Stand: 27.09.2019 15:40 Uhr

Zahnmobil hilft Menschen ohne Versicherung

von Wiebke Neelsen

In Deutschland leben nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe BAG W etwa 48.000 Menschen auf der Straße (Stand: 2017). Staatliche Stellen können nicht alle Bedürfnisse von Obdachlosen befriedigen. Privatinitiativen versuchen, Lücken in der Versorgung und Betreuung von Wohnungslosen zu schließen - zum Beispiel bei der Zahnbehandlung. In Hannover ist so das Zahnmobil für Obdachlose entstanden. Das hilft besonders Menschen ohne Krankenversicherung, weil sie sich nicht so einfach in einer Arztpraxis behandeln lassen können. Die NDR Info Perspektiven haben sich das Angebot in Hannover angesehen.   

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Präsenz zeigen: Das Zahnmobil ist nicht nur für Bedürftige da, sondern zeigt sich auch bei Veranstaltungen wie hier beim Entdeckertag der Region Hannover.

Wie jeden Mittwoch fährt das Zahnmobil, ein umgebauter Rettungswagen, auf den Hof des Tagestreffs für Wohnungslose in der hannoverschen Nordstadt. Eine Patientin steht schon bereit: Annette war schon öfter beim Zahnmobil. Sie ist zwar krankenversichert, hat aber Angst vor Zahnärzten, fühlt sich in Arzt-Praxen unwohl und aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustands nicht gut aufgehoben. Das ist beim Zahnmobil anders: "Die Ärztin ist wie eine Mutter zu mir - einfach super."

Bedingungslose Hilfe

Als Mutter bezeichnet Annette die Zahnarzt-Helferin Angela McLeod - wenn man so will, die gute Seele des Zahnmobils - denn McLeod ist immer dabei. Die Ärzte und Ärztinnen wechseln je Einsatz. Bis zu fünfmal in der Woche fährt das Mobil verschiedene Kirchen, Wohnheime und Tagestreffs an, um dort für die Patienten da zu sein. Für Angela McLeod ist es ein Traumjob: "Es macht mir Spaß, mit diesen Menschen umzugehen und ihnen zu vermitteln, dass sie doch noch normal sind. Das haben sie jahrelang nicht erlebt. Sie sind viel abgewiesen worden in den Praxen und bei uns halt nicht. Bei uns werden sie so genommen, wie sie sind. Auch wenn sie morgens um neun betrunken sind."

Ein Mann und eine Frau stehen vor einem Zahnmobil.

Zahnmobil: Hilfe für Obdachlose und Versicherungslose

Markt -

Die medizinische Versorgung von Obdachlosen und Menschen ohne Krankenversicherung ist oft nicht einfach. Das Zahnmobil in Hannover hilft ihnen bei akuten Problemen.

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Viele persönliche Schicksale

Die Zahnarzthelferin wird schon mal privat in der Innenstadt erkannt und spontan von ihren Patienten umarmt. Aber manchmal macht sich auch so ihre Gedanken, wenn jemand seit Monaten oder Jahren nicht mehr in die Sprechstunde gekommen ist. "Manche, die den Absprung geschafft haben, kommen wieder und sagen: ich hab es geschafft, ich habe eine Wohnung und einen Job, bin aus der Szene raus, aber meistens sind es doch Schicksale, die nicht so toll sind." Diese Lebensgeschichten nicht mit nach Hause zu nehmen, musste McLeod erst lernen in den vergangenen sieben Jahren.

Patienten mit konkreten Bedürfnissen

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Das Zahnmobil auf Reisen: Hier zu Gast beim Hildesheimer Wohlfühlmorgen mit Zahnärztin Anja Bunnenberg (2.v.l.) und Zahnarzthelferin Angela McLeod (ganz rechts).

Ansonsten gleicht die Arbeit im Zahnmobil der in anderen Zahnarztpraxen - es gibt sogar ein kleines Röntgengerät. Kompliziertere Aufgaben können aber nicht vorgenommen werden - und es müsse fallabschließend gearbeitet werden, weil die Patienten möglicherweise nicht wiederkommen, sagt Angela McLeod: "Sie kommen hierher, haben Schmerzen und wollen die loswerden. Wir machen eine Füllung oder Entfernung oder Kanalbehandlung, und wenn du denen sagst, die sollen wiederkommen, um das Medikament zu wechseln, passiert es, dass sie erst nach drei Monaten wiederkommen. Für manche ist es nicht machbar, sich an Termine zu halten. Stattdessen sind andere Dinge wesentlich wichtiger: Wo kriege ich meinen Alkohol her? Manche sind auch nicht in der Lage, sich fortzubewegen."

Dankbarkeit statt Anspruchshaltung

Es gibt noch einen Unterschied zu Patienten, die in eine herkömmliche Zahnarztpraxis gehen – so wie in die von Ralf-Joachim Schulz in Burgwedel: "Die Anspruchshaltung eines normalen Patienten ist, eine optimale Versorgung zu bekommen, möglichst schnell dranzukommen und dass man sich hundert Prozent um ihn kümmert. Macht man ja auch. Der Patient hier ist froh, überhaupt behandelt zu werden. Die Patienten sind unheimlich dankbar, wenn man ihnen hilft, mit Schmerzen, mit abgebrochenen Zähnen, wir können ja hier nur Notfallmedizin machen, aber das macht Spaß." Schulz ist einer der Zahnärzte, der mittwochnachmittags, wenn seine eigene Praxis in Burgwedel geschlossen ist, auf dem Zahnmobil mitarbeitet - komplett ehrenamtlich. Die einzige Festangestellte ist Zahnarzthelferin Angela McLeod.

Projekt lebt von Spenden

Das Projekt finanziert sich über einen Förderverein und Spenden, größtenteils von der Diakonie. Denn nur circa ein Drittel aller Patienten haben eine Krankenversicherung. Die Kosten pro Jahr belaufen sich auf circa 80.000 Euro. Die nächsten Jahre seien finanziell keineswegs sichergestellt, so der zahnärztliche Leiter Dirk Ostermann. Man lebe vor der Hand in den Mund: "Wir müssen schauen, wie es die nächsten Wochen weitergeht, wir haben Fluktuation und finanzielle Engpässe und hoffen, dass wir immer wieder Gelder zugebilligt bekommen." Denn die unkomplizierte Hilfe des Zahnmobils hat sich auf Hannovers Straßen schon herumgesprochen - und wird gerne angenommen. Auch von einem Mann aus Kasachstan, der sagt: "Wenn ein Mensch mit Schmerzen kommt, dann helfen sie - das ist ein Meilenstein. Aber es gibt für ganz Hannover nur ein einziges Zahnmobil, ich will mehr."

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27.09.2019 15:40 Uhr

In einer früheren Version des Artikel stand, dass knapp 700.000 Menschen in Deutschland auf der Straße leben. Das ist nicht korrekt. Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe BAG W gab es im Jahr 2017 zwar ca. 650.000 Menschen ohne Wohnung - unter ihnen knapp 300.000 Geflüchtete . Aber nur ein geringer Teil der Wohnungslosen lebt auf der Straße. Die allermeisten Wohnungslosen sind in kommunalen oder frei-gemeinnützigen Unterkünften untergebracht. Die Zahl der Menschen, die ohne jede Unterkunft auf der Straße leben, beträgt laut BAG W circa 48.000 (Stand: 2017). Wir bitten für diesen Fehler um Entschuldigung.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 28.09.2019 | 07:50 Uhr

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