Stand: 01.06.2019 13:22 Uhr

Fall Lügde: Zweiter Prozess möglich

Im Missbrauchsfall von Lügde hält der zuständige Oberstaatsanwalt Ralf Vetter einen weiteren Prozess für möglich. Wegen der "Unmenge an Spuren und Hinweise auf mögliche weitere Taten und Tatorte" könne es zu einer Erweiterung der aktuellen Anklage oder zu einem zweiten Prozess kommen, sagte der 59-Jährige von der Staatsanwaltschaft Detmold in einem Interview mit dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland" (Samstag). Die Ermittlungen seien auch mit Prozessbeginn am 27. Juni nicht abgeschlossen, so Vetter.

Haupttäter nannte weitere Beteiligte

Auf dem Campingplatz im Kreis Lippe (NRW) sollen mehr als 40 Kinder zwischen vier und 13 Jahren über mehrere Jahre sexuell missbraucht worden sein. Drei der Beschuldigten sitzen in Untersuchungshaft, gegen fünf weitere wird ermittelt. Dem 56 Jahre alten Hauptverdächtigen wirft die Staatsanwaltschaft in 293 Fällen sexuellen und schweren sexuellen Missbrauch von Kindern vor. Einem 34 Jahre alten Mann werden 162 Fälle vorgeworfen. Ein 49-Jähriger aus Stade ist mitangeklagt, weil er unter anderem in mindestens vier Fällen an entsprechenden Webcam-Übertragungen teilgenommen haben soll.

Staatsanwaltschaft will Höchststrafe fordern

Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Vetter hat der 56-jährige Hauptbeschuldigte Angaben zu seinem Mittäter und weiteren Personen gemacht, gegen die noch ermittelt wird. Zu den Vorwürfen gegen sich selbst schweige der Dauercamper bislang. Die Staatsanwaltschaft werde voraussichtlich die gesetzliche Höchststrafe fordern, kündigte Vetter an. Im Fall des 56-Jährigen und des 34-Jährigen würde dies je 15 Jahre Haft bedeuten. Auch eine anschließende Sicherungsverwahrung stehe im Raum.

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Keine Spur vom verschwundenen Koffer

In dem Interview äußerte sich der Oberstaatsanwalt auch zu den Ermittlungspannen. Im Fall des verschwundenen Asservatenkoffers mit 155 Datenträgern habe man weiterhin keine Spur. Ein Sonderermittler des LKA habe "alles auf den Kopf gestellt und nichts gefunden", sagte Vetter. Er gehe aber davon aus, dass der Inhalt nicht relevant sei: Ein Kommissar-Anwärter habe vor dem Verschwinden alle 155 CDs gesichtet - "und nichts gefunden, was mit den Missbrauchstaten in Lügde zu tun hat, vor allem keinerlei kinderpornografisches Material", so der Oberstaatsanwalt.

Staatsanwalt kritisiert "medialen Wirbel"

Ebenfalls "nicht relevant" seien die bei den Abrissarbeiten auf dem Campingplatz gefundenen weiteren Datenträger. "Der mediale Wirbel darum steht in keinem Verhältnis zur Bedeutung", sagte Vetter. Die Datenträger seien alt und defekt und könnten den Beschuldigten nicht eindeutig zugeordnet werden. Er halte es zudem "für völlig unwahrscheinlich", dass die Dateien in dem Hohlraum versteckt wurden. Stattdessen geht Vetter davon aus, dass diese dort "entsorgt oder vergessen" wurden. Dass die Polizei die Datenträger bei der Durchsuchung nicht gefunden habe, sehe er nicht als Fehler an.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 01.06.2019 | 12:00 Uhr

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