Stand: 26.04.2019 11:51 Uhr

Rollende Duschen für Obdachlose in Hamburg

von Lea Eichhorn, NDR Info

Für Menschen, die auf der Straße leben, werden alltägliche Dinge zur großen Herausforderung - auch die regelmäßige Dusche. Das Hamburger Crowdfunding-Projekt "GoBanyo" will deswegen einen sogenannten Duschbus auf die Straße bringen. Ob der eine Hilfe für die Betroffenen sein kann, beleuchten die NDR Info Perspektiven.

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Im Projekt "GoBanyo" engagieren sich mehrere Menschen ehrenamtlich, um den Duschbus auf die Straße bringen zu können.

Philipp lebt seit drei Jahren auf der Straße. Seine krausen Haare hat er zu kinnlangen Rastazöpfen geflochten. Er ist aus Ghana nach Deutschland gekommen. Der 26-Jährige steht im Hof von Herz As, einer Einrichtung für Obdachlose in Hamburg. Eigentlich wollte Philipp hier duschen, aber: "Heute habe ich keine Karte bekommen. Ich bin zu spät gekommen." Als er um 10 Uhr ankam, waren die Duschkarten für diesen Tag schon alle vergeben, sagt er. "Alle waren fertig."

Ein HVV-Bus, der zu einem Duschbus für Obdachlose umgebaut werden soll, steht vor einem Gebäude. © NDR

Duschbus soll Wohnungslosen in Hamburg helfen

NDR Info - NDR Info Perspektiven -

Dank des Projekts "GoBanyo" soll in Hamburg ein ehemaliger HVV-Bus zu einem Duschbus für Wohnungslose umgebaut werden. Er soll ihnen eine kurze Pause vom Straßenalltag ermöglichen.

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Wer etwas Geld hat, geht auch mal ins Schwimmbad

Im Herz As gibt es vier Duschen für Männer, eine für Frauen. Wer duschen möchte, muss sich morgens in eine Liste eintragen. Für etwa 2.000 Obdachlose gibt es in Hamburg gut zwanzig Duschplätze in sozialen Anlaufstellen. Wer etwas Geld hat, geht auch mal ins Schwimmbad, erzählt Dominik Bloh. Er hat "GoBanyo" gegründet.

Er selbst hat elf Jahre lang immer wieder Platte gemacht, auf der Straße gelebt. Der heute 30-Jährige hat seit drei Jahren wieder eine eigene Wohnung. Ständig dreckig zu sein, das sei besonders schlimm gewesen, erinnert er sich an seine Zeit als Obdachloser: "Die Straße schluckt einen. Da geht ganz viel verloren, auch so etwas wie Selbstwertgefühl oder Selbstbewusstsein, eine Ausstrahlung. All das hast du nicht mehr, wenn du schmutzig bist und wenn du das nicht abwaschen kannst."

Mobiles Badezimmer statt enger Nasszelle

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Dominik Bloh möchte, dass sich die Obdachlosen im Duschbus etwas Selbstwertgefühl zurückholen können.

Vor eineinhalb Jahren beschloss Bloh: Er will einen Duschbus auf die Straße bringen, so wie es ihn schon in San Francisco in den USA gibt. Ein mobiles Badezimmer also. Dafür überlässt die Hamburger Hochbahn ihm und seinen Mitstreitern einen alten Linienbus. Noch sind die Haltestangen und bunt gemusterten Sitze drin, bald aber sollen hier mehrere Duschen eingebaut werden.

Bloh hat das Bild des umgebauten Busses schon genau vor Augen: "Das sind voll ausgestattete Badezimmer, wo die Menschen Privatsphäre haben, eine halbe Stunde Ruhe. Das soll sich nicht anfühlen wie eine Nasszelle, wo man womöglich eingeengt steht, sondern man soll sich in Ruhe ausbreiten können und eine halbe Stunde was Gutes tun."

Das Geld für den Umbau sammelt das Projekt "GoBanyo" über Crowdfunding, also Spenden. Die 140.000 Euro für den Umbau haben die ehrenamtlich Aktiven schon zusammen. Für den laufenden Betrieb benötigen sie weitere 60.000 Euro. Ab Herbst diesen Jahres soll der Bus fahren, hauptsächlich mit Ehrenamtlichen.

Kritik von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe

Auf dem Bild ist der Innenraum eines Busses mit vielen Sitzen zu sehen. © NDR Foto: Lea Eichhorn

Pause vom Alltag auf der Straße im Duschbus

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Regelmäßiges Duschen kann für Menschen ohne festen Wohnsitz eine Herausforderung sein. Das Hamburger Projekt "GoBanyo" will daher einen Duschbus auf die Straße bringen.

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Blohs Idee stößt nicht nur auf Begeisterung. Sabine Bösing von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe kritisiert: "Überlebenshilfen, die wir zur Verfügung stellen, sollen weiter eingebunden werden." Das bedeute etwa, dass nicht einfach ein mobiler Bus vorfahre, an dem die Obdachlosen anstehen und dann dort duschen können. "Es sollen sichere Räume zur Verfügung gestellt werden, wo ich duschen kann." Hilfsangebote sollten eigentlich darauf abzielen, jedem Menschen ein Dach über dem Kopf zu verschaffen, so Bösing. Dafür seien die Kommunen verantwortlich.

Der Sprecher der Sozialbehörde in Hamburg, Martin Helfrich, erklärt, das städtische Hilfsangebot sei bereits sehr breit aufgestellt - auch die Duschmöglichkeiten für Wohnungs- und Obdachlose. Dennoch sei eine weitere Tageseinrichtung in der Innenstadt geplant: "Wir sehen im Moment keinen dringlichen Bedarf, gleichwohl glauben wir, dass eine zusätzliche Verstärkung, punktuell, immer da, wo sie Zahnrad in Zahnrad arbeitet mit den anderen Einrichtungen, auch eine gute Unterstützung sein kann."

Dorthin fahren, wo die Duschen gebraucht werden

Menschen, die Obdachlosen helfen, müssen immer abwägen: Einerseits wollen sie Hilfe vor Ort leisten, wo sie dringend gebraucht wird. Andererseits wollen sie Obdachlose auch dazu bewegen, in die festen Anlaufstellen zu gehen. Dort bekommen sie eine warme Mahlzeit, können sich Post hinschicken lassen oder werden bei der Wohnungssuche beraten.

Dennoch: Bloh und die anderen Ehrenamtlichen von "Go Banyo" setzen mit dem Duschbus auf mobile Hilfe: "Damit wir autark unterwegs sein können und die Orte erreichen, wo die Menschen sich aufhalten, nicht nur zentral im Stadtkern, sondern womöglich auch weiter außerhalb." Er will dorthin fahren, wo die Duschen gebraucht werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | NDR Info Perspektiven | 26.04.2019 | 10:20 Uhr

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