Zahlreiche Teilnehmer einer Demonstration der Initiative "Querdenken" gegen die Corona-Maßnahmen stehen auf dem Opernplatz. © dpa-Bildfunk Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

"Querdenken"-Demo: Vergleich mit Sophie Scholl empört viele

Stand: 22.11.2020 17:34 Uhr

Am Sonnabend hat sich eine junge Rednerin bei der "Querdenken"-Demo in Hannover mit NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl verglichen. Das sorgt nicht nur im Netz für scharfe Kritik.

In dem Video, das ihren Auftritt auf dem Opernplatz zeigt und bei Twitter bis Sonntagnachmittag mehr als 1,3 Millionen Mal angeschaut wurde, erklärt die Frau, sie fühle sich "wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde." Das Video wurde massenhaft unter dem Hashtag #janaauskassel geteilt und kommentiert.

Modder: "Demokratische Kräfte müssen rote Linien ziehen"

Johanne Modder (SPD) im Interview. © NDR
Scharfe Kritik kommt von SPD-Fraktionschefin Modder. (Archiv)

Johanne Modder, Vorsitzende der SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag, zeigte sich darüber am Sonntag empört: "Wenn die Geschwister Scholl oder auch Anne Frank für die Neonazi-Rhetorik einiger Teilnehmer herhalten müssen, ist dies grauenvoll", sagte sie. Die vermehrten Holocaust-Vergleiche von Corona-Leugnern dürften nicht unwidersprochen hingenommen werden. Die demokratischen Kräfte müssten "rote Linien ziehen und im Kern zusammenhalten".

"Nichts verbindet Corona-Proteste mit Widerstandskämpferinnen"

Scharfe Kritik an den Aussagen der 22 Jahre alten Rednerin kommt auch vom Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD). Wer sich heute mit Sophie Scholl vergleiche, "verhöhnt den Mut, den es braucht, Haltung gegen Nazis zu zeigen". Das verharmlose den Holocaust und zeige eine unerträgliche Geschichtsvergessenheit. "Nichts verbindet Corona-Proteste mit Widerstandskämpfer*innen", betonte Maas.

Kritik füllt Kommentarspalten

Der Vergleich mit der von den Nazis hingerichteten Münchner Widerstandskämpferin schlug besonders in den Sozialen Medien hohe Wellen: Hunderte Nutzer bei Twitter und Instagram zeigten sich ebenfalls erschüttert und empört und sprachen von Geschichtsvergessenheit oder nicht zu überbietender Naivität. Parallelen zu Sophie Scholl zu ziehen, sei verantwortungslos, die Gleichsetzung mit dem Mitglied der studentischen Widerstandsgruppe "Weiße Rose" zur NS-Zeit sei beschämend.

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Rednerin bricht Beitrag ab

Die Rednerin brach ihren Rede-Beitrag nach wenigen Sätzen ab, nachdem ein junger Mann ihr seine Ordner-Weste auf die Bühne reichte und sagte: "Für so einen Schwachsinn mache ich keinen Ordner mehr." Ob es sich tatsächlich um einen von den Veranstaltern eingesetzten Ordner handelte, sorgt im Netz für Diskussionen. Laut einem Bericht der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" (HAZ) soll der Mann der linken Szene in Hannover angehören und seine Aktion inszeniert und eine gezielte Provokation gewesen sein.

Nach seiner Aktion jedenfalls dreht sich die Rednerin um, beginnt zu weinen und wirft ihr Mikrofon weg. Polizisten erscheinen und geleiten den Mann von der Bühne weg. In einem später geposteten, zweiten Ausschnitt ist die Frau erneut zu sehen. Sie gibt sich "schockiert, dass ich von einem Passanten, oder was auch immer, beleidigt wurde".

650 Menschen protestierten

Zur Demonstration der "Initiative Querdenken" hatten sich der Polizei zufolge rund 650 Menschen versammelt. Es kam lediglich zu kleineren Zwischenfällen. Eine Person schaffte es zum Beispiel, die Polizeikette zu überwinden und in Richtung der "Querdenken"-Demo vorzudringen.

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Hallo Niedersachsen | 22.11.2020 | 19:30 Uhr

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