Stand: 31.03.2020 20:04 Uhr

Corona: Weitere Tote in Wolfsburger Pflegeheim

An der Eingangstür der Pflegeeinrichtung "Hanns-Lilje-Heim" in Wolfsburg kleben mehrere Zettel, auf einem steht, dass Besucher keinen Zutritt haben. © dpa - Bildfunk Foto: Ole Spata
Im Hanns-Lilje-Heim in Wolfsburg sind innerhalb kurzer Zeit 18 Bewohner gestorben. Inzwischen gibt es einen Aufnahmestopp für alle niedersächsischen Pflegeheime.

Mittlerweile gibt es im Wolfsburger Hanns-Lilje-Heim 18 Corona-Todesfälle. Das hat der Betreiber, die Diakonie Wolfsburg, am Dienstag in einer Pressemitteilung bekannt gegeben. Bei mindestens vier der infizierten Bewohner zeichne sich ein Rückgang der Symptome ab. Man setze derzeit weiter "auf die strikte Trennung in einen Schutz- und einen Infiziertenbereich". Unterdessen habe man eine Mitarbeiterin in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt in Quarantäne geschickt. Ihr Mann sei positiv auf das Coronavirus getestet worden, hieß es vonseiten der Diakonie.

Aufnahmestopp für Pflegeheime verhängt

Als Reaktion auf die Todesfälle hatte Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) am Montag einen Aufnahmestopp für neue Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen in ganz Niedersachsen verhängt. Ausnahmen gebe es nur für Pflegeheime, die eine 14-tägige Quarantäne für neue Bewohner garantieren könnten sowie spezielle Kurzzeitpflegeeinrichtungen.

Reimann: "Bleiben Sie zu Hause"

Reimann appellierte wiederholt: "Bleiben Sie zu Hause". Eine strikte Abschottung besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen sei das "einzige Mittel, das wir derzeit gegen das Coronavirus haben", sagte sie. Die Ministerin betonte, dass das Land bereits am 16. März ein generelles Besuchs- und Betretungsverbot ausgesprochen hatte. Vielerorts werde sich daran offenbar nicht gehalten. Reimann erklärte, sie habe Kenntnis von Fällen, in denen Besucher ihre Angehörigen dennoch zu einem Kaffee ausgeführt oder mit nach Hause genommen hätten.

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Heim hätte Gesundheitsamt informieren müssen

Mit den Pflegeheimen sei bereits vor einiger Zeit ein Acht-Punkte-Plan ausgehandelt worden, was zu tun ist, wenn ein Bewohner oder ein Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt ist. Dazu gehört auch, dass die Einrichtungen unverzüglich das Gesundheitsamt informieren müssen. Warum dies im Fall des Hanns-Lilje-Heims nicht passiert sei, sei nicht bekannt. Ob diese Verzögerung strafrechtlich relevant ist, könne laut Claudia Schröder vom Krisenstab zum jetzigen Zeitpunkt nicht bewertet werden. Wie es zum Ausbruch des Virus in dem Heim kommen konnte, ist unklar.

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Anzeige wegen fahrlässiger Tötung

Zuvor war bekannt geworden, dass ein Rechtsanwalt Anzeige wegen fahrlässiger Tötung in zwölf Fällen gestellt hat. Von den derzeit 145 Bewohnern des Hanns-Lilje-Heims soll etwa die Hälfte mit dem Coronavirus infiziert sein. Laut Gesundheitsamt Wolfsburg ist noch nicht klar, wie viele der Todesopfer ausschließlich an den Folgen von Covid-19 gestorben seien. Allein am Freitag hatte die Stadt den Tod von sechs infizierten Frauen und zwei Männern im Alter zwischen 76 und 100 Jahren gemeldet.

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Anwalt soll sich auf Informationen von Mitarbeitern beziehen

Wie NDR 1 Niedersachsen berichtet, soll der Rechtsanwalt in seinem Schreiben schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen der Diakonie erheben. Schutzmaßnahmen seien zu spät umgesetzt worden und die hygienischen Zustände mangelhaft. Er soll sich in seinen Aussagen auf Informationen von Mitarbeitern des Heims beziehen.

Diakonie: Landesgesundheitsamt hat keine Mängel festgestellt

Man gehe den Vorwürfen nach und kooperiere mit der Staatsanwaltschaft Wolfsburg, hieß es seitens der Diakonie am Montag. Niedersachsen-Vorstand Hans-Joachim Lenke betonte allerdings, dass in einer Begehung am Sonntag durch das Landesgesundheitsamt "nach unseren Informationen keine Mängel festgestellt" wurden. "Die Geschäftsführung hat bereits frühzeitig Maßnahmen gegen das Covid-19-Virus eingeleitet und auch auf fehlende Schutzausrüstung hingewiesen." Bis zu einer Klärung dürfe es keine Vorverurteilung geben.

Zimmer müssen komplett gereinigt werden

Die Diakonie Wolfsburg teilte mit, das Team im Pflegeheim arbeite "am Menschenmöglichen, um unsere Bewohner in dieser Situation bestmöglich zu versorgen und weiteren Infektionen vorzubeugen. Wir müssen die Zimmer, aus denen Infizierte ausziehen, komplett reinigen und desinfizieren, inklusive Mobiliar, persönlichen Gegenständen, Wäsche und Kleidung". Erst dann könnten negativ getestete Bewohner dort einziehen. Erste Hilfsangebote seien eingegangen: Am Sonntag hätten sich 29 Menschen gemeldet, die helfen wollten.

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"Gesundheitsamt muss übernehmen"

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte eine Überarbeitung der Schutzkonzepte für die etwa 11.700 vollstationären Pflegeheime. Sobald ein Bewohner grippeähnliche Symptome zeige, müssten alle Heimbewohner getestet werden, forderte die Stiftung. "Wird das Coronavirus nachgewiesen, muss das Gesundheitsamt mit der Heimaufsicht das medizinische Management unverzüglich übernehmen", hieß es in einer Stellungnahme. In Wolfsburg waren nach Angaben des Trägers einige der Infizierten allerdings symptomfrei.

41 Corona-Fälle in Wildeshausen. 22 Fälle in Herzberg

Ebenfalls am Sonntag war bekannt geworden, dass sich in einem Seniorenheim in Wildeshausen (Landkreis Oldenburg) 23 Bewohner und 18 Pflegekräfte mit dem Coronavirus angesteckt haben. Auch in einem Pflegeheim in Herzberg (Landkreis Göttingen) wurden 14 Bewohner positiv sowie acht Beschäftigte positiv getestet. Nach NDR Informationen wurden zwei der Infizierten in ein Krankenhaus gebracht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 30.03.2020 | 15:00 Uhr

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