wollte er nicht beantworten. Auf viele Punkte geht Mahmoud O. zudem nicht ein. Etwa auf die Berichte eines polizeilichen Informanten, wonach er "einen großen Wumms" mit automatischen Waffen geplant habe, einen Anschlag wie in Paris. Diese Aussage hatte im Herbst 2015 bei der niedersächsischen Polizei für Alarm gesorgt. Das Landeskriminalamt ermittelte umfangreich - aber letztlich ohne Ergebnis. Ob auch Mahmoud O. aus der U-Haft entlassen wird, muss nun der Senat entscheiden. Wie Ahmet F. gilt er als kleines Licht des mutmaßlichen Netzwerkes, das in Celle vor Gericht steht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 04.03.2020 | 07:00 Uhr

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