Impfneid-Debatte: "Geht nicht immer nur um Rationalität"

Stand: 28.04.2021 19:36 Uhr

Wer darf geimpft werden, wer muss warten? Wie gehen Menschen mit dem Gefühl einer Benachteiligung um? NDR.de hat über das Thema Impfneid mit Alexander Merkl gesprochen.

Alexander Merkl, Juniorprofessor an der Stiftung Universität Hildesheim. © Stiftung Universität Hildesheim
Gibt es wirklich Impfneid? Alexander Merkl, Juniorprofessor für Theologische Ethik an der Universität Hildesheim.

Der 1987 geborene Merkl ist Juniorprofessor für Theologische Ethik an der Universität Hildesheim und berichtet von der Debatte, die derzeit an Fahrt aufnimmt. Was macht sie mit uns Menschen in der Corona-Pandemie? Wohin führt sie - und was nützt sie?

Herr Merkl, viele warten auf ihre Corona-Impfung, während andere schon an der Reihe waren. Was macht das mit den Menschen?

Alexander Merkl: Die Menschen werden damit ganz unterschiedlich umgehen. Manchen ist es egal. Viele üben sich in Geduld und erkennen an, dass Verteilungsgerechtigkeit, die ethisch gebotene Impfpriorisierung vulnerabler Gruppierungen nach dem Grad der jeweiligen Gefährdung und das daraus resultierende Warten unweigerlich zusammenhängen. Es wird als Ausdruck von Solidarität gedeutet, noch dazu wo die Aufhebung der Impfpriorisierung absehbar ist. Natürlich aber, und auch dies ist bis zu einem gewissen Maß nachvollziehbar, wünschen sich Menschen Schutz vor Krankheit und die Rückkehr zum normalen Alltag, die Wiedererlangungen eingeschränkter Freiheiten. Das kann Ungeduld, Unverständnis, ja vielleicht auch Neid befördern, je später man an der Reihe ist. Der Blick in andere Länder mag aber zudem nochmals dafür sensibilisieren, dass vielerorts im globalen Vergleich noch deutlich länger auf eine Impfung gewartet werden muss als hierzulande.

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Inwiefern verstärkt denn die Diskussion um Freiheiten für bereits Geimpfte dieses Neid-Gefühl?

Alexander Merkl: Im Hintergrund steht sicherlich die Sorge, doppelt benachteiligt und ungerecht behandelt zu werden: Zum einen, weil man im Zuge der bisherigen Corona-Maßnahmen bereits erhebliche Einschränkungen verkraften musste; zum anderen, weil man weiterhin auf jene Freiheiten verzichten muss, die anderen jedoch schon wieder zufallen könnten. Sozusagen die Sorge, dass man selbst, während andere schon wieder im Biergarten sitzen und die Sonne genießen, zu Hause sitzen muss.

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Um hier eine gesellschaftliche Schieflage zu vermeiden und die für die Pandemiebekämpfung so zentrale Solidarität nicht zu schwächen, wird gegenwärtig eine breite Debatte, unter anderem angeregt durch den Deutschen Ethikrat, geführt, ob und welche besonderen Regeln es für Geimpfte geben sollte und welche Freiheitsbeschränkungen zu welchem Zeitpunkt schrittweise und sozialverträglich zurückgenommen werden können.

Eigentlich bringt jede Impfung uns einen Schritt weiter heraus aus der Pandemie. Was nützt dann der Impfneid?

Alexander Merkl: Das große Ganze steht für viele Menschen gewiss außer Zweifel, genauso wohl wie die Tatsache, dass Impfneid nicht viel nützt. Aber es geht nun einmal in einer so emotional aufgeladenen Ausnahmesituation, wie sie sich nun schon über Monate erstreckt, nicht immer nur um Rationalität und Nutzenkalkül.

Und woher kommt die sogenannte Impf-Scham, eben jenes Gefühl, das viele haben, wenn sie vielleicht außerhalb der Priorisierungs-Stufen geimpft werden?

Alexander Merkl: Zu nennen sind das Gefühl, offiziell noch nicht an der Reihe zu sein, gegen die Impfreihenfolge und damit gegen den Maßstab der Verteilungsgerechtigkeit zu verstoßen, unsolidarisch zu sein oder anderen etwas wegzunehmen, die es nötiger bräuchten. Außerhalb der Reihenfolge geimpft zu werden kann jedoch gute Gründe haben, die transparent darzulegen sind: der Verfall von ungenutztem Impfstoff zum Beispiel. Zudem ist die Lage an vielen Orten schlichtweg unterschiedlich und demnach nicht oder nur schwer zu vergleichen. Wichtig ist es hier, genau hinzusehen und Missbrauch in keiner Form zu dulden.

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Was steckt grundsätzlich hinter Neid?

Alexander Merkl: Neid als Haltung und Gefühl ist geistesgeschichtlich, psychologisch oder sozialwissenschaftlich vielfältig behandelt, als Grundhaltung und Emotion. Der große Theologe Thomas von Aquin bestimmte den Neid einst knapp als "Trauer über fremde Güter". Man misst sich also an einem anderen Menschen, an dessen Hab und Gut, materiell wie immateriell. Man erkennt einen Mangel bei sich selbst und sieht, dass man etwas nicht hat, was man aber haben will. Man fühlt sich oftmals ungerecht benachteiligt. Neid bezieht sich dabei vor allem auf Selbstentfaltungswerte wie Zeit, Glück oder Zufriedenheit. Aber nicht jeder Mensch ist gleich anfällig für Neid. Ob und wie neidisch wir sind, hängt von ganz verschiedenen Faktoren ab: von biographischen Entwicklungen, Negativerfahrungen, aktuellen Lebensumstände, von einem verletzten Selbstwertgefühl und vielem mehr. Man sollte sich daher bei der Rede von einem "Impfneid" vor allzu vereinfachenden Generalisierungen hüten.

Abseits der negativen Seite: Hat Neid auch etwas Gutes?

Alexander Merkl: Neid wird zumeist nahezu ausschließlich negativ konnotiert. In der Geschichte wird er vielfach als Hauptlaster oder gar als 'Todsünde' gebrandmarkt. Im populären Bereich hat sich dies bis heute gehalten, obgleich andere 'Todsünden' wie Zorn oder Stolz prominenter sein mögen. Präziser ist dann aber vielleicht, vom bösartigen Neid zu sprechen. Denn wie den beiden genannten Haltungen kann auch dem Neid durchaus eine positive Motivationskraft innewohnen. Er kann Entwicklung stimulieren, um beispielsweise erfolgreicher zu sein oder gesünder zu leben. Er kann helfen, das eigene Sein zu hinterfragen und die eigenen Potenziale besser zu nutzen. Den grundsätzlich negativen Charakter des Neidbegriffs kann dies jedoch nicht gänzlich einholen.

Was kann jede und jeder Einzelne tun, um aus einer Neid-Spirale zu kommen?

Alexander Merkl: Zunächst ist es wichtig, den eigenen Neid als solchen zu erkennen und ehrlich zu sich selbst zu sein. Das verlangt bereits viel ab. Dann ist nach den Gründen zu fragen, empfundene Benachteiligungen sind kritisch zu hinterfragen. Hierbei hilft es, die Perspektive auf das Neidobjekt zu verändern oder mit anderen ins Gespräch zu kommen, um die eigene Position zu relativieren. Oft kann es aber auch schon helfen, dankbar im Hier und Jetzt zu leben, Vergleiche mit anderen zu vermeiden oder den Neid, wenn er denn aufkommt, als positiven Ansporn zu nutzen, etwas zu verändern.

Das Interview führte Felix Klabe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 28.04.2021 | 12:00 Uhr

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