Dreckige Schweine in einem Stall- © Deutsches Tierschutzbüro e.V./Deutsches Tierschutzbüro e.V./obs Foto: obs

Schweine gequält? Mäster aus Hameln-Pyrmont im Verdacht

Stand: 22.09.2022 20:53 Uhr

Der Verein Deutsches Tierschutzbüro hat mehrere Zulieferer des Schlachtunternehmens Westfleisch wegen Tierquälerei angezeigt - darunter ist auch ein Schweinemäster aus dem Landkreis Hameln-Pyrmont.

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat gegen den Mäster Ermittlungen wegen möglicher Verstöße gegen das Tierschutzgesetz aufgenommen. Das bestätigte die Behörde als landesweite Zentralstelle für Landwirtschaftsstrafsachen am Mittwoch. Das Tierschutzbüro wirft dem Mäster und sechs weiteren Westfleisch-Zulieferern vor, Schweine nicht artgerecht gehalten und behandelt zu haben. In der Anlage in Hessisch-Oldendorf seien schwerkranke Schweine nicht medizinisch versorgt und dem Tod überlassen worden. Videoaufnahmen aus dem Mastbetrieb zeigten unter anderem Tiere mit blutigen Ringelschwänzen, schweren Wunden und faustgroßen Schwellungen.

Betroffene Betriebe wurden als Vorzeige-Ställe beworben

"Es ist regelrecht ein Horrorstall, die Tiere leiden massiv und der Betreiber kümmert sich einfach nicht um die Tiere", sagte der Vorsitzende des Deutschen Tierschutzbüros, Jan Peifer. Dabei nehme der Betrieb an der "Initiative Tierwohl" teil und habe in den vergangenen Jahren rund 200.000 Euro EU-Subventionen für Umwelt- und Tierschutzverbesserungen erhalten. Beim Transport zum Schlachthof, so ein weiterer Vorwurf des Vereins, würden die Schweine mit Elektroschockern "regelrecht misshandelt". Die sieben Betriebe seien auf der Westfleisch-Webseite als positive Beispiele herausgestellt worden, sagte Peifer. "Wir könnten wahllos in 30 weitere Betriebe reinmarschieren und würden wahrscheinlich ähnliche Zustände vorfinden."

Deutscher Tierschutzbund: Qual gehört zum System

"Die Bilder zeigen extreme Situationen, aber dennoch sind diese Tierschutzverstöße systemimmanent", sagte der Präsident des Deutschen Tierschutzbunds, Thomas Schröder. "Auch der gutwilligste Landwirt kann an diesen tierschutzwidrigen, jedoch per Gesetz zulässigen Gegebenheiten einer Warmstallhaltung nichts nachhaltig verbessern." Die Politik müsse für bessere Rahmenbedingungen sorgen. "Anstatt systembedingte Tierqual in Warmställen zu verbieten, toleriert der Gesetzgeber weiterhin, dass Schweine in reiner Stallhaltung auf Spaltenböden einem sehr hohen Risiko ausgesetzt sind, krank zu werden, sich zu verletzen und Verhaltensstörungen zu entwickeln."

Landwirt: "Wir haben aus meiner Sicht alles getan, was ging"

Die Aufnahmen seien "schockierend", zitierte das ZDF-Magazin "Frontal" einen der kritisierten Landwirte. "Wir haben aus meiner Sicht alles getan, was ging." Ferkel hätten sich plötzlich massiv in die Schwänze gebissen, eine Infektion habe rasant um sich gegriffen. Man habe das Futter analysiert, Obduktionen vorgenommen, Schadstoffmessungen durchgeführt, das Problem aber auch zusammen mit dem Tierarzt lange nicht in den Griff bekommen.

Westfleisch behält sich "Kündigung der Lieferverträge vor"

Der Großschlachter Westfleisch reagierte am Mittwoch auf Nachfrage auf die Vorwürfe gegen seine Zulieferer. Das Unternehmen nehme diese sehr ernst und gehe ihnen "mit aller Entschiedenheit" nach, hieß es aus Münster. Bis zur Klärung aller Vorwürfe behalte sich Westfleisch "sanktionierende Maßnahmen bis hin zur Kündigung der Lieferverträge vor". Nun stünden vor allem drei Schritte im Fokus: Kontrollen bei jedem betroffenen Betrieb, Besichtigungen sowie Dokumentation des Status quo aller Lieferbetriebe. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben mehr als 3.000 Vertragspartner.

Ministerium in NRW kannte die Zustände

Aus dem Landwirtschaftsministerium in Nordrhein-Westfalen hieß es, bereits im Frühsommer seien bei den betroffenen Kreisen anonyme Hinweise auf tierschutzrechtliche Verstöße eingegangen. Es habe danach unangekündigte Kontrollen gegeben. "Dabei haben sich die angezeigten Verstöße in vier von sechs Fällen bestätigt", berichtete ein Sprecher. Es handele sich überwiegend um Verstöße beim Umgang mit kranken oder verletzten Tieren - etwa nicht erfolgte tierärztliche Behandlungen oder Nottötungen oder auch eine unterbliebene Separierung dieser Tiere.

Ministerin: Kranke und verletzte Tiere bedürfen einer besonderen Zuwendung

Die zuständigen Behörden sorgten laut Ministerium dafür, dass die Zustände beseitigt wurden. Es seien auch Bußgeldverfahren eingeleitet worden. Zusätzlich würden nun die Videoaufnahmen der Tierschützer ausgewertet und analysiert. Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU) unterstrich: "Kranke und verletzte Tiere bedürfen einer besonderen Zuwendung." Jan Peifer hat wenig Hoffnung für die Mastschweine: "Seit Jahren gibt es tolle Versprechungen. Das Land zeigt auf den Bund, der Bund auf die EU. Es wurden AGs gegründet und Kontrollverschärfungen angekündigt, aber verbessert hat sich nichts."

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 22.09.2022 | 19:30 Uhr

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