Stand: 11.07.2018 11:48 Uhr

NSU-Prozess: Drei Jahre Haft für Holger G.

Holger G., der niedersächsische Mitangeklagte im Prozess um die Morde durch den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU), ist zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Das Oberlandesgericht München sprach den 44-Jährigen am Mittwoch der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung schuldig. Holger G. hatte zugegeben, dem NSU-Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos einmal eine Waffe übergeben und den Untergetauchten mit falschen Papieren geholfen zu haben. Die Bundesanwaltschaft hatte fünf Jahre Haft gefordert, seine Verteidiger hatten für eine Strafe von unter zwei Jahren plädiert. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Ihr Verteidiger kündigte bereits Revision an.

Im November 2011 war Holger G. in Lauenau bei Hannover festgenommen worden. Er kam nach seiner Verhaftung Ende Mai 2012 wieder frei. Was wurde dem Mann vorgeworfen? War er noch in die Neonazi-Szene verstrickt? Die wichtigsten Antworten zum Fall von NDR Redakteurin Angelika Henkel.

 

Weitere Informationen

NSU-Urteil: Lebenslange Haft für Beate Zschäpe

Im NSU-Prozess hat das Oberlandesgericht München die Hauptangeklagte Beate Zschäpe zu lebenslanger Haft verurteilt - Holger G. aus Niedersachsen muss für drei Jahre ins Gefängnis. mehr

Was wurde Holger G. vorgeworfen?

Holger G. soll Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos maßgeblich bei ihrem Leben im Untergrund geholfen haben. Sie kannten sich aus Jugendtagen in Sachsen. Holger G. zog 1997 nach Niedersachsen, hielt aber weiter engen Kontakt, fuhr mit dem Trio mehrmals in Urlaub. Er war angeklagt, weil er dem NSU über Jahre falsche Papiere besorgt haben soll. Das hat er auch eingeräumt. Allerdings sagte er, dass er nicht gewusst habe, dass aus seinen Freunden Terroristen geworden seien. 2008 war das Trio mal wieder zu Besuch bei Holger G.. Zu dem Zeitpunkt hatten Böhnhardt und Mundlos schon zehn Menschen ermordet. "Dass die drei Straftaten begehen würden, habe ich nie im Leben geglaubt", hat er im Gericht in einer Erklärung verlesen. Die Bundesanwaltschaft forderte fünf Jahre Haft für ihn, seine Anwälte hatten eine Strafe unter zwei Jahren vorgeschlagen mit dem Hinweis, er "wolle für seine Tat geradestehen". Holger G. ist bislang auf freiem Fuß.

Videos
04:10
Hallo Niedersachsen

Welche Rolle spielte Holger G.?

06.05.2013 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Holger G. ist Beschuldigter und Belastungszeuge zugleich. Er hat dem NSU zu Papieren und Pistole verholfen, will aber von den Anschlägen seiner Freunde nichts geahnt haben. Video (04:10 min)

Wie relevant waren seine Aussagen gegen das NSU-Trio?

Holger G. galt als Belastungszeuge. Er hat vor Gericht eine Erklärung vorgelesen, war allerdings nicht bereit, Fragen zu beantworten. Er hat sehr deutlich geschildert, dass er Beate Zschäpe als gleichrangiges Mitglied des Trios erlebt hat: Sie habe immer alles gezahlt, das habe er selbst mehrmals erlebt. Wörtlich sagte er vor Gericht: Sie sei "durchsetzungsstark", und "kein Typ, der sich unterordnen würde". Alle Entscheidungen seien aus seiner Sicht in ihrem Beisein getroffen worden. Bei den Opfern des NSU hat sich Holger G. vor Gericht entschuldigt.

Ist Holger G. noch in die Szene verstrickt?

Das ist schwierig zu beantworten. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes war er 1999 auf der Hochzeit von Neonazi-Kader Thorsten Heise. Als der eine Haftstrafe verbüßte, hat Holger G. ihm auch Briefe geschrieben. Holger G. selbst sagt, er habe sich 2004 von der Szene losgesagt. Allerdings hatte er sehr wohl auch noch später Kontakte - zum Beispiel zu der inzwischen verbotenen Neonazivereinigung "Besseres Hannover". Als er festgenommen wurde, hatte er in seinem Facebook-Account diverse "Freunde" aus der Szene, von denen der Verfassungsschutz aber sagt, dass die meisten damals bereits längere Zeit keine rechtsextremen Aktivitäten entfaltet hätten. Die Behörde jedenfalls hat keine Erkenntnisse, dass G. in den letzten Jahren in der niedersächsischen Neonazi-Szene engagiert war.
Vor Gericht tauchte ein Foto auf, auf dem er mit großer Wahrscheinlichkeit im Jahr 2006 mit dem NSU-Trio im Urlaub gewesen sein soll - das hatte er zuvor verschwiegen. Außerdem war er nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes 2011 bei einem rechtsextremen Konzert in Sachsen-Anhalt. Seine Anwälte erklären das so: Er habe sich von der Szene politisch losgesagt, dennoch hätten Freundschaften weiter existiert.

Gab es niedersächsische Opfer und gibt es möglicherweise weitere NSU-Strukturen?

Das Landeskriminalamt hat mögliche ältere Taten nach eigenen Angaben geprüft, aber keine Verbindungen zum NSU herstellen können. Im abgebrannten Wohnhaus des NSU in Jena wurden Kartenausschnitte und Listen über Institutionen, Verbände und Einzelpersonen aus dem gesamten Bundesgebiet gefunden. Darunter befanden sich 584 Datensätze aus Niedersachsen, darunter elf Landtagspolitiker und auch Moscheen. Ein Sprecher des Landeskriminalamtes sagte dem NDR, es gäbe keine Erkenntnisse, dass Personen tatsächlich gefährdet sind oder waren. In einer Antwort des Innenministeriums auf eine Anfrage der Grünen hieß es 2012, es habe bei den Sicherheitsbehörden Untersuchungen gegeben - doch die Berichte sind als geheim deklariert und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Das Gerichtsverfahren jedenfalls hat keine relevanten niedersächsischen NSU-Strukturen hinter Holger G. offenbart.

Weitere Informationen
Link

NSU-Prozess: Ende eines Mammutverfahrens

Nach 437 Verhandlungstagen wird am Mittwoch das Urteil im NSU-Prozess erwartet. Hintergründe und Analysen bei tageschau.de. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 11.07.2018 | 12:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

01:40
Hallo Niedersachsen

AfD schaltet umstrittenes Meldeportal frei

17.12.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
04:23
Hallo Niedersachsen

AfD-Meldeportal: Was darf ein Lehrer sagen?

17.12.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
02:57
Hallo Niedersachsen

Ocko: Archäologen im Wettlauf gegen die Zeit

17.12.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen