Stand: 27.01.2020 18:50 Uhr  - Hallo Niedersachsen

Jurist analysiert: Max und Moritz sind kriminell

Eine Jugendstrafe von drei Jahren für Max und Moritz hielte Jurist Jörg Michael Günther für angemessen. (Archivbild)

"Gott sei Dank! Nun ist's vorbei - mit der Übeltäterei!" So endet die 1865 erschienene Geschichte des in Wiedensahl (Landkreis Schaumburg) geborenen Niedersachsen Wilhelm Busch über die beiden Lausbuben Max und Moritz. Generationen von Eltern gaben und geben ihren Kindern die gereimten Streiche zum Lesen. Dabei besteht der Klassiker bei genauerer Betrachtung von der ersten bis zur letzten Seite nur aus Vergehen und Verbrechen. Beschrieben werden Fälle von Hausfriedensbruch über Tierquälereien und Körperverletzungen bis hin zum versuchten Tötungsdelikt. Auch der Jurist Jörg-Michael Günther hatte seinen beiden Töchtern die Geschichten vorgelesen, bevor er sich den Fall vorknöpfte. Er untersuchte die Übeltaten unter aktuellen strafrechtlichen Bedingungen und veröffentlichte ein juristisches Gutachten in Buchform. Ergebnis: Bei Max und Moritz liegt ein Fall schwerer Jugendkriminalität vor.

"Max und Moritz": Eine juristische Betrachtung

Hallo Niedersachsen -

Jörg-Michael Günther hat im Wilhelm-Busch-Museum in Wiedensahl aus seinem Buch "Der Fall Max und Moritz" vorgelesen. Darin betrachtet er die beiden humorvoll als jugendliche Intensivtäter.

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Herr Günther, war der erste Streich bei der Witwe Bolte bereits ein straffälliger?

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Jurist Jörg Michael Günther hat sein juristisches Gutachten über Max und Moritz als Buch veröffentlicht.

Jörg-Michael Günther: Mit ihrer Brot-Falle, durch die die Hühner und der Hahn von Witwe Bolte zu Tode kamen, haben Max und Moritz eine Sachbeschädigung und strafbare Tierquälerei begangen. Der Hausfriedensbruch nach § 123 Strafgesetzbuch, den sie durch das Betreten des Hofes von Witwe Bolte zu kriminellen Zwecken verwirklicht haben, fällt da schon gar nicht mehr ins Gewicht.

Der Streich, bei dem Schneider Böck unfreiwillig in den Bach stürzt - ist das schon ein strafbares Attentat?

Günther: Mit dem Locken des Schneiders auf die Brücke ("Du Ziegen-Böck") haben Max und Moritz eine strafbare Beleidigung, mit dem Ansägen der Brücke eine gemeinschaftliche Sachbeschädigung begangen. Viel schlimmer - und man kann es durchaus als "Attentat" auf Schneider Böck bezeichnen - ist der Umstand, dass sie ihn mit dem Sturz in den reißenden Bach in echte Lebensgefahr gebracht haben. Sie haben damit eine gefährliche Körperverletzung verwirklicht. (§§ 223 Abs. 1, 224 Abs. 1 Nr. 5 Strafgesetzbuch)

Welches ist strafrechtlich der schlimmste Streich von Max und Moritz?

Günther: Hier gibt es keinen Zweifel: Der Sprengstoffanschlag auf Lehrer Lämpel zeigt die hochkriminelle Natur der beiden jugendlichen Intensivtäter. In der nüchternen Sprache des Rechts haben wir es bei diesem schlimmsten "Streich" mit versuchtem Mord, versuchter besonders schwerer Brandstiftung, gefährlicher Körperverletzung, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion, Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz, Sachbeschädigung der Meerschaumpfeife und Hausfriedensbruch zu tun.

Wie viele Vergehen konnten Sie denn insgesamt feststellen?

Günther: Wenn man allein die Straftäter Max und Moritz betrachtet, kommt man auf mehr als 20 Straftaten quer durch unser Strafgesetzbuch. Die Erwachsenen in der "Lausbubengeschichte" begehen mengenmäßig nicht so viel Unrecht, dafür sind sie aber besonders hochkriminelle Täter, die bei ihrer Selbstjustiz in der Mühle ("Rickeracke! Rickeracke! Geht die Mühle mit Geknacke") vor Mord und Totschlag nicht zurückschrecken.

Sie haben sich in Ihrer Betrachtung am aktuellen Strafgesetzbuch (StGB) orientiert. Mit welcher Strafe müssten Max und Moritz heute rechnen?

Günther: Max und Moritz sind als Jugendliche nach dem Jugendgerichtsgesetz zu behandeln und hatten sicher eine schwere Kindheit. Man darf eine gewisse Verwahrlosung und wenig elterliche Unterstützung vermuten. Da sie aber Kapitalverbrechen begangen haben, ist eine fühlbare Jugendstrafe unausweichlich. In meinem Buch zu dem Fall halte ich eine Jugendstrafe von drei Jahren für angemessen, wenn man ihnen die Chance für ein rechtsstaatliches Gerichtsverfahren gegeben hätte. Ob Max und Moritz im Jugendstrafvollzug zu einem rechtstreuen Leben hätten erzogen werden können, ist aber wegen der Verfestigung ihrer kriminellen Neigungen fraglich. Sie hätten aber eine solche Chance verdient gehabt. Das Jugendstrafrecht ist vom Erziehungsgedanken geprägt.

Welche Straftaten begehen denn die Erwachsenen in dieser Geschichte - vor allem der Müller, in dessen Mühle Max und Moritz zu Schrot gemahlen werden?

Günther: Meister Müller und Bauer Mecke haben in der Tat schwere Verbrechen in der Mühle begangen. Sie waren nicht zu einer solchen Art der Notwehr berechtigt. Sie haben aus niedrigen Beweggründen grausam den Leben von Max und Moritz ein Ende gesetzt. Hier lag ein Doppelmord vor.

Was sagt ein Anwalt zur Verteidigung von Max und Moritz?

Günther: Ein Strafverteidiger würde sicher herausstellen, dass die beiden jugendlichen Straftäter durch ihre schwere Kindheit sehr schlechte Start-Chancen in der dörflichen Gemeinschaft hatten. Offenbar war niemand vor Ort, der sich um die beiden gekümmert hat, sodass ihre Moral verkümmerte. Daher wäre es wichtig, den beiden eine zweite Chance zu geben und in einer nicht zu langen Jugendhaft erzieherisch auf sie einzuwirken.

Ist die Geschichte von Max und Moritz eine gewaltverherrlichende Schrift, die man verbieten müsste?

Günther: Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Immerhin könnte zum Beispiel die Ermordung von Max und Moritz in der Mühle dramaturgischer Höhepunkt eines Horror-Videos sein. Vor rund 90 Jahren durfte das Werk auf Betreiben der zuständigen Schulbehörde in manchen Gegenden nicht in den Schaufenstern der Buchhandlungen ausgestellt werden. Wegen der Kunstfreiheit ist aber heutzutage die Geschichte keine gewaltverherrlichende Schrift im Sinne des § 131 Strafgesetzbuch. Das Buch von Wilhelm Busch braucht - zum Glück - nicht unter dem Ladentisch verkauft werden.

Schlussfrage: Ist Ihr juristisches Gutachten - der Fall Max und Moritz - eine Parodie oder ein seriöser Streich?

Günther: Dies mögen die Leserinnen und Leser beurteilen. Das Werk steht jedenfalls in der Bibliothek des Bundesgerichtshofs und des Bundesverfassungsgerichts. Hinweisen möchte ich zum Schluss aber auf ein Zitat von Lord Mildew im Fall “The Dukeries”: “Der Mensch mag über das Recht lachen, aber das Recht lacht zuletzt!” Dem ist nichts hinzuzufügen.

Das Interview führte Hallo Niedersachsen Autor Frank Baebenroth.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 27.01.2020 | 19:30 Uhr

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