Stadtflucht: Corona beschleunigt neuen Trend zur Landliebe

Stand: 02.02.2021 06:30 Uhr

Grundstücke abseits der größeren Städte in Niedersachsen werden immer begehrter. Experten des Pestel-Instituts stellen fest, dass durch das Homeoffice viele Beschäftigte aufs Land ziehen.

von Wilhelm Purk & Holger Bock & David Römhild

Jahrzehntelang hat das Thema Landflucht die Schlagzeilen dominiert. In jüngster Zeit hat vor allem der demografische Wandel die Krise des ländlichen Raumes noch verschärft. Mit Ausnahme der Gemeinden in den Speckgürteln von Hannover, Hamburg oder anderer Großstädte. Weil Wohnraum in den Metropolen immer teurer wurde, wichen vor allem junge Familien in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend auf Umlandgemeinden aus. Lange Wege hin zum Job nahmen sie dafür in Kauf. Und dann kam Corona und hat die Menschen gelehrt, dass sie zum Beispiel nicht mehr fünf Tage in der Woche in die Großstadt pendeln müssen. Der Radius um die Metropolen hat sich deutlich vergrößert. Von Landflucht kann in diesen Gebieten keine Rede mehr sein.

Deutlich geringere Preise auf dem Land

Nicole Hasenjäger und ihr Freund Pierre Klose beispielsweise haben ihr Traumgrundstück in Salzhemmendorf (Landkreis Hameln-Pyrmont) gefunden. "Wir wollten im Raum Hannover bleiben, haben uns dann lange informiert über die neuen Grundstücke, die in Sarstedt erschlossen worden sind", berichten sie im Gespräch mit dem NDR in Niedersachsen. "Beim Preis sind wir jedoch fast nach hinten umgekippt, denn pro Quadratmeter sind da bis 290 Euro angenommen worden, was für uns nicht zu verwirklichen war." Eine halbe Auto-Stunde weiter südlich in Salzhemmendorf haben sie schließlich ein Baugrundstück für ein Viertel des Preises gefunden.

VIDEO: Corona-Krise: Homeoffice-Verordnung tritt in Kraft (3 Min)

Schnelles Internet als wichtiger Faktor

Ganz wichtig war für das Paar eine gute Internetverbindung. "Gerade durch die Corona-Zeit hat man natürlich gemerkt, dass Homeoffice immer ein größer werdendes Thema ist", sagt Klose. "Da ist es von Vorteil, wenn man zu Hause ein gutes Internet hat, um auch schnell und einfach von dort arbeiten zu können." Wie dynamisch die Entwicklung in Salzhemmendorf ist, zeige sich auch im benachbarten Baugebiet, das gerade ausgewiesen worden sei, so Klose. Innerhalb von anderthalb Wochen seien alle Baugrundstücke reserviert gewesen.

Die Digitalisierung öffnet neue Möglichkeiten

Eine gute digitale Infrastruktur vergrößert den Pendlerradius. Das gilt nicht nur für Menschen, die die Großstädte verlassen. Das gilt auch für die, die es nicht mehr in die Großstädte zieht, um dem Arbeitsplatz möglichst nahe zu sein. Andreas Dörries und seine Freundin Johanna Sievert kommen aus dem Weserbergland. Weil Dörries in Braunschweig arbeitet, stand das Paar vor der Frage, ob es nicht besser wäre, dorthin umzuziehen. Sie haben sich aber bewusst dagegen entschieden - und in Coppenbrügge (Landkreis Hameln-Pyrmont) ein Haus gekauft. Dabei hat auch für sie die gute Internetanbindung eine große Rolle gespielt.

Pendler arbeiten in der Bahn

Andreas Dörries pendelt jetzt mit der Bahn nach Braunschweig. Die reine Fahrzeit hin und zurück beträgt zwei Stunden und 20 Minuten. Für ihn aber kein Problem: "Vor der Fahrt mit der Bahn kann ich in der App schon schauen, ob mein Zug pünktlich kommt. Ich habe also keine Wartezeiten am Bahnhof mehr", sagt er. "Und durch mobile Endgeräte kann ich während der Fahrt die Zeit auch effektiv nutzen und schon arbeiten. Das macht die Fahrt als solches auch angenehmer."

Nachfrage nach Bauplätzen nimmt stark zu

Corona hat die neue Lust aufs Land beschleunigt. Der Trend hat sich aber schon vorher abgezeichnet. Der Flecken Coppenbrügge hat zwölf Ortsteile. "Wir saßen hier jahrelang auf unseren voll erschlossenen Baugebieten", sagt Bürgermeister Hans-Ulrich Peschka (CDU). Vor etwa drei Jahren habe sich das Blatt gewendet. Die Nachfrage nach Bauplätzen sei immer größer geworden. Dieser Trend habe sich durch die Pandemie noch einmal deutlich verstärkt, weil nun auch die Arbeitsgeber zunehmend auf das Homeoffice setzen. Inzwischen meldeten sich die Familien in den Rathäusern mit der Forderung, die Gemeinden sollten doch endlich mehr Bauplätze ausweisen. "Wir fragen gezielt die Bauwilligen nach ihren Beweggründen", berichtet Peschka. "Die sagen dann, wir können uns das in der Stadt nicht mehr leisten und wollen aufs Land. Außerdem wollen wir bewusst auch Kontakte haben zu anderen Familien. Wir wollen nicht mehr so anonym in der Großstadt leben."

Kommunen freuen sich über Entwicklung

Ähnlich ist die Situation in Salzhemmendorf. Wie Sauerbier hätten sie jahrelang ihre Baugrundstücke angeboten, sagt Bürgermeister Clemens Pommerening (parteilos). Seit ein paar Jahren aber ziehe die Nachfrage an - und besonders stark im vergangenen Jahr. "Gerade jetzt in Corona-Zeiten hat es einen richtigen Run gegeben", berichtet er. "Die Baugebiete, die wir vorgehalten haben, sind im letzten Jahr förmlich ausverkauft worden. Eine ganz tolle Entwicklung hier für uns."

Auch Altimmobilien gefragt

Auch bei älteren Häusern in den Gemeindezentren tut sich zurzeit sehr viel. In Salzhemmendorf hätten im vergangenen Jahr 100 Häuser im Ortszentrum den Besitzer gewechselt, sagt Pommerening. In Coppenbrügge verkaufe der Flecken zurzeit viele seiner eigenen Altimmobilien, so Bürgermeister Peschka. Die gingen weg wie warme Semmeln - trotz der inzwischen gestiegenen Preise. Innerhalb von ein paar Jahren hätten sich diese verdoppelt. Eine gute Internetverbindung spiele dabei eine wichtige Rolle, betont Peschka. In Coppenbrügge werde zurzeit sehr viel in das Breitbandnetz investiert. In vielen Ortsteilen seien inzwischen Datenraten von bis zu einem Gigabyte möglich.

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Dörfer profitieren vom Homeoffice

Matthias Günther vom Eduard-Pestel-Institut kann das nur bestätigen. Der Wissenschaftler blickt mit Optimismus auf das Homeoffice. Viele Beschäftigte würden auch später, in der Nach-Corona-Zeit weiter von zu Hause aus arbeiten können, meint Günther. Das Bauland auf dem Land werde immer attraktiver, auch weit entfernt von größeren Städten mit ihren vielen Büros und Verwaltungen. "Wer nur noch zweimal in der Woche ins Büro muss, der hat natürlich einen deutlich größeren Radius bei seiner Wohnstandortsuche", sagt der Experte. Dadurch entstehe nach der Überwindung der Pandemie eine Situation, in der sich die Wohnungsmärkte möglicherweise deutlich stärker entzerren, als das in den letzten Jahren der Fall war." Pendelzeiten von einer Stunde und mehr würden Arbeitnehmer in Kauf nehmen, wenn sie dafür günstigen Wohnraum im Grünen bekommen. Von diesem Trend könnten insbesondere die Dörfer profitieren, aus denen viele Jüngere bislang für einen Job in der Stadt wegziehen mussten.

Schnelles, stabiles Internet wird immer wichtiger

Wo bisher der Halbstundentakt der Bahn oder eine gute Straßenverbindung nach Hannover, Lüneburg, Oldenburg, Braunschweig oder Osnabrück wichtig waren, wird zunehmend ein schnelles und stabiles Internet zum Standortfaktor. Der Breitbandausbau könnte nicht nur Unternehmen und Selbstständigen das Land schmackhaft machen, sondern auch Beschäftigte mit ihren Familien wieder zurück in die Dörfer locken, so Günther. Auf dem Land würden allerdings nur die Kommunen profitieren, die auch über eine gute digitale Infrastruktur verfügen, so der Wissenschaftler. "Orte, die das eben nicht zu bieten haben, kommen im Grunde genommen als Wohnstandort nicht infrage, denn was habe ich von den neuen Freiheiten, wenn ich sie an meinem neuen Wohnstandort nicht nutzen kann."

Bald wieder bezahlbarer Wohnraum in der Stadt?

Eine weitere Hoffnung der Wissenschaftler vom Pestel-Institut ist, dass sich durch die beschriebene Entwicklung die Wohnungsmärkte in den Städten deutlich entspannen. Das heißt: Die Wohnraumpreise könnten in den Städten letztlich wieder fallen, weil die Nachfrage durch die Abwanderung aufs Land zurückgeht. Bezahlbarer Wohnraum in der Stadt könnte also wieder vermehrt angeboten werden, vermutet Günther.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Hellwach | 02.02.2021 | 06:40 Uhr

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