Projekt "stay#dorfkind": Jugendkultur auf dem Land stärken

Stand: 02.05.2021 19:30 Uhr

Was bedeutet es, auf dem Dorf aufzuwachsen? Wie kann das für Jugendliche spannend werden? Ein Modellprojekt in Südniedersachsen will Angebote im ländlichen Raum stärken.

von Theresa Möckel

"Hier geht nichts. Hier kann man nichts machen." Das hört der Sozialarbeiter Moritz Keppler oftmals, wenn er nach bestehenden Angeboten für Jugendliche auf dem Land fragt. Das soll sich ändern. Er ist einer von drei Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern des Landkreises Göttingen, die speziell für das Modellprojekt "stay#dorfkind" arbeiten. Das Projekt soll jugendkulturelle Angebote in drei ausgewählte Gemeinden Südniedersachsens bringen: nach Walkenried, Scheden und Wollbrandshausen. Im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!" wird das Projekt aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert.

Dorfkinder - jung, naturnah, heimatverbunden?

Niedersachsen hat 943 Gemeinden, die sich mitunter nochmals in Ortschaften gliedern. Der Vorsitzende des Zukunftsforums Niedersachsen, Professor Axel Priebs, beschreibt es auch als "Land der Dörfer, die sich breiter Beliebtheit als Wohnorte erfreuen". Beliebt auch bei jungen Erwachsenen, die in ihre Heimatdörfer zurückziehen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Häufig nennen sie in Umfragen die Nähe zur Natur, Ruhe, aber auch die Beziehungen und das gegenseitige Kennen und Vertrauen der Dorfgemeinschaft.

"Ich könnte mir so ein Stadtleben nicht vorstellen"

In ihrer Freizeit treffen sich Sam Benneckenstein und Michel Mattusch häufig mit ihren Freunden, unternehmen etwas im Dorf oder genießen einfach das schöne Wetter. Gerade während der Corona-Pandemie findet es der 15-jährige Sam entspannt, im Dorf zu leben, denn es sind kaum Leute unterwegs. In der Großstadt stellt er sich das schwieriger vor. Michel sagt sogar, er könnte sich ein Leben in der Stadt gar nicht vorstellen. Ein kleiner Nachteil sei zwar, dass Walkenried kein Kino besitzt, aber mehr Nachteile fallen ihm nicht ein. Trotzdem sind die beiden sehr dankbar, dass durch das Projekt ein bisschen frischer Wind ins Dorf kommt. "Das hat sogar ziemlich doll gefehlt, weil man einfach nicht mehr wusste, was man machen soll. Am Anfang ging es, aber mit der Zeit wurde es einfach immer langweiliger", erklärt Sam.

Alles kann, nichts muss

Jugendliche sprühen gemeinsam mit einem Sozialarbeiter Graffiti auf Plastikfolie. © NDR
Der Sozialarbeiter begleitet die Jugendlichen für drei Jahre.

Moritz Keppler begleitet die Jugendlichen in Walkenried und Scheden nun für die nächsten drei Jahre als Sozialarbeiter. Das bedeutet vor allem erst mal: Streetworking, also die Jugendlichen kennenlernen, herausfinden, welche Angebote oder Aktionen fehlen und dann versuchen, genau diese zu organisieren. Dabei gilt: Alles kann, nichts muss. "Es ist alles immer freiwillig und Leute können auch kommen und gehen, wie sie Lust haben", erklärt Keppler. Die Herausforderung sei dabei allerdings, Angebote zu entwickeln, die nicht nur Spaß bringen und attraktiv für die Jugendlichen sind, sondern auch einen pädagogischen Mehrwert haben.

Kulturarbeit: Land versus Stadt

Kulturelle Angebote orientieren sich stark am Standort, weiß Birgit Mandel, Professorin und Direktorin am Institut für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim. Das beginne schon bei der Finanzierung, denn "obwohl eher 50 Prozent der Bevölkerung in eher ländlichen Räumen leben, geht 90 Prozent unserer öffentlichen Kulturförderung in Deutschland in die städtischen Räume". Die städtische Kultur basiere stärker auf Institutionen, zum Beispiel auf Museen, Theatern und Bibliotheken. Auf dem Land gebe es stattdessen deutlich mehr Vereinskultur und ehrenamtliches Engagement. Qualität und Komplexität der Kulturangebote spielen laut Mandel in den Dörfern eine untergeordnete Rolle - wichtiger sei hier die soziale Dimension von Kunst und Kultur.

Bei aller Unterschiedlichkeit: Durch den Ausbau des Internets - auch in ländlichen Regionen - verfügen mittlerweile alle über den gleichen digitalen Kulturraum, wie Mandel erklärt. Das Internet als Quelle für Kunst und Musik spiele vor allem für Jugendliche eine wichtige Rolle.

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